Jour­nal, Lit­er­aturhaus am Inn
15. – 21. 4. 2020, Hans Platzgumer

- — - — -

 

#1 – Mittwoch, 15. 4. 2020:

 

Aus Bogn­ers Arbeit­sno­ti­zen Mittwoch 4

 

Ich has­se Kapitelüber­schriften. Let­zte Woche habe ich entsch­ieden, einen Roman nicht mehr weit­erzule­sen, weil ich das Konzept, nach dem seine Kapitelchen benan­nt waren, nicht mehr ertrug. Alle paar Seit­en dieser Hum­bug, ich hielt es nicht mehr aus.

Romane in große Abschnitte zu gliedern und diese benen­nen zu dür­fen, ist hinge­gen eine Gnade. Mögliche Titel, die als Buchti­tel nicht stark oder umfassend genug sind und ver­wor­fen wer­den, wer­den so vor dem Mülleimer gerettet, erhal­ten einen Trost­preis. Kapitelüber­schriften aber ver­di­enen keine Milde. Meist num­meriere ich Kapi­tel ein­fach durch. Bei Am Rand nan­nte ich jedes Kapi­tel gle­ich: Hitot­su – japanisch für „Erstens“, das trotz fort­laufend­er Zäh­lung unverän­dert bleibt und somit die Gle­ich­w­er­tigkeit aller Schritte betont, der großen, kleinen, frühen, späten. Bei meinem neuen Roman­manuskript habe ich Aster­iske ver­wen­det – und zwar infla­tionär. Bei jedem Kapi­tel kam ein weit­eres Sternchen dazu, am Ende waren es 42. Meine Lek­torin wies mich darauf hin, dass dieses sture Ver­fahren ein wenig albern sei. Ich wider­sprach ihr nicht.

Dieser Roman ist seit ein paar Monat­en fer­tig lek­to­ri­ert und hätte Ende Juli erscheinen sollen. Dann kam der Coro­n­afrüh­ling, sei­ther hat kein Plan mehr Bestand. Mein Buch wurde auf Früh­jahr 21 ver­schoben. Es ist eine Geduld­sprobe für mich, wie der Lock­down für uns alle eine ist. Lock­down­woche 5 bere­its, ich glaube es kaum, wo rin­nt mein Leben hin?

Im Lock­down schreibt man keine Romane. Es ist unmöglich, sich in eine fik­tive Welt hine­in­fall­en zu lassen, wenn gle­ichzeit­ig die reale immer sur­real­er wird. Im Lock­down schreiben alle Tage­buch. Eine Flut an Zeit­bericht­en entste­ht. Ich schreibe seit Beginn ein Log­buch im Wochen­takt auf www.platzgumer.net/Logbuch. Nun übernehme ich hier eine Woche lang den Jour­nal­dienst und übe per­sön­lich Rache an Covid-19: Ich gebe jedem Jour­nalka­pi­tel einen Titel, den ich aus meinem von Coro­na ver­schobe­nen Roman mit­tels des vielle­icht einzi­gen gelun­genen Kapiteltitel­prinzips der let­zten Jahre gener­iere. Mein Ver­lagskol­lege A. Geiger kom­ponierte die Kapi­tel seines let­zten Romans nach fol­gen­dem Muster: Er ver­wen­dete, egal wieviel Sinn es ergab oder nicht, die ersten vier, fünf Wörter des jew­eils ersten Satzes und erre­ichte eine stim­mige Kon­tinuier­lichkeit, die wed­er aufge­set­zt noch plump wirk­te. Dank dieser Tech­nik erhält der Zufall eine Chance.

Auf Zufälle ver­traue ich immer, wenn ich nicht mehr weit­er weiß. Der Zufall ist das Licht am Ende jedes Tun­nels. Das ändert sich auch in Coro­n­azeit­en nicht. Ich nehme also die jew­eils ersten fünf Wörter divers­er Kapi­tel meines von Coro­na gestörten Romans und stelle sie meinen Jour­nalein­trä­gen voran, ob es Sinn ergibt oder nicht. Dieses Virus und wie die Men­schheit damit ver­fährt ergibt ohne­hin keinen Sinn. Es ist wie unser Dasein ganz all­ge­mein ein sin­n­fernes Geschehen, das irgend­wann Fahrt aufn­immt, Eigen­dy­namik entwick­elt, uner­messlich weit über sich hin­auswächst (oder nicht) und von jedem denkwilli­gen Geschöpf mit Sinn gefüllt wird. Coro­na ist Frage, Antwort, Zeichen, Anstoß, Mah­nung, Startschuss, Befreiung, Unter­gang, Anfang und Ende zugle­ich. Es präsen­tiert eine Rechung, macht einen Strich durch die Rech­nung, stellt neue Rech­nungsarten auf. Die Wahrheit liegt im Auge des Betra­chters. Gelinde gesagt: Es ist faszinierend, wie wir alle zum Inter­pretieren gezwun­gen sind, zum Füllen mit Sinn.

