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Katha­ri­na Fern­er 23. — 29. 11. 2020

Karin Pesch­ka 7. — 13.12.2020

Daniel Wiss­er 14. — 18.12.2020


Journal von Tanja Raich

Landschaften bei Wien

5. Dezem­ber

Das Riesen­rad ste­ht still. Jedes Mal, wenn ich daran vor­beige­he, ste­ht es genau­so still wie die Tage zuvor. Ist das ein Schat­ten, eine Stimme, ist das ein Pferd dort oben, auf dem höch­sten Wag­gon? Bewegt sich da etwas hin­ter den Fen­stern? Die Krähen fliegen über das Gerüst, lan­den auf den Spe­ichen. Ein Raunen geht durch den Park, ein leis­es Sur­ren, ein Rauschen. Das Klap­pern der Rol­l­lä­den, ein Ächzen im Wind. Der Klang der Stim­men erhebt sich, ebbt wieder ab. Geis­ter der Ebene, Geis­ter des wach­senden Stroms, zu unserem Ende gerufen, hal­tet nicht vor der Stadt! Wir spie­len die Tänze nicht mehr, aber woher dieses Lied? Durch Staub und Wolken­spreu zeich­nen sich Melo­di­en ab, weit über dem Riesen­rad flir­ren sie im Dunkeln, voller Dis­so­nanzen. Ich sage mich los von der Zeit. Ein Geist unter Geistern.

* in Anlehnung an „Große Land­schaft bei Wien“ von Inge­borg Bachmann


4. Dezem­ber

Unter mir das Rascheln des Laubs, das Knack­en der Äste. Der Geruch des Waldes, der Geruch des Win­ters. Die Bäume ziehen sich über mir zusam­men, feine Lin­ien, die sich zum Him­mel streck­en. Im Wald einzelne Gestal­ten, ein paar Stim­men, die wieder ver­s­tum­men. Ein weißes Haarknäuel, ein Hund, der sich ver­laufen hat. Er macht kehrt, als er mich sieht. Die anderen Tiere im Win­ter­schlaf. Nur die Krähen sind aus der Ferne zu hören, die sind immer hier. Hin und wieder gibt es noch Sträuch­er mit einzel­nen Blät­tern darauf, als wür­den sie sich mit aller Kraft fes­thal­ten, als wären sie noch nicht bere­it für den Win­ter. Der Nebel macht die Sicht trübe. Alles ist braun und grau, mit grü­nen Fleck­en dazwis­chen, alles fällt langsam in sich zusam­men, legt sich schlafen, schöpft Atem. Mit­ten im Wald finde ich einen Unter­schlupf. Lange Äste in der Erde, zu einem spitzen Dach geformt. Sie geben Schutz und den Blick frei auf alles rund­herum, auf die weni­gen Gestal­ten, die durch den Wald wan­dern, ihre Ruhe suchen, auf das Blät­ter­meer da draußen. Vielle­icht ist sie das, die Fes­tung, die ich gesucht habe, vielle­icht bin ich jet­zt ans Ende gekom­men, habe den let­zten Faden gefun­den, der alles vere­int. Ich gehe hinein, set­ze mich auf den Wald­bo­den. Die Kälte unter mir, das Knar­ren der Baum­stämme, die dem Wind nachgeben. Ich schaue hin­aus durch die Äste, schaue hinein in den Wald. Ich halte den Atem an und da ist es schon, dieses Trom­meln von wei­ther, Schritte, die sich näh­ern und wieder ent­fer­nen, weit oben ein Schat­ten, der von einem zum näch­sten Baum wan­dert. Da ist das Rauschen des Meeres, das Feuer am Hor­i­zont, da sind die Bilder, so viele Bilder, die sich übere­inan­der­legen, sich miteinan­der verbinden. Von hier schaut alles ganz ein­fach aus.


