Bet­ti­na Balà­ka: Essay Der Indi­an­er in uns und Mar­tin Sexl: Briefes­say Warum wir nicht nur Virolo­gie und Epi­demi­olo­gie benöti­gen, um Poli­tik zu machen, son­dern auch Lit­er­atur und Kun­st

 


Journal  von Isabella Feimer

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1 — 30. 4. 2020

Ein Anfang

und ein Inuk­shuk

Dieser Tage … so würde ich das Jour­nal gerne begin­nen lassen. Form­schön fände ich es, mit diesen bei­den Worten, die sich mir als zu betre­tender Raum in den Weg gestellt haben, jeden der kom­menden sieben Ein­träge zu eröff­nen. Dieser Tage passiert so einiges. Dieser Tage … gut, ich tippe es, doch der Gedanke stockt, bevor er sich über­haupt in mir bilden kann. Warum?, frage ich, frage mich immer nach einem Warum.

Jedem zu schreiben­den Anfang liegt eine Schwere inne. Anfänge sind eine Welt, in der das Chaos regiert, über­laden an Möglichkeit­en und Unmöglichem. Alles will bere­its im ersten Satz erzählt sein, drängt in einem, bedrängt und ver­hin­dert, dass sich auch nur irgen­dein Gedanke in Klarheit zeigt, geschweige denn, sich Gedanken aneinan­der­rei­hen. Urk­nall. Etwas Flir­riges und Über­dreht­es. Plan­eten­masse, die noch keine Masse ist. Mitunter ist es Angst, die sich in einen und in den einem umkreisenden Ster­nen­staub fest­set­zt, bevor man einen ersten Satz for­mulieren und mit ihm dem Text einen Zauber, der bis zum let­zten Buch­staben fes­seln soll, geben kann. Manchen fällt ein Anfang leicht. Mir nicht. Ich stolpere und strauch­le und falle hin, schlage mir das Knie auf und schürfe mich am Ellen­bo­gen. Kein Anfang schreibt sich aus mir her­aus, ohne dass es nicht irgend­wo ein biss­chen schmerzt. Schmerz, der mir dann, sobald er nach­lässt, eine Rich­tung weist.

Dieser Tage finde ich die zu schreibende Welt ver­mehrt in den Noti­zen, die ich auf Reisen gemacht habe, in mein­er dig­i­tal­en Fotok­iste und in den Sou­venirs, die mir manch Unter­wegs­sein in den Ruck­sack gepackt hat. Mit­bringsel — ich mag das Wort ob seines trashigen, in die Ecke gewor­fe­nen Charak­ters -, mir selb­st als Erin­nerung, ich will nicht sagen, an bessere Zeit­en, daran glaube ich nicht, aber an ein Aben­teuer und an den Gedanken­raum, den jede Reise in ihr eigen­williger Form einem öffnet.

Während ich mit ein­er Hand tippe, halte ich in der anderen Hand einen kleinen ver­schnür­baren Sack, in dem sich Jadesteine unter­schiedlich­er Größe befind­en. Schüt­tle ich den Sack, klir­ren sie aneinan­der, rufen mir in heller Stimme zu, ich möge einen Inuk­shuk aus ihnen bauen. Inuk­shuk bedeutet Ein-Stein-Mann und ist in der Kul­tur der Inu­it des Nor­dens Kanadas und Alaskas nicht mehr und auch nicht weniger als ein Stapel Steine. Steine, die, sind sie aufeinan­der posi­tion­iert, jenen zeigen, der ein­er Per­son gle­icht, „that which acts in the capac­i­ty of a human“, wie es wörtlich über­set­zt heißt, jenen, der den Weg zu anderen Dör­fern und den Jagdgrün­den wies, der, so heißt es, war er in Trichter­form aufgestellt, Tiere, vor­wiegend Cari­bous, in die Enge trieb. Bis heute wird er als Markierungspunkt ver­wen­det. Schön war es, damals als ich durch den Nor­den Kanadas und durch Alas­ka gereist bin, einem Inuk­shuk zu bewe­gen. Meist stand er in weit­er Land­schaft — an einem See, auf einem Hügel -, die kaum andere Ori­en­tierungspunk­te bot. Nur Land­schaft. Nur Weite. Nur ein Hor­i­zont, der nicht zu erre­ichen war und immer weit­er in eine Ferne rück­te. Immer zeigte mir der Inuk­shuk, wohin zu blick­en und zu gehen wäre, wohin jed­er Weg führen könne, wäre man gewil­lt, ihn fortzuset­zen. Der, der im Fas­sungsver­mö­gen eines Men­schen han­delt — wie schön, nicht? -, gab immer Hoff­nung, gab immer eine Möglichkeit.

