Lesen Sie hier in den nächsten Tagen Petra Maria Kraxners Fiktionales Journal aus Berlin: Verwende deine Zukunft

 

1)

Der Auf­trag

Regen. Im Innen­hof blühen Narzis­sen. Die Linde noch kahl. Der Win­ter, der kein Win­ter ist, find­et langsam ein Ende. Ich wick­le mich aus der Wolldecke aus und schre­ite durch die Zweiz­im­mer­alt­bau­woh­nung, von ein­er Ecke in die andere, räume hin und her und trage mit jedem Schritt das große ES hin und her und hin und her. Es: das Auf­tragswerk.

Ein Auf­tragsthe­ater­text muss bis Ende des Jahres fer­tiggestellt wer­den und mir fällt und fällt nichts ein. Wie kann ich meine Gedanken in Schwung brin­gen, wie kann ich neue Verknüp­fun­gen her­stellen? Vieles, was mir bere­its ger­at­en wurde, habe ich ver­sucht: Spaziergänge durch die nahe­liegen­den Kle­ingärten, schnelles Gehen durch die Hei­de, QiGong (das ist schon ein paar Wochen her, als Kurse mit anderen Men­schen noch besucht wer­den durften, im Wir-Gefühl den Glücks­drachen steigen lassen, und raus mit der neg­a­tiv­en Energie, und es fließt und es wär­men sich die Hände, und die Gedanken?), inten­sives Lesen und Recher­chieren. Doch: Mir fällt und fällt nichts ein.

In den Nachricht­en Bilder von geschlosse­nen Gren­zen und leeren Regalen, Hochrech­nun­gen von Todes­fällen, Sturmwar­nun­gen und Wald­brän­den, Tierver­suchen und Jaucheüber­schuss, Börsen­schwankun­gen und Bit­coin-Schür­fern. Ich kann die Flut an Infor­ma­tio­nen nicht ver­ar­beit­en. Ich will die Nachricht­en nicht ver­wen­den. Warum nicht? Gründe, Gründe ohne Ende. Sie nicht auszu­for­mulieren ist mein Priv­i­leg.

 

2)

Der Aufhänger

Ich brain­storme mit mir selb­st, was wirk­lich jäm­mer­lich ist. Der grobe Aufhänger des Auf­tragswerkes: „Ver­wende deine Zukun­ft“. Vielle­icht liegt es daran, dass ich mit dem Titel nichts mehr anfan­gen kann. Er ist, wenn ich länger darüber nach­denke, zu verkopft. Wer kriegt schon den Bogen hin: Ver­schwende deine Jugend. Ver­wende deine Jugend. Ver­schwende deine Zukun­ft. Ver­wende deine Zukun­ft. Nichts kann ver­wen­det wer­den, was noch nicht ist. Oder doch? Das ist die Lücke, das ist die Kluft, die ich füllen muss, füllen kön­nte, füllen wer­den muss, bis Ende des Jahres. Abga­beter­min ist der 20. Novem­ber. Heute ist der 2. April. Noch keine Zeile habe ich geschrieben.

Ver­wende deine Jugend für die Zukun­ft. Ver­schwende deine Tage für kein Auf­tragswerk über die Ver­schwen­dung dein­er Zukun­ft. 100 Seit­en ver­schwen­den und ver­wen­den, indem ich ein­fach die Wörter des Aufhängers aneinan­der­rei­he und wieder­hole und umdrehe und dann trenne ich die Sil­ben und bas­tle Laute daraus, ein­fach den Titel so lange ver­wen­den bis ich in Zukun­ft, konkret am 20. Novem­ber, ein Werk daraus schaffe und bis dahin meine Zeit damit ver­schwende, an nichts zu denken, nichts zu machen, denn das Werk hat sich mit diesem Konzept hier schon so gut wie geschrieben: 100 Seit­en ver – wende – ver – schwende – wende – ende – Zukun­ft – u – u – meine – deine – ei – ei – und Feier­abend.

Ich bin erle­ichtert. Falls mir gar nichts ein­fall­en sollte, die näch­sten Monate, wie mir schon in den ver­gan­genen Monat­en ja auch nichts einge­fall­en ist, dann ist dieser Ein­fall der Not­fallplan. Dann wird es halt Laut­poe­sie, aus­gedehnt auf ein abend­fül­len­des The­ater­ereig­nis.