Der Titel, der sich durch den beschriebe­nen Prag­ma­tismus für den heuti­gen Jour­nal­beitrag ergibt, kor­re­liert sog­ar mit heutigem Datum. Ein Zufall, nichts weit­er.

- — - — - — - — - -

 

#2 – Don­ner­stag, 16. 4. 2020:

 

Seit zwei Jahren studierte Nico­la

 

Seit Wochen werde ich jeden Mor­gen um Punkt Hal­bacht von einem Hub­schrauber aus dem Schlaf geholt, der über unser­er Gegend kreist und weit­er­fliegt. Wäre kein Aus­nah­mezu­s­tand, würde mich der Weck­er um 6:45 aus dem Schlaf reißen. Ich würde auf­ste­hen und mein­er Tochter Früh­stück und Schul­jause zubere­it­en. Sie würde mich, wenn über­haupt, dann unhör­bar grüßen, wenn sie in die Küche kommt, wort­los das Nutellabrot und die Früchte essen, den Tee trinken und ein wenig auf ihrem Handy herumwis­chen, dann lang im Bad ver­schwinden und genau zwei Minuten, bevor ihr Bus zwei Straße­neck­en ent­fer­nt hal­ten wird, hek­tisch aus der Woh­nung ren­nen. Einen Monat lang hät­ten wir dieses Rit­u­al noch durch­hal­ten müssen, dann wäre ihre Mat­u­ra­vor­bere­itung los­ge­gan­gen und wenige Wochen darauf ihre Schulzeit über­standen gewe­sen. Nun wird die Matu­ra sog­ar noch etwas früher über­standen sein, weil ein Virus die Welt auf den Kopf stellt und unser Bil­dungsmin­is­ter „milde“ sein will, und statt dem Weck­er weck­en mich Helikopter­ro­toren. Nicht länger gibt mir früh­mor­gens ein Teenag­er zu ver­ste­hen, dass er die Schule und zu dieser Uhrzeit die Welt im All­ge­meinen has­st, son­dern der Staat erin­nert mich daran, dass er es mit der Überwachung ernst meint. Zu Beginn des Lock­downs flog der Hub­schrauber zweimal täglich über uns hin­weg, inzwis­chen hat er die Fre­quenz ver­dop­pelt, mor­gens, mit­tags, nach­mit­tags, abends, immer zu densel­ben Uhrzeit­en, es ist wie das Läuten der Kirch­tur­m­glock­en. „Strafen, strafen, strafen“, sagt der Innen­min­is­ter.

Inzwis­chen wird per Strafzettel abgemah­nt, ich aber habe noch kein Bußgeld löh­nen müssen. Das öffentliche Leben lasse ich, soweit es da draußen über­haupt stat­tfind­et, an mir vor­beiziehen. Am Tagesablauf eines Schrift­stellers ändert ein Lock­down wenig. Der Staat lässt mich und ich lasse das Virus in Ruhe, wenn ich zuhause sitze und die Tas­tatur meines Lap­tops stra­paziere. In Pausen gehe ich ein wenig flanieren wie früher auch. Abends: Aper­i­tiv, Essen, Wein, Gespräche mit der Frau, die ich liebe, wie früher auch. Neben­her stra­paziere ich auch die Tas­tatur meines Klaviers. Ich habe nahezu sämtliche Einkom­men­squellen ver­loren, Lesun­gen, Ver­anstal­tun­gen, The­ater­pro­duk­tio­nen, aber auf ein geregeltes Einkom­men habe ich mich zum Glück nie ver­lassen. Die Welt, auf die wir zus­teuern, wird sowieso eine von größer­er Beschei­den­heit sein, hoffe ich, vielle­icht eine, in der Geld über­haupt eine kleinere Rolle spielt. Schon jet­zt bin ich in eini­gen Bere­ichen zum Tauschhan­del überge­gan­gen.