Ein Anfangspunkt, oder?, dieser Tage.

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2 — 1. 5. 2020

Die Kapaz­ität ein­er Land­schaft, Worte

und ein Restrisiko

Dieser Tage, in denen my home my cas­tle and my cave ist, haben Land­schaften, an die ich mich erin­nere, ein uner­schöpflich­es Fas­sungsver­mö­gen. Viel passt in so eine Land­schaft, viel mehr, als sie sich selb­st zutrauen würde, mehr als in ihr per se Platz hätte. Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukun­ft pro­jiziere ich in sie, dazu flat­ter­haft Emo­tionales und Wun­schbe­haftetes, dazu immer auch die Fik­tion ein­er Geschichte, die ich in ihr find­en kön­nte. Vieles find­et sich. Schicht­en und noch mehr Schicht­en, manch­mal an den Straßen­rand gewor­fen, manch­mal ver­fan­gen in einem Ast. Ein Nar­ra­tiv schmiegt sich liebevoll an ein näch­stes, ein Spiegel ist es, der einen Spiegel zeigt, der wiederum den ersten Spiegel … bis man den Punkt erre­icht, an dem der Blick endet.

Die Land­schaften, die ich mir in mein­er Erin­nerung und der Erin­nerungsstütze eines Fotos oder ein­er Notiz genauer anse­he, sind von einem dicht gedrängten Fig­uren­per­son­al, mehreren Hand­lungssträn­gen, vielle­icht sog­ar von nicht bloß ein­er Geschichte besiedelt. Noch unsicht­bar, ver­ste­ht sich, aber spür­bar und pen­e­trant lauter wer­dend und darauf pochend, erzählt zu sein. Erzähl mich, sagt die Land­schaft, arbeite dich an mir ab, schöpfe aus mir und dir zugle­ich, bis nichts mehr von uns bei­den übrig ist. Ich denke, ein Ozean in einem let­zten Son­nen­licht, ich denke, Wind, der über meter­ho­he Dünen zieht, ich denke, Blät­ter­re­gen, Step­pen­hex­en und einen Gletsch­er, der eis­blau wartet, bis er kalbt.

Eine Land­schaft, je karg­er, desto wun­der­samer, ist nicht auss­chließlich das, was dem Blick offen­bart wird und der innere Blick auf sie pro­jiziert. Sie ist gefüllt mit ihrer eige­nen Geschichte, jen­er des Lan­des und all den Geschicht­en, die die Men­schen, die sie gese­hen haben, mit sich brin­gen. In stillen Momenten, bilde ich mir jeden­falls ein, kann ich diese Geschicht­en flüstern hören. Sie flüstern Worte in ein­er Sprache, die ich erst nach und nach ver­ste­he.

Manch­mal, um ehrlich zu sein, oft sog­ar, fehlen mir die Worte, um diese Land­schaften zu beschreiben. Alle Worte, die mir in den Sinn kom­men, so scheint es, sind bere­its beset­zt, schon ein­mal ver­wen­det wor­den, schon dieses Klis­chee, das doch tun­lichst zu ver­mei­den sei. Wie, frage ich mich, beschreibt man einen Son­nenun­ter­gang?, wie eine Wolken­stim­mung ohne Kitsch und ohne Pathos? Wo, bitte, nehme ich neue Worte her für, sagen wir, das Vogelzwitsch­ern und das helle Früh­lings­grün, das dieser Tage meinen Hin­ter­hof belebt? (Dieser Tage ist mir der Hin­ter­hof auch eine Land­schaft gewor­den, aus der ich schöpfen kann; uner­schöpflich­es, kleines Paradies, ein Schwa­nen­flug, zum Beispiel, über dem kalten Met­all der Däch­er, Akko­rde, manch­mal, von Geis­ter­hand zwis­chen Kas­tanie und Kaiser­baum geset­zt.)