3. Dezem­ber

In der Stadt die Leuchtschriften. Die meis­ten davon nut­z­los gewor­den. Sie kündi­gen an, was ver­schlossen ist. Die Fle­d­er­maus in der Spiegel­gasse. Das Blu­mengeschäft in den Tuch­lauben, der Fasching­sprinz auf der Taborstraße. Die Nelke am Volk­ert­markt. Der Friseur. Der Uhrma­ch­er. Die Susi Bar. Die Nacht­lokale schon seit Monat­en ver­staubt. Manche Geschäfte und Gasthäuser für immer geschlossen. Manche ren­ovieren, nehmen sich jet­zt die Zeit für das, was lange schon fäl­lig war, malen neu, tauschen aus, ziehen um. Manche reichen das Essen aus dem Fen­ster, schreiben Schilder, um auf sich aufmerk­sam zu machen: Der Chef ist da und kocht für dich alles, was du willst. Jet­zt erin­nern wir uns an diese Tage. Wir gle­ichen ab und ord­nen ein. Wir erin­nern uns an die Zeit­en, die ver­gan­gen sind, die anders waren, leichter vielle­icht. Viele sagen: Ich erin­nere mich an die Zeit „davor“. Oder sie sagen: Weißt du noch? Erin­nerst du dich? Wann wer­den wir endlich wieder … Wir erin­nern uns an Momen­tauf­nah­men, an ein vages Gefühl, an ein größeres Stück Frei­heit. Der Wun­sch, diese Tage wieder zurück­zu­holen, macht sich schon am Mor­gen bre­it und bleibt bis zum Abend. Kön­nten wir nicht noch ein­mal erleben, was wir all diese let­zten Male erlebt haben? So viele let­zte Male: einge­frorene Bilder, ein wenig verblasst, ein wenig zu grell, mit Sicher­heit in anderen Far­ben, langsamer, in Zeitlupe oder schnell und verwack­elt, ver­schwom­men, als hät­ten sich mehrere Bilder, ver­schiedene Erin­nerun­gen darüber gelegt. Die let­zte Umar­mung. Der let­zte Kuss. Die let­zte Berührung. Der let­zte Atem auf den Wan­gen. Das let­zte Mal über den Ozean geflo­gen. Das let­zte Mal im Kino, im Lit­er­aturhaus, im The­ater gesessen. Das let­zte Mal die Hand der Groß­mut­ter gehal­ten. Das let­zte Mal die Mut­ter in den Arm genom­men. Das let­zte Mal aus­geschwärmt in der Nacht, getanzt bis zum Mor­gen, Kör­p­er an Kör­p­er. Das let­zte Mal eine Hand geschüt­telt, einen Frem­den geküsst, ohne nachzu­denken, ein­fach gemacht. Das let­zte Mal diese Leichtigkeit gespürt. Das let­zte Mal Nähe statt Abstand gesucht. Die Welt ist aus­ge­blieben. Es gilt, mit dem Nachk­lang im Mund weit­er zu gehen. Über der Brüs­tung im Park weht so ein­sam das Haar.