 

3)

Unter Strom

Jet­zt bin ich doch nicht mehr erle­ichtert. Der Not­fallplan ist keine Lösung. Tanz den Titel mit Laut­poe­sie durch die Nacht ver und ende und wende im Kreis – nichts wom­it ich mich selb­st zufriedengeben kann. Ver­mut­lich auch in Zukun­ft nicht. Ganz gewiss nicht, wenn ich länger darüber nach­denke.

Es ist ja nicht so, dass ich, trotz Bemühun­gen, trotz Scheit­ern, trotz erneutem Ver­suchen, trotz erneutem Scheit­ern, nicht weit­er­hin ver­suche, mit diesem Auf­trag voranzukom­men. Erst gestern wieder habe ich Zukun­ft­s­the­men und ‑tech­nolo­gien recher­chiert, Fach­lit­er­atur über Zukun­fts­forschung gele­sen, mich mit philosophis­chen Schriften und Fra­gen wie „Müssen wir ewig leben“ auseinan­derge­set­zt; ich habe, nach­dem ich Zukun­ftsszenar­ien der Energiewirtschaft studiert habe, meinen Stro­man­bi­eter gewech­selt und beziehe jet­zt 100 % echt­en Ökostrom von einem Energiev­er­sorg­er, dessen Claim „Energie mit Zukun­ft“ lautet. Jede Woche aufs Neue bin ich mit meinen Recherchemöglichkeit­en gefühlt am Ende und wom­öglich bin ich das jet­zt auch langsam wirk­lich. Irgend­wann gibt es ein­fach nichts mehr, was ich über die Zukun­ft recher­chieren kön­nte, falls es über­haupt möglich ist, über die Zukun­ft zu recher­chieren, was ich ja mache und damit beweise, den­noch frage ich mich immer und immer wieder, ob es über­haupt Sinn ergibt, über die Zukun­ft zu recher­chieren und es nicht bess­er wäre, ein Zukun­ftsszenario selb­st zu erfind­en, ganz ohne Recherche. Und über­haupt: Was brin­gen mir all die Infor­ma­tio­nen, wenn ich auch diese nicht ver­ar­beit­en kann, als wären es ein­fach nur weit­ere Nachricht­en, die mich beschallen, die ich ver­wen­den kön­nte, aber nicht ver­wen­den möchte. Keine einzige Fig­ur hat sich bish­er aus dem Haufen an Wis­sen her­auskristallisiert. Ganz zu schweigen von ein­er eige­nen Sprache. Alles, was da ist, ist _ nichts.

 

4)

Die Gruppe

Auch heute wieder keine Idee, wie ich diesen Auf­trag bewälti­gen kön­nte. Mir ist klar: allein komme ich damit nicht klar. Ich brauche Hil­fe. Nur woher? Ich brauche den Aus­tausch mit anderen. Ich brauche eine Gruppe. Nur welche? In allen Grup­pen, in denen ich bin, geht es auss­chließlich darum, im Arbeit­sprozess zu ste­hen. Keine Gruppe, die sich damit beschäftigt, im Arbeit­sprozess nicht voranzukom­men. Wer gibt das schon gerne zu? Und über­haupt sind Grup­pen zu Zeit­en des Kon­tak­tver­botes schwierig. Tre­f­fen mit max­i­mal 2 Per­so­n­en. Eine Gruppe aus mir und noch wem. Das ist nicht genug. Fürs Erste muss eine Online-Gruppe her.

Ich tippe in die Such­mas­chine „Kreative ohne Ein­fall“ und finde: „alle Lösun­gen für Ohne kreative Ein­fälle — Cody­Cross Spiel­casi­no Das Wort begin­nt mit I und hat 8 Buch­staben.“

Sollte ich ins Spiel­casi­no gehen und dort meine Zukun­ft ver­wen­den? Nein. Ich sollte, ich muss, ich werde eine Gruppe grün­den. Und in der Gruppe gehen wir der Ideen­losigkeit auf den Grund. Also gründe ich eine Gruppe. Das ist dank Social Media schnell gemacht. Ich logge mich ein, erstelle eine neue Gruppe, fülle jedes Feld vor­bildlich aus, stelle sie auf „öffentlich“, verknüpfe sie mit allem, was mir in die Quere kommt, lade all meine Kon­tak­te ein, sich daran zu beteili­gen und bitte um fleißiges Bewer­ben mein­er neuen Gruppe. Kreative ohne Ein­fall – Gruppe mit Zukun­ft. Das kön­nte, nein, das muss, das wird groß wer­den. Oder auch nicht.