Schreiben heißt doch, neue Worte find­en, oder? Es heißt doch, Worte miteinan­der in eine Ver­net­zung zu brin­gen, die neues Licht auf Alt­bekan­ntes wirft. Worte stelle ich mir in ihrem Miteinan­der tat­säch­lich wie ein Netz vor, ein riesiges, knapp über dem Boden ges­pan­ntes Netz, das bei Hoch­seilak­ten Sicher­heit ver­spricht und doch nicht immer geben kann.

Restrisiko, es bleibt. In manchen Worten steckt eine Ver­let­zungs­ge­fahr. In jenen, glaube ich, die dieser Tage „neuar­tig“ im Umlauf sind, ange­fan­gen mit „neuer Nor­mal­ität“, nicht zwin­gend endend mit „Repro­duk­tions­fak­tor“. Ver­let­zen kann man sich auch an jenen Worten, die hin­ter allem Schein zumut­bare Wahrheit in sich tra­gen. Es sind die Worte der Poe­sie, schar­fkantig, frei­heit­sliebend, Worte, die durch Ober­flächen kratzen, die auss­chließlich ein Risiko sind.

Restrisiko ist ein Wort, das ich nicht mag. Es geht, sieht man es sich genauer an, über­haupt nicht zusam­men, ist wed­er Fisch noch Fleisch, ist der Ato­m­in­dus­trie geschuldet und beschreibt, salopp zusam­menge­fasst, zumut­bare Schä­den.

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3 — 2. 5. 2020

Wüsten­staub, Chief Rolling Moun­tain Thun­der

und ein Still­stand

Neva­da im Spät­som­mer 2016. Die Hitze ist trock­en und belegt den Rachen. Wüsten­staub set­zt sich auf der Klei­dung fest und ver­sucht unter die Haut zu kriechen. Unwirk­liche Kargheit, die sich von den aus­getrock­neten Gräsern am Straßen­rand bis weit über die fer­nen Hügel zieht, drängt sich in den Blick, auch ein Schild, das vor Schlangen und Sko­r­pi­o­nen warnt. Die Inter­state 80 spal­tet das Land, ver­dop­pelt seine Uner­bit­tlichkeit. Wenig gibt es hier, wofür es sich zu hal­ten lohnt. Ich halte trotz­dem.

Dieser Tage muss ich ver­mehrt an die Begeg­nung denken, die mir der Wüsten­staub damals geschenkt hat. Es war die Begeg­nung mit der Gedanken­welt eines Mannes, der Frank Van Zant hieß und sich als Anlehnung an einen Native Amer­i­can Tribe Chief Rolling Moun­tain Thun­der nan­nte. 1968, nach­dem er sich ein Stück Land gekauft hat­te, fing er an, Gebäude und Skulp­turen zu bauen, die sein Inter­esse an der Geschichte der Native Amer­i­cans und ihrer Arte­fak­te wider­spiegeln. Es sind fan­tastis­che Skulp­turen, die aus allem zusam­menge­set­zt sind, das sich find­en lässt, Müll, Glas­flaschen, Split­ter, Autor­eifen, ein kleines Flugzeug ist dabei, ein aus­ge­höhlter alter Wagen. Die erste Skulp­tur, die er schuf, stellte seinen Sohn dar, der sich kurz zuvor das Leben genom­men hat­te. Die fol­gen­den Skulp­turen por­traitierten seine indi­ge­nen Helden.

Die Gebäude sind Schicht­en aus Beton und Glas, sind Steine, die er von den umliegen­den Hügeln her­ankar­rte; sie haben Stuck­w­erk, das spin­nen­beinig in die Höhe ragt, an ihren Seit­en sind bemalte und verzierte Fig­uren posi­tion­iert. Man kann nicht anders als sich von diesem Ort fan­gen zu lassen, betören von diesem mehr als nur Anflug ein­er Ver­rück­theit, die über Jahrzehnte einen uner­müdlichen Architek­ten hat­te und seine Besessen­heit. Van Zant aka Chief Rolling Moun­tain Thun­der hat­te nichts mit Kun­st zu tun gehabt, nie zuvor nur irgen­det­was Kün­st­lerisches gestal­tet, bevor es dieses Grund­stück gab.