Ich schlafe also die Dreivier­tel­stunde länger als son­st und gehe dann aufs Dach. Dort liege ich auf der Yoga­mat­te und starre in den Him­mel. Nur ganz vere­inzelt ist hoch oben ein Flugzeug zu sehen. Ein paar Schäfchen­wolken ziehen über mir hin­weg. Und plöt­zlich kreist, aus dem Nichts gekom­men, etwas großes Dun­kles über mir. Ein Buteo buteo mit gewalti­gen Flügeln. Der Mäuse­bus­sard segelt genüßlich in der Luft, nahe über mir, als wollte er mich beein­druck­en. Ich bestaune die Flugshow, seine Krallen, den Schn­abel. Je tiefer der Vogel fliegt, desto mehr frage ich mich, ob neben Mäusen auch kleine Yogis auf seinem Speise­plan ste­hen? Ich habe vor vie­len Tieren Angst, vor Stieren, Haien, Vogel­spin­nen, lei­der auch vor Hun­den. Let­ztes Jahr, als die prä­coro­nis­che Welt noch offen stand und ich mich über Gren­zen hin­weg set­zen durfte, wan­derte ich allein in einem abgele­ge­nen Naturschutzge­bi­et der kanadis­chen Rocky Moun­tains herum. Im Wilmore Wilder­nis Park war ich an jen­em Tag wohl der einzige Men­sch in einem Gebi­et dop­pelt so groß wie Tirol. Auf knapp zweitausend Metern See­höhe kreuzte ein Griz­zly­bär meinen Weg. Ich sah ihn von der Weite, der Sturm blies aus sein­er Rich­tung, er kon­nte mich nicht riechen. Ich ver­steck­te mich hin­ter einem Felsen. Mein Herz raste. Ich war unbe­waffnet. Alle paar Minuten spähte ich hin­ter dem Fels her­vor in seine Rich­tung und hoffte, er würde sich nicht näh­ern. Auch eine halbe Stunde, nach­dem der majestätis­che Bär ver­schwun­den war, wagte ich kaum, meinen Weg fortzuset­zen. Ich schlot­terte. Und doch: Wäre da kein Mäuse­bus­sard, son­dern eine Überwachungs­drone über mein­er Woh­nung, es würde mich deut­lich mehr erschreck­en, deut­lich mehr ver­stören. Vor nichts habe ich der­maßen Angst, wie davor, in einem autoritären Überwachungsstaat leben zu müssen.

- — - — - — - -

 

#3 – Fre­itag, 17. 4. 2020:

 

Pro­tokoll Dr. Wern­er Gnes­sel Ther­a­peutis­che

 

Lei­der habe ich das beste Buch, das ich seit vie­len Jahren in die Hand bekam, nun endgültig fer­tig gele­sen. Lin­coln im Bar­do war eine unfass­bare Freude, jeden Satz, den George Saun­ders in diese Kom­po­si­tion gewoben hat, wollte ich dreimal, so langsam wie möglich lesen, auskosten, so lange es geht. Und doch ist irgend­wann die let­zte Seite erre­icht. Ein trau­riger Moment. Draußen kalter Wind, wie immer Sonne, Regen gibt es prak­tisch nicht mehr. Die Straßen sind über­raschend voll. Wenn das noch Lock­down ist, ist es gelock­ert­er Lock­down, der die Men­schen ins Freie lockt, vorallem in die Baumärk­te, die nun wieder geöffnet sind und um die ich mein Leben lang einen Bogen machte. Ich bleibe lieber zuhause, in dieses Draußen gehe ich nicht.

Was soll ich bloß jet­zt lesen? Dave Eggers Der Cir­cle, um daran erin­nert zu wer­den, wie schnell aus edlen Motiv­en ein total­itäres Sys­tem entste­ht? Sci­ence-Fic­tion deprim­iert mich immerzu, ger­ade in ein­er Zeit, wo unsere wirk­liche Welt einen panis­chen Satz hinein ihn die Zukun­fts­fik­tion macht. Ich will gar nicht sehen, wohin das im schlimm­sten Fall führt. Vielle­icht sollte ich, eben­so passend, Mar­lene Haushofers Die Wand aus dem Regal ziehen? Eine ähn­lich düstere Lek­türe zur Zeit, da unsere Welt wie jene der Pro­tag­o­nistin hin­ter unsicht­baren Abgren­zun­gen zusam­men­schrumpft. Soll ich lieber Klavierüben, möglichst mech­a­nisch, bis die Fin­ger schmerzen?

