Lesen Sie hier in den nächsten Tagen Robert Prossers  Journal aus Beirut 

 

7/7

An einem Son­ntag kochte Tarek auf. Es schien eine erfreuliche Abwech­slung in seinem All­t­ag zu sein, den er großteils in der Woh­nung ver­brachte. Er stellte eine große Pfanne auf den Tisch, vier Hüh­nchen­schenkel auf mit Gewürzen ver­fein­ertem Reis. Al-Man­di, dik­tierte die App, eine jemeni­tis­che Spezial­ität, die Tareks Vater im Fam­i­lien­restau­rant anbi­ete. Es schmeck­te fan­tastisch, schon der erste Bis­sen ließ daran keinen Zweifel. Warum er nicht auch in Beirut als Koch arbeite, fragte Leo, und am Dis­play des Smart­phones erschien: They hate Syr­i­ans. Ein Über­set­zer hat­te uns Tareks Werde­gang erk­lärt: Seit einem Jahr lebte er im Libanon. Erst war er in Baal­bek bei einem Cousin unterge­bracht, die His­bol­lah aber erließ eine Aus­gangssperre für Syr­er, es war, sagte er, eine schlechte Zeit und ein schlechter Ort für ihn. Beirut sollte die näch­ste Sta­tion wer­den, der Woh­nungs­be­sitzer war ein Fre­und seines Vaters. Grund für die Flucht war die Ein­beru­fung ins Mil­itär. Er wollte nicht für Assad kämpfen; um dem Dienst an der Waffe zu ent­ge­hen, musste er sich vier Jahre im Aus­land aufhal­ten und nach sein­er Rück­kehr rund 8000 Dol­lar zahlen. Drei Jahre hat­te Tarek noch auszuhal­ten, dann kön­nte er sich freikaufen. Er schliff Glas, kochte für die allfäl­li­gen Gäste. Auf eigene Faust studierte er Englisch und ging jede Nacht, wenn die Straßen ver­lassen waren, fünf Kilo­me­ter laufen.

6/7

Jede Nacht tauschte Tarek seinen Jog­gin­ganzug gegen Jeans und Hemd. Er gelte sich die Haare, wink­te, ging bei der Tür hin­aus. Ein­mal erwis­chte ich ihn bei der Rück­kehr. Das Hemd klebte an seinem mas­si­gen Oberkör­p­er, er keuchte, war ver­schwitzt, die Haare hin­gen ihm ins Gesicht. Ein kurzes Hal­lo, schon ver­schwand er in der Dusche. Das Schaus­piel wieder­holte sich in der näch­sten Nacht. Wieder zog er sich um, machte sich fesch, ver­ließ die Woh­nung. Was er mache, fragte ich, als er nach ein­er Stunde schweißbe­deckt zurück­kehrte. Sports, erk­lärte er mir. Am näch­sten Mor­gen wurde der Tod Abdel­bas­set Sarouts ver­meldet. Vor­mals Tor­wart der syrischen U‑17 und U‑20 National­mannschaft, stellte er sich 2011 gegen Assad. Er wurde zu einem der bekan­ntesten Gesichter des Wider­stands, lieferte diesem mit dem Lied Jan­na Jan­na Jan­na (Paradies, Paradies, Paradies) eine Hymne. Im Ver­lauf der Kriegs­jahre wurde ihm eine ide­ol­o­gis­che Nähe zu Islamis­ten vorge­wor­fen, den­noch, er blieb eine Ikone. Sarout, der Ex-Fußballer und tal­en­tierte Sänger, Kom­man­dant ein­er Rebel­len­gruppe, dessen vier Brüder vom syrischen Geheim­di­enst getötet wor­den waren und der selb­st mehrere Mor­dan­schläge über­lebt hat­te. In der Prov­inz Idlib war er im Kampf gegen Assads Stre­itkräfte ver­wun­det wor­den, in einem türkischen Kranken­haus erlag er seinen Ver­let­zun­gen. Sarouts Tod war beispiel­haft für die Lage in Syrien, ein­er nach dem anderen star­ben in einem seit Jahren andauern­den Krieg die vor­ma­li­gen Helden der Rev­o­lu­tion, sie krepierten in einem kaum durch­schaubaren Kon­flikt ver­schieden­ster Armeen und Allianzen, und was blieb war die Gewis­sheit, dass Assad nicht gestürzt wer­den kon­nte.