Warum erin­nere ich mich dieser Tage an diesen speziellen Ort und seinen Architek­ten, warum nicht an einen der vie­len anderen skur­rilen Orte, die ich auf Reisen gese­hen habe? Ich ver­mute zweier­lei.

Ein­er­seits besticht die an diesem Ort wild­wuch­ernde Frei­heit, die ich in der Unbeschreib­barkeit der Skulp­turen, ihrer Arrange­ments und jen­er der Gebäude zu erken­nen glaube. Nichts ist irgen­det­was Bekan­ntem zuzuord­nen, alles erzählt die aben­teuer­liche Geschichte der Frei­heit der Fan­tasie. Frei­heit, muss ich denken, lässt sich dieser Tage außer­halb ihrer Beschränkun­gen an den Fin­gern ein­er Hand abzählen. Sie ist als Gut noch kost­bar­er gewor­den, ein Gut, das man schmerzhaft ver­misst und das sich in den Raum der Fan­tasie zurück­ge­zo­gen hat. Dort nur darf es Unkraut sein, das nicht verge­ht, dort darf und kann es in den Him­mel wach­sen.

Ein­er­seits die Frei­heit also. Andr­er­seits war es ein Still­stand, der mir inmit­ten der Skulp­turen und Gebäude begeg­net ist, mich fes­thielt und im trock­e­nen Boden zu ver­ankern suchte. Etwas still Pochen­des. Eine ange­hal­tene Zeit. Ein Moment, dem sein Moment­be­haftetes genom­men wurde. Kaum ein real­er Ort ken­nt Still­stand. Auch wenn es einem nicht so scheint, immer ist alles in Bewe­gung und in Verän­derung, etwas wächst, etwas anderes darf der­weil verge­hen. Nicht dieser Ort damals. An diesem Ort stand alles still. Selb­st der Wüsten­staub hielt, getra­gen von der war­men Luft, inne, selb­st mein Atem, für Augen­blicke mein Herz.

Ein Still­stand und das Gefühl des Ruhens, das in ihm liegt, kehren, schreibe ich diese Zeilen, in mich zurück. Ich kann die Hitze spüren, die Hügel in der Ferne sehen. Ich glaube, hört ihr es?, eine Schlange zis­cht.

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4 — 3. 5. 2020


Zeit, das Schreiben

und eine Mit­ter­nachtssonne

Zeit dieser Tage ist ein eigen­williges Biest gewor­den, das ihren Spaß dabei hat, uns zu täuschen. Es scheint, als vergin­ge ein Tag, als hätte er es eilig, irgend­wohin zu kom­men, während sich die ver­gan­genen Wochen im Ver­such eines Rück­blicks darauf als Zeitspanne ein­er Ewigkeit ent­pup­pen. Stun­den sind ein Fin­ger­schnip­pen, während manch Minute so tut, als kön­nte sie nicht verge­hen.

Wir alle haben dieser Tage mehr oder weniger an Zeit. Fordernd, wie es ihr Charak­ter ist, will sie gefüllt, gle­ichzeit­ig entleert wer­den, will beachtet, dann mis­sachtet sein. Zeit ist eine Aufmerk­samkeitssuchende und sie ist mehr denn je zu einem Raum gewor­den, in dem alles und auch nichts seine Möglichkeit hat. Ein wan­del­bar­er Raum ist es, flex­i­bel und unberechen­bar in sein­er Aus­dehnung und Reduk­tion, in den Pro­por­tio­nen der in ihm befind­lichen Gegen­stände zueinan­der. Manch Stuhl ist riesig, manch Tisch so winzig, dass man nichts auf ihm abstellen kann. Die Dinge sind ihrer Funk­tion beraubt und müssen neu betra­chtet wer­den.