Ich wäh­le den Weg der Pas­siv­ität, es ist der nahe­liegend­ste derzeit. Ich schließe die Augen, höre Musik: Chico Buar­ques Con­strução. 1971 erschienen, gilt dieses Werk nicht nur für mich als vielle­icht bestes Popal­bum aller Zeit­en. Und dabei ist dop­pelt beein­druck­end, dass es mit­ten in der brasil­ian­is­chen Mil­itärdik­tatur pro­duziert wurde. Selb­st unter den übelst vorstell­baren Umstän­den kann also Kun­st von der­ar­tiger Ele­ganz entste­hen. Con­strução wird mir immer Hoff­nung schenken. Sog­ar in größt­möglich­er Unfrei­heit kann etwas erschaf­fen wer­den, das stärk­er und lan­glebiger ist als all die Unter­drück­ung. Chico Buar­que musste seine Kri­tik am Mil­itär­regime dezent und poet­isch ver­pack­en, um sie an der stren­gen Zen­sur vor­beizu­mo­geln.

Für dieses Brot, das wir essen und diesen Platz, wo wir schlafen,

Die Bescheini­gung zur Geburt und die Genehmi­gung zum Lachen,

Dafür, mich atmen zu lassen, mich existieren zu lassen,

Gott soll es vergel­ten.

Für den geschenk­ten Schnaps, den wir schluck­en müssen,

Für den Rauch und die Schande, die wir aushus­ten müssen,

Für die schwank­enden Baugerüste, von denen wir fall­en müssen,

Gott soll es vergel­ten.

Buar­ques Stimme ist der Inbe­griff von Frei­heit. Sog­ar die Gen­eräle, die Tausende zu Tode foltern ließen, kon­nten nicht anders als mitzusin­gen, mitzu­tanzen. Gott soll es vergel­ten. Wie Gott es vergel­ten soll, ließ Buar­que offen.

- — - — - — - -

 

#4 – Sam­stag, 18. 4. 2020:

 

Nico­la Pam­mer kam an jen­em

 

Heute eine Petitesse:

 

War das ich?

Weck­er vier­tel vor sieben, Tochter auscheck­en, mich sel­ber auscheck­en, mit dem Fahrrad zum Bahn­hof, Ruck­sack und Lap­top­tasche passen ger­ade in den Korb, Schweiß, Blick auf die Uhr, Glück gehabt, Platz bekom­men.

Zug erst­mal halb­wegs pünk­tlich, ein Wun­der, beim Umsteigen dränge ich mich durch Men­schen­massen, schiebe die anderen teils weg, damit ich meinen Anschlusszug erwis­che, jed­er macht das­selbe, nur wenige bleiben auf der Strecke.

Im Zug­in­neren bilden sich lange vor Ankun­ft Men­schen­schlangen, jed­er ver­sucht, sich in eine gute Start­po­si­tion zu brin­gen. Wir erre­ichen mit nur leichter Ver­spä­tung den Stuttgarter Haupt­bahn­hof. Endlich öff­nen sich die Türen, das Wet­tren­nen begin­nt, Tausende wie ich müssen zur Arbeit. Wenn ich renne und erneut Glück habe, werde ich die S‑Bahn schaf­fen.

Die The­ater­probe begin­nt in zwanzig Minuten. Ich zwänge mich in den Wag­on, mein Ruck­sack verklemmt sich in der Tür, Leuten blick­en gen­ervt, ich blicke gen­ervt zurück.

Am Nord­bahn­hof springe ich aus dem Zug. Es hat zu nieseln begonnen. Ich muss eine Vier­tel­stunde durch das Gewer­bege­bi­et laufen, sechsspurige Durch­fahrtsstraßen, Bauzäune block­ieren Abkürzun­gen, die Welt ist eine motorisierte Baustelle, die Luft voller Fein­staub und Kohlen­monox­id, ich schnappe danach.

Durch­nässt, ver­schwitzt erre­iche ich das Proben­zen­trum. Hans, gut, dass du da bist, wie geht’s dir, werde ich gefragt. Ich umarme Kol­le­gen, deren Namen ich nicht ein­mal kenne. Ich schmuse halbfremde Men­schen ab, als wären sie enge Fre­unde. Schle­ichend hat diese Schmuserei seit Jahren über­hand genom­men.

Die Probe ist fordernd, das ist gut, die Zeit verge­ht schnell. Danach wieder S‑Bahn, dies­mal weniger voll, Tick­etkon­trolle, zum Glück hat­te ich Zeit, eines zu besor­gen.