5/7

Jahre später, während des Aufen­thalts in Syrien, stieß ich in Deir-es-zur auf eine armenis­che Kirche. Ich trat in den Hof, gegenüber einem Brun­nen führte ein Holz­tor ins Innere des Gebäudes. Vor dem Altar ragte eine stein­erne Säule aus dem Boden, deren Spitze in Flam­men­form gestal­tet war. Über Stufen gelangte ich in das unter­halb des Altars gele­gene Gewölbe, zum Sock­el der Säule. Im Schein der elek­trischen Lam­p­en erkan­nte ich darin einge­fügte Knochen. Ein­er Infotafel zufolge waren sie in der umliegen­den Wüste gefun­den wor­den, die einzi­gen Spuren des ab 1915 vom osman­is­chen Reich an den Arme­niern verübten Genozids. Die Katakomben ent­pup­pten sich als Mah­n­mal jen­er Todesmärsche, die bis hier­her in den Osten Syriens geführt hat­ten. Tags darauf, beim Anblick der Grabtürme von Palmyra — die vom IS gesprengt wer­den wür­den, wie auch Deir-es-zur und die Erin­nerung an die Arme­nier im Bauch der Kirche — musste ich an die Geschichte vom zufäl­lig ent­deck­ten Sol­da­ten­dorf denken. Die Worte des Stu­den­ten hat­ten eine anar­chis­che Zelle ver­muten lassen, abgeschnit­ten von der eigentlichen Welt. Das Muse­um in Deir-es-Zur aber hat­te mir vor Augen geführt, dass eine solche Erzäh­lung weit über das Anek­doten­hafte hin­aus­ging. Arme­nien, Aser­baid­schan, die Türkei und Syrien — der gesamte geografis­che Raum war auf das Grausam­ste miteinan­der ver­bun­den, seit Jahrhun­derten beste­hende Feind­schaften und Bünd­nisse hall­ten in den Karabachkrieg der 1990er und bis in die Gegen­wart nach. Ich fotografierte die Reste von Zeno­bias Palas­tan­lage, um den Moment festzuhal­ten, in dem mir die Ahnung gekom­men war, dass ich den Flirt mit dem Back­pack­er-Lifestyle been­den und stattdessen mehr Sorgfalt in die Recherche steck­en sollte. Nicht mehr reisen, um unter­wegs zu sein, son­dern um die Idee für einen Text mit Hin­ter- und Unter­grün­den zu ver­sor­gen, dieses Vorhaben glich einem feinen Riss im Bild, das man von sich sel­ber hat. 

4/7

Abwech­sel­nd brachen wir mit ein­er Gabel Stücke vom kle­bri­gen Brock­en der Honig­wabe, dippten das Brot in das Schälchen mit Gewürzen, und die Erin­nerung an Palmyra sponn sich zu ein­er anderen Reise: 2008 fuhr ich per Bus nach Istan­bul und schließlich, als sich der Krieg um Süd-Osse­tien beruhigt hat­te und die Gren­ze nach Georgien wieder offen war, über Tiflis nach Arme­nien. In Yere­wan traf ich einen Deutschrussen, Stu­dent der Land­schaft­sar­chitek­tur, der als Teil eines inter­na­tionalen, EU-geförderten Pro­jek­tes die Land­karten des südlichen Kauka­sus aktu­al­isierte, um, so der Hin­tergedanke der Auf­tragge­ber, mith­il­fe neuer, detail­liert­er Pläne Schige­bi­ete zu erricht­en oder Wan­der­wege anzule­gen. Im Zuge der Kar­tografierung habe man in einem als unbe­wohnt gel­tenden Tal ein Dorf ent­deckt, von dessen Exis­tenz keine offizielle Stelle wusste, so der Stu­dent. Die Sied­lung war nir­gends verze­ich­net, die Fam­i­lien, die sich in den selb­st­ge­baut­en Hüt­ten ein­gerichtet hat­ten, waren nir­gends gemeldet. Die Befra­gung ergab, dass sie aus Nagorno-Karabach stammten und die älteren Män­ner vor mehr als einem Jahrzehnt im Karabach-Krieg gegen Aser­baid­schan gekämpft hat­ten. Aus ihrer zer­störten Heimat waren sie in dieses Tal gezo­gen und hat­ten ein neues, bis zum Auf­tauchen des Ver­mes­sung­steams ungestörtes Leben geführt. (4/7)