Das Schreiben, das mir über die let­zten Jahre auch ein unberechen­bar­er und in stetiger Wand­lung begrif­f­en­er Raum gewor­den ist, hil­ft, die Dinge, sind sie aus ihrer Funk­tion ger­at­en, neu zu betra­cht­en, ihnen ein gewiss­es Maß an Chaos zuzugeste­hen oder sie in eine alter­na­tive Ord­nung zu ermah­nen. Schreiben ist dem Phänomen der Zeit dieser Tage ähn­lich, ist auch ein Biest, manch­mal ein furchter­re­gen­des Unge­heuer, das nachts als Schat­ten aus dem Kas­ten kriecht.

Schmun­zel­nd stelle ich mir das Aufeinan­dertr­e­f­fen bei­der Unge­heuer vor, den Kampf der Gigan­ten Zeit und Schreiben. Godzil­la, die Riesenechse, und Moth­ra, die überdi­men­sion­ierte Motte. Mit Gebrüll prallen sie aneinan­der und gegen Wolkenkratzer, zer­reißen Strom­leitun­gen, dass die Funken sprühen, und treten Autos und Busse platt. Es ist ein Kampf, bei dem es keinen Sieger gibt, nur Trüm­mer bleiben.

Das ist zum Glück nicht immer so. Schreiben hat auch diesen anderen Charak­ter. Es ist flauschige Umman­telung, ein Schweben ist es, ein Getra­gen­sein. So leicht und flat­ternd schreiben sich manch­mal die Zeilen aus mir her­aus. So — an dieser Stelle will ich pathetisch sein — eine Liebe, die beschützt und einen wärmt, kann das Schreiben sein.

In der Umman­telung des Schreibens hat für mich nicht nur die weite Welt Platz, das Schreiben selb­st dehnt sich im Tun in eine ungeah­nte Weite aus. Es ver­läßt den Raum, in dem es begonnen hat, läßt seine Begren­zung nach und nach ver­schwinden, die Mauern wer­den unsicht­bar. Sicht­bar im offe­nen Blick ist ein unerr­e­ich­bar­er Hor­i­zont. Davor ist Weite, weite Land­schaft, weite Welt.

Wieder — wie fast immer — bin ich in ein­er Land­schaft gelandet. Das kön­nte mein­er Sehn­sucht nach dem dieser Tage Unmöglichem geschuldet sein. Es kön­nte. Land­schaft aber ist, da bin ich mir sich­er, das mir stärk­ste Syn­onym für das Schreiben von Lit­er­atur. Worte, Sprache, Rhyth­mus, die Erzäh­lung — all das ist eine Land­schaft. All das, ver­mut­lich mehr, sind die Teile, durch die man das Ganze sieht.

Schreibe ich diese Zeilen, erin­nere ich mich an eine bes­timmte Land­schaft. Mit­ter­nachtssonne. Eine Land­schaft, in deren unge­wohn­ter Absur­dität alles möglich ist.

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5 — 4. 5. 2020

Eine Rück­kehr nach Alas­ka, Kuriositäten

und die Schwierigkeit dieser Tage, Prosa zu schreiben

Der Nach­hall der Mit­ter­nachtssonne bringt mich in die Unwirk­lichkeit Alaskas zurück, in die End­losigkeit der Land­schaft und das Gefühl der Ein­samkeit, das ich in den Tagen dort nie los­ge­wor­den bin. Es ist eine bek­lem­mende Ein­samkeit, die das Endgültige in sich trägt. Ist man ihr aus­ge­set­zt, fühlt man sich ver­loren, man kann nicht anders. Man wird in sie hineinge­zo­gen, man wird von ihr ver­schluckt.

Alas­ka, in mein­er Rück­blende dieser Tage, war ein stets mit dun­klen Wolken ver­hangener Him­mel, war verwach­senes Grün jen­seits der staubi­gen Straße, war ein Bergmas­siv, das niemals aus dem Blick ver­schwand, war Krähenkrächzen und Kälte, die einen in den Schlaf hinein begleit­et hat, es war Zwielicht bis knapp vor Mit­ter­nacht. Wie gesagt, ein unwirk­lich­er Ort, der mir, bevor ich dort gewe­sen bin, eine große Sehn­sucht war, ein Wun­sch, der nach Erfül­lung strebte.