Ich checke im Hotel ein, das übliche Zim­mer. Ich war schon so oft hier, dass ich blind jeden Hand­griff ver­richt­en kann. Ich ziehe die Vorhänge zu, damit ich nicht in die Büros des gegenüber­liegen­den Gebäudes star­ren muss. Zehn Meter Luftlin­ie ent­fer­nt von mir sitzt immer dieser voll­bär­tige Angestellte vor dem Com­put­er. Ich bin ver­sucht, ihn zu grüßen.

Dann hole ich ein Falafel. Die Abend­probe endet früh genug, so dass ich im Pub noch die die zweite Hal­bzeit ein­er Cham­pi­ons League Par­tie mitver­folge, die mich im Grunde nicht inter­essiert. An freien Tagen fahre ich nach Wien oder nach Tirol, jeden Monat fliege ich irgend­wohin, auch wenn ich fliegen has­se und weiß, wie schlecht es für unseren Plan­eten ist. Aber zur Lesung nach Ham­burg, wer will da schon mit der Deutschen Bahn? Mein ökol­o­gis­ch­er Fußab­druck ist entset­zlich.

War entset­zlich.

Seit einem Monat het­ze ich nicht durch Raum und Zeit. Ich bleibe zuhause sitzen, ich denke nach, schreibe auf, musiziere, gehe spazieren. Wenn ich an das Leben denke, das ich vor dem Lock­down führte, wird mir schwindlig.

- — - — - — - -

 

#5 – Son­ntag, 19. 4. 2020:

 

Der Früh­nebel zog über den

 

Es ist Son­ntag. Für mich hat es seit mein­er Schulzeit, an die ich mich nicht mehr erin­nern kann, kaum einen Unter­schied gemacht, ob Woch­enende war oder nicht. Gear­beit­et habe ich immer – oder nie, wie manche sagen. Nur waren Son­ntags die Läden geschlossen. Im Lock­down löste sich sog­ar dieser feine Unter­schied auf. Im jet­zi­gen gelock­erten Lock­down, der sich „Phase 2“ nen­nt, dürfte ich unter der Woche zwar „unter Ein­hal­tung strenger Vor­sichts­maß­nah­men“ wieder einkaufen gehen, aber das tat ich bere­its in Prä­coro­nia so sel­ten wie möglich. Mit Maske, unter der ich zu wenig Luft bekomme und wegen der meine Brille beschlägt, fühlt sich Shop­pen eher wie Water­board­ing an, ich reduziere es auf das Nötig­ste.

Lieber sitze ich zuhause und tippe Wörter in ein Textpro­gramm, die im End­ef­fekt einen Roman oder ein Essay oder son­st irgen­det­was ergeben wer­den. Früher schrieb ich oft auch während langer Zug­fahrten, in Flughafen­ter­mi­nals oder in mehr oder weniger kar­gen Hotelz­im­mern. Diese Zeit­en sind vor­bei. Früher schrieb ich manch­mal auch mit Bleis­tift, Kugelschreiber oder mit ein­er ele­gan­ten Füllfed­er, weil ich meinte, das müsste beim Schriften­her­stellen so sein. Nur auf ein­er Schreib­mas­chine habe ich nie aus schrift­stel­lerischen Ambi­tio­nen her­aus herumgep­fuscht.

Als Kind war ich freilich begeis­tert von solch ein­er Wun­der­mas­chine. Ich testete, wie leicht oder fest man anschla­gen musste, um Buch­staben in unter­schiedlich­er Stärke aufs Papi­er zu druck­en. Ich testete, wie schräg man das Papi­er ein­führen kon­nte, ohne dass es staute, testete, ob man auch zerknit­tertes Papi­er oder andere Mate­ri­alen, Ahorn­blät­ter etwa, ver­wen­den kon­nte. Am meis­ten beein­druck­te mich die magis­che Löschtaste, die ich gebrauchte, bis das Kor­rek­tur­band aufge­braucht war. Meine Mut­ter weigerte sich, ein neues zu kaufen. Das sei kein Spielzeug, sagte sie.