 

5)

Kein Mit­glied

Die Gruppe ist erstellt, fehlen nur noch die Mit­glieder. Ich warte und warte und schaue aus dem Fen­ster. Im Innen­hof nichts neues. Ich warte und warte und schaue aufs Dis­play. Noch immer kein neues Mit­glied. Doch: Ein Fen­ster hat sich geöffnet, eine neue Nachricht.

Kim*Chi: Alles OK bei dir?

Ich: Geht so, ich gründe ger­ade eine Gruppe.

Kim*Chi: Habe ich gese­hen.

Ich: Gerne teilen und weit­erempfehlen. Danke.

Kim*Chi: Wegen deines Auf­tragswerkes?

Ich: Ja. Immer noch keine Zeile.

Kim*Chi: Lass uns bald mal wieder spazieren gehen, ja?

Eigentlich habe ich keine Zeit mich mit Kim*Chi zu tre­f­fen. Es gibt so viel zu tun. Das erste Online-Tre­f­fen der Gruppe muss organ­isiert, eine erste Agen­da konzip­iert wer­den. Vielle­icht kön­nte ich auch irgendwelche Kreativ-Coach­es ein­laden … nein, so eine Gruppe soll das nicht wer­den, unsere Gruppe wird eine solide Selb­sthil­fe­gruppe. Von Men­schen, die nicht im Stande sind, wed­er ihre Jugend noch ihre Zukun­ft zu ver­wen­den, für Men­schen, die nicht im Stande sind, wed­er ihre Jugend noch ihre Zukun­ft zu ver­wen­den.

 

6)

Poe­sie, wie ich sie brauche?

Rami: Ich habe nichts zu sagen und sage es und das ist Poe­sie …

Ich: John Cage. Kenne ich schon.

Rami: Wozu dann diese Gruppe?

Ich: Zum Aus­tausch. Bist du dabei?

Rami: Schreib doch ein­fach drauf los, das hil­ft bei mir.

Ich: Nichts geht mehr bei mir, echt nicht.

Rami: Ver­suche es nochmal.

Ich: Trittst du der Gruppe bei?

Rami: Keine Zeit, muss bis EOW zwei Texte abgeben.

Ich: Okay, dann viel Erfolg dafür.

Rami: Danke. Und dir viel Erfolg mit der Gruppe.

Ich: THX.

 

Ein­fach drau­f­los schreiben, ein­fach raus­lassen, ein­fach ins Fließen kom­men, noch so ein Ratschlag, den ich bere­its angenom­men habe, aus dem nichts wurde, wie aus den anderen Ratschlä­gen auch, aber bald wird alles anders, bald habe ich meine Gruppe und die Dynamik wird sich pos­i­tiv auswirken, wenn alles gut läuft, wenn endlich jemand mein­er Gruppe beitritt. Statt neuer Mit­glieder nur weit­ere Nachricht­en mein­er Freund*innen, meist begin­nen sie mit der Frage: „Alles okay bei dir?“.

 

7)

Zu zweit

Ana: Haha­ha, Men­schen, die nicht im Stande sind, wed­er ihre Jugend noch ihre Zukun­ft zu ver­wen­den, deine Gruppe ist ja lustig, ist das dein Ernst?

Ich: Ja.

Ana: Du und kein Ein­fall? Kann ich mir nicht vorstellen.

Ich: Doch. Es ist schlimm. Wirk­lich schlimm dieses Mal.

Ana: Mach dir keinen Kopf, dir fällt doch immer was ein.

Ich: Hast du Lust der Gruppe beizutreten?

Ana: Wenn’s dich glück­lich macht.

Ich: Ja.

Ana: Aber für so Orgakram hab ich keine Zeit.

Ich: Schon klar, das übernehme eh ich.

Ana ist der Gruppe „Kün­stler ohne Ein­fall“ beige­treten.

 

Ich schalte den Rech­n­er aus und gehe hin und her und hin und her und trage mit jedem Schritt die neue Gruppe mit. Das alles, das wird, das wird. Zuerst find­en wir uns online, und irgend­wann, wenn wir mehr als zwei Mit­glieder sind, wenn Tre­f­fen wieder möglich sind, sitzen wir zusam­men im Café. Oder im Park. Das wird. Das wird. Wenn ich erst­mal meine Gruppe gefun­den habe, geht es los mit dem Text, mit der Ver­wen­dung mein­er Zukun­ft.


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