Vor Ort war mir diese Sehn­sucht plöt­zlich nicht mehr nachvol­lziehbar, ich wusste nicht mehr, was mich über­haupt an diesen Ort gezo­gen und was ich hier zu find­en geglaubt hat­te. Vor Ort wollte ich nichts anderes als ein Weit­erziehen, als die Endgültigkeit, the last fron­tier Alas­ka hin­ter mir zu lassen. So unbe­d­ingt ich hier­her wollte, so unbe­d­ingt wollte ich wieder weg. Weg aus der Bek­lem­mung — an keinem Ort zuvor war sie der­maßen vehe­ment in mich gekrochen -, weg aus dem Gefühl, das jede zurück­gelegte Meile einen bloß weit­er und das mit Bes­timmtheit in ein Nichts führen wird.

Das Nichts begleit­ete auch die am Wegrand gefun­de­nen kuriosen Geschicht­en. Da gibt es die Stadt Tal­keet­na, die etwa tausend Ein­wohn­er hat und am Fuß des Mount McKin­ley sitzt. Ein Durchzugs­touris­tenort, dessen Bürg­er­meis­ter seit 1997 eine Katze ist. Da gibt es an der Gren­ze zu Kana­da, am Ende des malerischen Tay­lor High­ways den Ort Chick­en, der nicht mehr als eine Tankstelle und ein Sou­venir­laden ist. Als die Siedler damals im Jahr 1902 dem Ort einen Namen geben woll­ten, woll­ten sie ihn nach dem Nation­alvo­gel Alaskas, dem Ptarmi­gan, einem Alpen­schnee­huhn, benen­nen. Dieser Plan scheit­erte, weil nie­mand wusste, wie Ptarmi­gan zu buch­sta­bieren wäre. Kurz­er­hand nan­nten sie den Ort Chick­en.

Alas­ka dieser Tage, und das ist eige­nar­tig, ist mir mit seinen Kuriositäten und sein­er Endgültigkeit erneut eine Sehn­sucht gewor­den. Jungfräulich fühlt sich diese Sehn­sucht an, so, als ob ich nie dort gewe­sen wäre. Es zieht mich in diese außergewöhn­liche Ein­samkeit zurück, es zieht mich, darüber zu schreiben. Gerne würde ich eine Geschichte über dieses — mein gefühltes — Alas­ka schreiben, Prosa, die ein­er Fig­ur fol­gt und aus ihr her­aus erzählt.

Dieser Tage jedoch empfinde ich es schw­er, Fik­tives, auch wenn ich es in ein erlebtes Set­ting set­zen kön­nte, aufs Papi­er zu brin­gen. Das dies­bezüglich Erdachte fühlt sich schw­er und träge an, nach ein­er Unmöglichkeit. Sinn­los fühlt es sich an, dieser Tage ohne Ziel. Was, frage ich mich, kön­nte fik­tive Prosa der Wirk­lichkeit ent­ge­gen­hal­ten? Welche alter­na­tive Welt müsste man erzählen, um wirk­lich etwas zu erzählen zu haben?

Noch ist mir dieser Möglichkeit­sraum ver­schlossen. Noch ist auch er eine Sehn­sucht.

Es fühlt sich an, als wäre ich schon ein­mal an diesem Ort gewe­sen und hätte vergessen, wie es dort ist.

Rück­blende: ein unwirk­lich­er Ort, der Prosa heißt, der dun­kler Him­mel ist und Verwach­senes und Kälte. Krähen krächzen, Zwielicht, nach­dem die Mit­ter­nachtssonne endet, begleit­et in den Schlaf.

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6 — 5. 5. 2020

Roman­tik, eine Berührung

und Gedanken über Vergänglichkeit

Dieser Tage Schreiben. Eine Fik­tion also, die Suche nach Worten, nach Sprachgestal­tung, nach Sinn. Atem­losigkeit stattdessen, während ich Erin­nerun­gen zäh­le, mir die Fin­ger wund zäh­le an den Bruch­stück­en, weil ich fündig wer­den will. Was genau ich suche, weiß ich nicht. Weiß auch nicht, ob ich mich in ein­er Nos­tal­gie in Sepia ver­lieren werde, ver­lieren möchte. Vergilbtes Ver­satzstück-Eswarein­mal ist nie mein lieb­ster Ort gewe­sen.