Let­zte Woche hat meine Tochter die alte Schreib­mas­chine ihrer Groß­mut­ter aus­geliehen. Sie tippt darauf Briefe, die sie liebevoll in Kuverts ver­packt, auf die Post bringt und an ihre Fre­unde schickt, Fre­unde, die teils in der­sel­ben Stadt wohnen, Fre­unde, mit denen sie über soziale Medi­en prak­tisch minütlich kom­mu­niziert. Über die Schreib­mas­chine hält sie analo­gen Kon­takt zu ihnen. Wenn sich (junge) Men­schen nur mehr in pix­eli­gen, ruck­e­li­gen Bild­schir­mau­flö­sun­gen sehen und nur mehr mit dig­i­tal entstell­ten, robo­tisch verz­er­rten Stim­men unter­hal­ten kön­nen, erlebt das Papi­er eine zarte Renais­sance. Die Fre­unde mein­er Tochter hal­ten, ein paar Tage zeit­ver­set­zt, densel­ben Brief­bo­gen in der Hand, den auch sie in der Hand hielt. Diese Art der Berührung ist uns aus virol­o­gis­ch­er Sicht nach wie vor erlaubt. Wer weiß, wie lange noch? Stellt ein Infek­ti­ologe fest, dass sich Coro­n­aviren tage­lang auf papiern­er Ober­fläche hal­ten, wird auch diese Art der Sinnlichkeit Ver­gan­gen­heit wer­den.

Vielle­icht erlebt dann das E‑Book endlich den Höhen­flug, der ihm bis­lang ver­sagt blieb? Die Buchverkäufe sind mit der Coro­n­akrise um 80 Prozent einge­brochen. Jet­zt wäre die Stunde des E‑Books gekom­men, um den Markt zu ret­ten. Doch es scheint, als wollen wir am Hap­tis­chen fes­thal­ten, lieber aus Papi­er oder gar nicht.

Ich stelle die Schreib­mas­chine auf meinen Tisch. Es ist kein wirk­lich altes Und­ing, son­dern eine elek­trische aus den 1980er-Jahren, eine Broth­er CE-60. Ich stecke den Steck­er in die Steck­dose. Ich spanne ein leeres Blatt Papi­er ein. Fest­gezur­rt liegt es vor mir und wartet. Und wartet. Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Auf Befehl fällt mir nie etwas ein. Ein leeres Blatt Papi­er jagt einem noch mehr Angst als ein leeres Word-Doku­ment ein.

Dann über­winde ich mich. Ich tippe:

Wer nie vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke.

Ich weiß nicht, von wem dieses Bon­mot ist. Ich wün­schte, es wäre von mir.

- — - — - — - -

 

#6 – Mon­tag, 20. 4. 2020:

 

Im Som­mer 2017 reiste Andreas

 

Heute wäre Adolf Hitler 131 Jahre alt gewor­den. Es gibt sicher­lich genü­gend Idioten, die auf seinen, wenn auch unrun­den Geburt­stag anstoßen. Ein Glück, dass sie locked down sind. Müssen sie per Zoom oder House­p­a­r­ty sich und ihrem Führer zuprosten. Das Saufen allein vor dem Bild­schirm ist eine Tugend gewor­den, die uns, auch wenn irgend­wann die Gast­stät­ten wieder öff­nen, wohl noch lange erhal­ten bleiben wird. Ich kann mich nicht damit anfre­un­den, heute aber hat diese neue Art der Gesel­ligkeit etwas Gutes: Jed­er Trinkspruch zu Hitlers Ehren wird aufgeze­ich­net. Was immer auf dig­i­tal­en House­p­a­r­tys gesagt, gezeigt, getan wird, es ist nachver­fol­gbar, es geht automa­tisch in den Besitz des Her­stellers Epic Games über, der alles mitschnei­det und frei darüber ver­fügt. Er lässt es von Mar­ket­ing Tools auswerten oder verkauft es, falls er Inter­essen­ten find­et. Bei einem Video Stream­ing Social Net­work­ing App kann ich die Kam­era meines Lap­tops nicht überkleben oder die Toneingabe auss­chal­ten. Dann kön­nte ich zwar nach wie vor Dosen­bier trinken und die anderen beim Chat­ten beobacht­en, mich sel­ber aber nicht mehr ein­brin­gen. Es wäre ein­fach Voyeuris­mus. Der wird sicher­lich oft genug betrieben, ist aber nicht ger­ade social.