* in Anlehnung an „Große Land­schaft bei Wien“ von Inge­borg Bachmann


2. Dezem­ber

Es gibt noch andere Türen. Der Blick nach draußen. Der Blick in die Fen­ster. Mein Blick ver­liert sich, verbindet sich mit der Erin­nerung, wie viele Fen­ster habe ich schon gese­hen? Wie viele Men­schen habe ich in ihren Woh­nun­gen beobachtet? In wie vie­len Städten und Orten? Die Erin­nerung ver­schwimmt mit der Fik­tion. Die Fen­ster vari­ieren, wer­den zu Möglichkeit­en. Weit ent­fer­nt, ich kann nur noch Umrisse erken­nen, sehe ich in das Wohnz­im­mer eines alten Mannes, der auf dem Sofa sitzt und ein Buch liest. Worüber liest er da? Vielle­icht liest er ein Buch über den Mond, über ver­lorene Kinder, ein Buch über Viren oder die Geschichte eines Über­leben­den, vielle­icht liest er genau dieses Buch, das ich vor Jahren gele­sen habe, von einem, der Geschicht­en erzählt und immer wieder von vorne begin­nt, sie immer wieder von Neuem erzählt, und jedes Mal kommt etwas Neues hinzu. Er schaut nicht auf, ist in sein Buch ver­tieft. Ich sehe nie­man­den, der bei ihm ist, aber ich sehe nur diesen kleinen Auss­chnitt, diesen Blick auf das Sofa im Wohnz­im­mer: Da sitzt ein alter Mann und liest ein Buch. Ich erin­nere mich an die vie­len Fen­ster. Bei Tag und bei Nacht. Schat­ten und Stim­men dahin­ter. Ich erin­nere mich an einen Schaus­piel­er, der ein Lied gehört, dann auf der Gitarre gespielt und gesun­gen hat, wochen­lang das­selbe Lied. Immer wenn ich es höre, fällt er mir wieder ein, seine Sil­hou­ette hin­ter dem Fen­ster und die schiefen Töne, dieses grässliche Liebeslied. Ich erin­nere mich an zwei Kinder, die auf dem Fen­ster­brett saßen und Wasser­bomben in den ver­dreck­ten Innen­hof war­fen, während weit­er oben jemand mit ein­er Stein­schleud­er auf die Tauben schoss. Ich erin­nere mich an ein Paar, das ich jeden Tag zu Bett gehen sah, an der Wand ein Herz und ein Schriftzug auf Pol­nisch. Eines Tages ist er aus­ge­zo­gen und sie lag allein mit dem Tele­fon im großen Dop­pel­bett. Der Schriftzug an der Wand unverän­dert. Ich erin­nere mich an eine Fam­i­lie, die zu fün­ft im Bett lag, ein Knäuel aus Armen und Beinen. An so viele Fam­i­lien in so vie­len Städten, die an einem Tisch saßen oder auf dem Boden, im Bett lagen oder auf dem Sofa. An so viele Men­schen vor dem Fernse­her, hantierend in den Küchen, rauchend an den Fen­stern. Es sind die alltäglich­sten Hand­lun­gen, die sicht­bar wer­den. Mit jedem Fen­ster öffnet sich eine neue Welt, öff­nen sich Möglichkeit­en und ganze Geschicht­en. Ich erin­nere mich an eine alte Frau, wie sie vor dem Fernse­her eingeschlafen ist, mit einem Buch auf dem Schoß. Von der Straße aus gese­hen war es, als würde ich bei ihr im Wohnz­im­mer ste­hen. Fast hätte ich ihr das Buch aus der Hand nehmen und eine Decke über sie leg­en wollen. Der Mann bewegt sich nicht, er sitzt da und liest, es passiert nichts in diesem Raum. Da gibt es nur ihn und dieses Buch. Ein Fen­ster woan­der­shin, ich werde nie wis­sen, wo es ihn hin­führt. Es kön­nte ihn über­all geben, diesen Mann: in Mum­bai oder Colom­bo, in Neapel oder Tel Aviv, in Mex­i­co City, Bangkok oder Kairo. Nach einem Spazier­gang durch die Stadt, vor­bei an den geschlosse­nen Restau­rants und Bars, an den staubi­gen Schaufen­stern, an den Leuchtschriften der Kinos vor­bei, die Filme ankündi­gen, die nie gezeigt wur­den, öffnet er wieder die Tür zu sein­er Woh­nung. Er legt seinen Man­tel ab, vielle­icht tritt er kurz ans Fen­ster, schaut über die Stadt in die Woh­nun­gen der anderen hinein, set­zt sich aufs Sofa und liest ein Buch.