Es fällt mir den­noch schw­er, mich der eige­nen Roman­tik zu entziehen, dieser Hin­wen­dung zum Gefühl, zum irra­tionalen Sein, zur Verk­lärung. Ver­mehrt sucht sich das Gewe­sene Platz in mir zu schaf­fen, will das Gegen­wär­tige ver­drän­gen. Gegen­wart dieser Tage ist zunehmendes Unver­ständ­nis, ist das Kopf­schüt­teln über eine bere­its nach nur weni­gen Wochen wegge­wor­fene Sol­i­dar­ität und Empathie den Leben ander­er gegenüber. Es war doch mal der Gedanke, oder?, jet­zt, wann denn son­st, kön­nte man die Welt in eine andere Rich­tung drehen und etwas Kaputtes wieder gut, wenn schon nicht ganz machen.

Gewe­senes also will mehr sein, als es ist, und will in ein­er Unwahrheit erzählt sein. Das Schreiben, sprich das Erin­nern, auch an Dinge, die nie oder nicht passiert sind, wird zu einem Trick­be­trüger, und ich will mich täuschen lassen. Ich will mich, roman­tisch gesprochen, hinein täuschen lassen in die Berührung von einem Innen mit einem Außen, die im Schreiben ver­bor­gen liegt.

Die Berührung, die im Schreibprozess stat­tfind­et, kann ganz zart sein, kann ein Blatt oder eine Blüte sein, die man im Vor­beige­hen streift, kann eine in den Nack­en gehauchte Liebko­sung sein, die Andeu­tung eines Kuss­es, ein Duft, durch den man ein­er schö­nen Erin­nerung erneut begeg­net. Ein warmer Som­mer­re­gen in den let­zten Tropfen. Er erregt, und alles schwirrt und flir­rt und flat­tert.

Auch anders, viel her­ber und härter, kann diese Berührung sein, ein uner­warteter Schlag oder etwas, das grob in einen greifen will. Aushöh­lung, die einen leer und träge zurück­lässt. Ein Kadav­er, sein Zer­set­ztes. Fleis­chfressendes Schlingpflanzenungetüm, nachts lockt es mit süßem Nek­tar Fliegen. Etwas Klir­ren­des, das durch seinen unerträglich hellen Klang etwas in einem selb­st zer­brechen lässt. Etwas Dun­kleres als Dunkel­heit.

In dun­klen Momenten denke ich, dass die Berührung der Anfang eines Endes ist. Am Ende ist man leergeschrieben, aus­gekratzt. In diesen dun­klen Momenten ist es wichtig, sich das Schöne, Zarte herzu­holen, sich — hier schließt sich der Kreis vielle­icht — irra­tional und verk­lärt zu erin­nern.

Ein Ende, ein Abschied. Ein Sepiaglanz. Etwas Trau­riges — ich kann es nicht bes­tim­men — hat mich im Schreiben dieser Zeilen einge­holt. Sagen wir, es ist das Gefühl der Vergänglichkeit, das meine Worte zögern lässt. Es beset­zt sie, macht sie zu dem, was sie sind, näm­lich zu etwas, das vergessen wird, vergessen sein wird, vielle­icht in einem näch­sten Augen­blick.

Atem­not, das Schreiben, das sich gegen das Vergessen­wer­den wehrt, gegen das Ende, sich Blu­men streuen und süßen Blü­ten­duft ver­strö­men will, der andere erin­nert.

Ich frage mich, was kommt dann?

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7 — 6. 5. 2020

Ein let­zter Ein­trag, das Ende der Geschichte

und eine Fies­ta für die Toten

Dies ist mein let­zter Ein­trag, eine Woche „Jour­nal­dienst“ endet, viel zu rasch, möchte ich anmerken, vieles muss — wie so oft — unerzählt bleiben, eine Andeu­tung, ein Hauch ein­er Geschichte, die man vielle­icht, vielle­icht auch nur unter anderen Umstän­den, weit­er erzählen kön­nte, vielle­icht nicht ein­mal ich, son­dern jemand ander­er. Also, bitteschön.