Ich trinke zwar gern Bier, aber niemals vor dem Lap­top­mon­i­tor. Das passt nicht zusam­men. Ich will die Tren­nung zwis­chen dig­i­talem und wirk­lichem Sein möglichst wenig aufwe­ichen. Die Idee der tran­shu­man­is­tis­chen, tech­nol­o­gis­chen Sin­gu­lar­ität liegt mir fern. Ich will keine Super­in­tel­li­genz, ich liebe Fehler. Trotz­dem bedi­ene ich mich ständig dig­i­taler Hil­f­s­mit­tel, ich browse durchs www, edi­tiere Texte, bear­beite Bilder, erzeuge Klänge mit virtuellen Instru­menten, schreibe Mails, erstelle Web­sites. Nur getwit­tert habe ich noch nie. Das sei anderen über­lassen, die damit genü­gend Schaden anricht­en.

Bier­trinken gehört in meine wirk­liche Wirk­lichkeit. Der erste Schluck ist immer der Beste. Und nach zuviel Schluck­en bekomme ich Kopf­schmerzen, die sich sehr wirk­lich anfühlen.

Trete ich hin­aus in die mich wirk­lich umgebende, wirk­lich begreif­bare Welt, lasse ich das Handy zuhause liegen. Ich bestaune ein Öster­re­ich ohne Touris­ten. So etwas habe ich noch nie erlebt. Gren­zen, die so dicht sind, dass keine Urlauber sie durch­brechen, das schafft nur der Lock­down.

Ich wan­dere in Wälder hinein. Ich trage keine Maske, wie andere es tun, die sog­ar allein im Wald mit Mund-Nasen-Schutz herum­laufen. Ich atme tief, so tief es geht ein. Die Pollen der Birke, die zur Zeit alles mit gel­blichem Staub bedeck­en, verur­sachen einen Hus­ten­reiz. Ger­ade die Birke, die ich am lieb­sten mag, ver­trage ich am Schlecht­esten. Doch es ist bloß eine leichte Allergie, kein Covid-19.

Bäume gehören zu mein­er Com­mon-Sense-Real­ität. Ich berühre die Rinde. Sie ist trock­en wie der Boden unter mir. Es raschelt wie aus­gedör­rtes Stroh, wenn ich einen Schritt vor den anderen set­ze. Der Nieder­schlag ist wie der Buch­han­del in Öster­re­ich in diesem Monat um 80 Prozent zurück­ge­gan­gen. In manchen Orten Öster­re­ichs hat es das ganze Jahr noch keinen Nieder­schlag gegeben. Gibt es auch Orte, in denen das ganze Jahr kein Buch gekauft wird?

Diese Vorstel­lung erschreckt mich. Der Ver­lust des Geistes und das Aus­trock­nen der Welt machen mir Angst, mehr Angst als das Coro­n­avirus. Macht die Men­schheit stumpf weit­er so, als wäre nichts geschehen? Ein Som­mer ist trock­en­er, heißer, ein Win­ter kürz­er als der vorige. Im April bren­nen schon die Wälder, auch die kon­t­a­minierten rund um den Sarkophag Tsch­er­nobyls. Allem ste­he ich hil­f­los gegenüber.

- — - — - — - -

 

#7 – Dien­stag, 21. 4. 2020:

 

Bogn­er hat­te sich in dem

 

Ich resig­niere, kapit­uliere, gebe auf.
Heute ist der let­zte Tag dieses Jour­nals, und wenn es über­haupt mein let­zter wäre, so wäre mir das auch egal. Es gibt Momente, da entschwindet jede Hoff­nung. Meis­tens sind es Kleinigkeit­en, die den Auss­chlag geben, irgen­dein Sig­nal, von dem ich eine Kon­se­quenz ablese, die mich bedrückt. Nicht das Jet­zt bedrückt mich, son­dern ein Mor­gen, in das dieses Jet­zt führen kön­nte. Das ist dumm, aber ich komme manch­mal nicht mehr los von ein­er unheil­vollen Vorstel­lung. Es ist der Fluch des Schrift­stellers, dass er sich in Ideen ver­ren­nt. Wie die Wirk­lichkeit bauscht sich etwas vor ihm auf, das im Grunde nur ein Hirnge­spinst ist.

Meine Gefüh­le kleben an der Ober­fläche mein­er Haut. Ich müsste immer Schutzk­lei­dung tra­gen. An Tagen wie heute aber bin ich nackt. Ohne jegliche Resilienz. Alles bricht zusam­men. Vorzugsweise an einem strahlen­den Son­nen­tag. Wolken­los­er Him­mel, die Sonne bren­nt schon in der Früh herunter als wäre Mit­tagshitze, gnaden­los, und ich weiß, sie wird das bis abends tun, ohne Rück­sicht zu nehmen. Ich bin ihr und allem, was kom­men möge, wehr­los aus­geliefert.