1. Dezem­ber

Tief in den Wäldern des Praters ver­lieren sich die Wege. Die Äste liegen kreuz und quer, Baum­stümpfe und morsche Stämme bieten Zuflucht für die Tiere des Waldes. Die Bäume streck­en sich ins Licht, vom Wind so verwach­sen, nach Kör­pern geformt, wie Wesen aus ein­er anderen Zeit. Abseits der Pfade, wo sich die Stim­men ver­lieren und sich so weit ent­fer­nen, als wäre da wirk­lich nie­mand mehr, öffnet sich eine Tür. Ich suche sie auf, immer wieder kehre ich dor­thin zurück, ich trete ein und ver­schwinde. Sie führt mich weit­er durch den Wald, die Land­schaft verän­dert sich: Aus den Pap­peln und Kas­tanien for­men sich Pal­men und Eisen­holzbäume. Die Eich­hörnchen fär­ben sich grau, streck­en ihre gestreiften Schwänze in die Höhe, wenn sie meine Schritte hören. In den Ästen raschelt und knackt es. Die Vögel sind aufge­brachter, pfeifen andere Melo­di­en, aber die Krähen sitzen auch hier in den Baumkro­nen und beobacht­en mich. Ich höre das Rauschen des Meeres, ein Schla­gen und Tosen. Der Geruch nach Zimt und Jas­min, nach feuchter Erde und Salz. Ich laufe durch die Wälder und suche nach den Geschicht­en, die ich ver­loren habe, die ich überse­hen habe, suche die Geschicht­en, die ich vergessen, die ich missver­standen habe, ich ver­suche endlich zu begreifen und spinne neue Geschicht­en. Manch­mal passiert das, wenn sich etwas verän­dert. Wenn sich etwas im Gebüsch bewegt, wenn sich die Wolken über die Sonne leg­en und alles ver­dunkeln. Ich gehe tiefer, immer weit­er hinein, da bin nur noch ich, ein Wald und all die Bilder, die schon vor mir liegen, in Buch­staben gebändigt: schwarz auf weißem Unter­grund, sie for­men sich zu Sätzen, stapeln sich zu Hause auf weißem Papi­er. Die Fäden ziehen sich durch die Seit­en, brechen ab, dann halte ich inne, gehe wieder auf die Suche, sie sind irgend­wo in den Wäldern. Manch­mal liegen sie im Kle­in­sten ver­bor­gen, in der unschein­barsten Beobach­tung. Manch­mal ist es nur ein Blatt, das von einem Baum fällt.


30. Novem­ber

Der let­zte Tag im Novem­ber. Die Bäume kahl. Ein Meer aus morschem Laub liegt an der Prater Haup­tallee, versinkt im Morast, ver­west allmäh­lich, ver­schwindet. Die Kälte kriecht über die Haut. Der Nebel schle­icht durch den Wald. Die Sil­hou­et­ten der Krähen in den Baumkro­nen, sie blick­en herab auf die unter ihnen, auf die Schweigsamen und Ein­samen, auf die Ziel­stre­bi­gen und Aus­dauern­den, auf die Ver­sunke­nen und Geschwätzi­gen, auf die Weni­gen. Das Riesen­rad ste­ht still, seine Spe­ichen glänzen im Licht. Die Wag­gons unbrauch­bar gewor­den, nie­mand, der sie betritt. Kein Rat­tern. Keine Lichter. Der Geruch nach gebran­nten Man­deln ver­flo­gen. Kein Taga­da. Kein Auto­drom. Das Karus­sell lässt seine Ket­ten hän­gen. Nichts hört man. Nichts dreht sich. Nur der Wind dreht die Blät­ter im Kreis, die noch nicht zer­stampft und ver­gan­gen sind. Die Geis­ter­bahn ist ver­schlossen, der Prater selb­st zum Geist gewor­den. Das let­zte Mal griff der Krieg hinein, aber das Rad hielt stand. Mit­ten im Schutt, nackt, aber aufrecht. Jahre später drehte es sich wieder – das leise Rat­tern und die Sil­hou­et­ten der Men­schen hin­ter den Fen­stern – dreiund­siebzig Jahre lang. Dreht sich das Riesen­rad, ist die Welt in Ord­nung, dachte ich ein­mal, bis es tat­säch­lich still­stand. Aber die Welt war noch nie in Ord­nung. Jet­zt hat sie sich ver­langsamt, sie dreht sich ächzend um die eigene Achse, erstar­rt, kommt wieder zu Atem, schneller, dreht sich weit­er, immer weit­er. Wir spie­len die Tänze nicht mehr, die Dis­so­nanzen sind gelichtet.

* in Anlehnung an „Große Land­schaft bei Wien“ von Inge­borg Bachmann


Jour­nal von Katha­ri­na Fern­er 23. — 29. November