Ein Ende in ein­er Geschichte zu schreiben, ist mir leichter, als mich im Chaos eines Anfangs zurechtzufind­en. Hat man es bis hier­her geschafft und sich zu einem Ende hin erzählt, gibt es immer nur eine einzige Möglichkeit, wie es auszuse­hen hat. Der Aus­gang ist gewiss. Diese Klarheit hat man sich über viele, viele Seit­en erschrieben. Das Ende ein­er Geschichte ist ein luzider und befreien­der Moment. Man lässt los, gibt her und bekommt sich selb­st ein Stück zurück. Darf aus der Rolle der Schreiben­den und aus den Fig­uren schlüpfen. Darf leer sein und diese Leere in vollen Zügen genießen. Das viel besproch­ene Schwarze Loch. Ich habe keine Angst davor, nicht mehr. Im Gegen­teil, kurz vor dem Ende, freue ich mich darauf, freue mich auf neue Möglichkeit­en, die vor mir liegen, auf die Zukun­ft, die ein unbeschriebenes Blatt ist und noch ganz ohne irgen­deine Geschichte. Ein kleines biss­chen Schw­erelosigkeit. Ta-dah!

Auch in das Ende dieser Geschichte möchte ich fröh­lich blick­en, möchte Trompe­ten, Gitar­ren und Geigen und eine in Tra­cht gek­lei­dete Mari­achi-Stimme auf­spie­len lassen. Hört ihr den Herzge­sang, der einen augen­blick­lich mitschun­keln lässt und zum Tanz auf­fordert? Ein Glas Mez­cal in der Hand, eine Zigarette in der anderen. Man singt mit, corazón, mi corazón, schre­it verzückt auf, johlt mit, um dann zu lachen. Die eine oder andere Abschied­sträne wegzu­lachen. Jet­zt alle! Que boni­to!

Erschöpft vom Tanz und heis­er, weil ich zu laut gesun­gen habe, möchte ich in Far­ben blick­en, in sie sinken und ganz benom­men sein. In Grelles, Buntes und Lebendi­ges. Die Far­ben fehlen mir dieser Tage, vor allem die Far­ben Mexikos.

Gerne und oft erin­nere ich mich an dieses Land und seine Men­schen. An das Lachen, die Far­ben und die Musik. An die Wun­scher­fül­lung, zum día de los muer­tos dort gewe­sen zu sein, in dieser beson­deren Stim­mung, in dieser Zwis­chen­welt, die das Leben und den Tod verbindet. Ein Tag wie kein ander­er ist es, ein Tag, der viele Tage gefeiert wird.

Vor vie­len tausend Jahren ist dieser Brauch ent­standen. Die Kul­turen der Azteken, Tolteken, der Nahua und ander­er Völk­er waren es leid, ihre Toten, die immer noch Teil der Gemein­schaft waren, zu betrauern, emp­fan­den es sog­ar als respek­t­los ihnen gegenüber, weil sie den Tod als natür­lichen Bestandteil des Lebens sahen. Natür­lich war es auch, dass die Toten zum día de los muer­tos in das Reich der Leben­den zurück­kehrten und dass man diesen Anlass feierte. Eine Ofren­da als Willkom­mensgruß, geschmückt mit all den Din­gen, die den Toten Freude macht­en. Durst muss gelöscht sein, Hunger gestillt. Blüten müssen zur Ofren­da hin gestreut sein, damit der Ver­stor­bene den Weg zurück auch find­et.

Zuck­er­schädel, Pulque, Brot der Toten, Tagetes-Nelken, ich spazierte an den liebevoll deko­ri­erten Ofren­das vor­bei, hielt an jed­er einzel­nen zu ein­er genaueren Betra­ch­tung inne. Es ist ein Blick auf den Tod, dachte ich, der einem die Angst davor nimmt, es ist ein Ende, verziert mit den Samen eines Beginns.

Ein let­ztes Mal lasse ich die Musik auf­spie­len, die Trompe­ten, Gitar­ren und Geigen. Der Gesang begin­nt. Ich schun­kle mit und tanze. Jet­zt alle! Kommt, zum Abschied, alle!

Danke, oh, wie schön.