Ich verkrieche mich ins Arbeit­sz­im­mer. Muss das Fen­ster ver­dunkeln, denn die Sonne grinst mir ins Gesicht. Ich set­ze den Bose Noise Can­cel­la­tion Kopfhör­er auf. Er schal­tet die Umge­bung für mich aus. Während des Lock­downs habe ich ihn nicht gebraucht, jet­zt aber ist das da draußen kein Lock­down mehr, da brummt wieder alles, was brum­men kann. What a beau­ti­ful noise, hat Neil Dia­mond es genan­nt, und er hat immer Texte geschrieben, bei denen man sich an den Kopf greifen musste und hoffte, man hätte sich ver­hört.

Dort draußen bekommt die Regierung langsam Angst vor sich sel­ber. Allmäh­lich begin­nt das große Zer­fleis­chen. Noch bevor jemals eine Imp­fung gefun­den sein wird, wird es diese Regierung und diese tor­pedierte Europäis­che Union nicht mehr geben, denke ich. Mor­gen denke ich vielle­icht anders, vielle­icht bekomme ich einen pos­i­tiv­en Impuls. Alles ist möglich bei mir Schmetter­lings­men­sch. Heute kann ich nur Ver­lier­er in der Welt sehen und daneben zwei Gewin­ner: Bezos und die Borkenkäfer. Das klingt wie der Titel eines Kinder­buchs. Muss ich mir merken. Der eine ist der reich­ste Men­sch der Welt, Jeff Bezos Ver­mö­gen stieg dank Coro­na um weit­ere 25 Mil­liar­den Dol­lar. Er ist too big to fail. Die anderen fall­en dank immer ide­al­eren Bedin­gun­gen in unsere Wälder ein und brin­gen dort alles zu Fall. Es ist die Zeit der dun­klen Mächte dort draußen in der Welt. Und ich sitze in mein­er eige­nen Dunkel­heit. Ich sollte das Kaiser­wet­ter aus­nützen, anstatt hier drin­nen herumzu­tip­pen, was ja doch kaum jemand liest. Lieber, mir von der Sonne die Gedanken aus der Birne bren­nen lassen, als ihnen nachzus­püren. Doch ich entschei­de mich für Zweit­eres. Ich stelle mich meinen Dämo­nen. Sie wollen mich dor­thin ziehen, wo alles eine Sack­gasse ist. Ich aber leiste Wider­stand.

Ein Kün­stler­fre­und meinte vor ein paar Tagen, dass für unsere­ins Coro­na das beste Mit­tel gegen Prokrasti­na­tion sei. Man ver­di­ent zwar nichts mehr, dafür schiebt man auch nicht mehr alles auf. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber es stimmt. Man ste­ht mit dem Rück­en zur Wand und schlägt um sich, nimmt zur Hil­fe, was man hat, den Pin­sel, den Schreib­s­tift, die Gitarre, von mir aus. Man über­schwemmt die Welt mit online Coro­n­akun­st, aus ein­er Verzwei­flung her­aus. Kun­st entste­ht immer aus Verzwei­flung. Sie tritt gegen das Unheil an. Wir Kün­stler sind die Kapelle auf der Titan­ic, wir spie­len, während unser Schiff unterge­ht. Weil wir nicht anders kön­nen.

Ich weiß nicht, was ich mehr ver­ab­scheue, Hap­py Ends oder deprim­ierende Enden.

Ein Hap­py End ist lächer­lich, ein deprim­ieren­des deprim­ierend. John Williams Ston­er find­et das auswe­glos­es­te Ende, das ich mir vorstellen kann. Es ist ver­ant­wor­tungs­los, ein großar­tiges Buch so enden zu lassen. In meine Roma­nen wäh­le ich meist inter­pretier­bare Enden. Ich mag es, wenn Sachen offen, Möglichkeit­en beste­hen bleiben. Alles ist ja immer bloß ein Zwis­chen­stand. Das ist die Wahrheit. Die Wahrheit ist ein Trost, denn sie heißt: Ich weiß es nicht.

Das sage ich laut vor mich hin. Dreimal. Mit jedem Mal geht es mir ein wenig bess­er. Ich höre, ich ver­ste­he, ich glaube mir, was ich da sage. Ich hat­te mich ver­schlossen. Nun aber öffne ich mich wieder.

- — - — -