3/7

A pho­to­graph is a reduc­tion of the end­less and unman­age­able world to a lit­tle rec­tan­gle, schreibt Dubrav­ka Ugrešić in The Muse­um of uncon­di­tion­al sur­ren­der. Die Auf­nah­men aus Palmyra waren ein Beispiel für mein auf mehrere Daten­träger, Fest­plat­ten und Briefku­verts verteiltes Archiv ama­teuer­hafter Schnapp­schüsse. Mit Anfang Zwanzig hat­te ich begonnen, einen Großteil mein­er durch ver­schieden­ste Jobs einge­bracht­en Erspar­nisse für Reisen auszugeben; Ugrešićs rec­tan­gles entsprachen meinen Blick­en aus Bus- oder Zugfen­stern, den zufäl­li­gen Begeg­nun­gen und Gesprächen, kurzen Berührun­gen mit der durchkreuzten Fremde. Blieb während­dessen nicht genug Zeit, einen Gedanken niederzuschreiben, ver­suchte ich, ihn mith­il­fe eines Fotos pro­vi­sorisch zu bewahren, im besten Fall ließ sich der Denk- oder eher Gefühlszu­s­tand jenes Momentes beim späteren Betra­cht­en wieder entern. Mit­tler­weile scheint mir, als wären die im Rei­sev­er­lauf im Notizbuch fest­ge­hal­te­nen Ein­träge aller­höch­stens bruch­stück­haft — hinge­fet­zte Wörter, deren Bedeu­tung mir in der Gegen­wart ein Rät­sel ist — und als wür­den sich die per­sön­lich wichti­gen Beobach­tun­gen und Erken­nt­nisse vor­wiegend in diesen geknip­sten Erin­nerungsstützen find­en. In Beirut, als Tarek Leo und mir syrische Spezial­itäten auftis­chte, kon­nte ich mich nicht des Gedankens erwehren, dass die Reisen eine Art zweites Leben for­men, los­gelöst von jen­em, in das ich mich in Öster­re­ich gefun­den habe, und dass dieses andere Leben aus ineinan­der gewor­fe­nen Zeit­en und Orten und Men­schen beste­ht, ein Chaos an Erleb­nis­sen und Ein­drück­en, das sich nicht um Chronolo­gie schert, son­dern nach Geset­zmäßigkeit­en funk­tion­iert, die wie zufäl­lig gespon­nen wirken mögen, manch­mal aber, über­fall­sar­tig, in ihrer ganzen Dringlichkeit erkennbar wer­den. 

2/7

Die ver­lassene Straße schlen­derte ein kor­pu­len­ter Typ ent­lang, gek­lei­det in Jog­ging­hose und grel­lor­angem T‑Shirt. Der Tax­i­fahrer pfiff ihm, er lächelte schüchtern und kam auf uns zu, die Hand aus­gestreckt: Tarek, unser neuer Mit­be­wohn­er. In der Woh­nung stapel­ten sich auf meter­ho­hen Regalen dunkel­grüne Gläs­er und Aschen­bech­er. Er deutete darauf, sagte: Work. Er sprach kaum Englisch, mith­il­fe ein­er Über­set­zungsapp erri­eten wir, dass er im Auf­trag des abwe­senden Kün­stlers aus gesam­melten Wein- und Cham­pag­n­er­flaschen Deko­ge­gen­stände schliff. Die Unterkun­ft ent­pup­pte sich als Umschlag­platz kün­st­lerischen Upcy­clings: Das Streugut der Par­tymetro­pole Beirut wurde zu Desig­nob­jek­ten, die, so gaben die auf den am Boden gestapel­ten Kar­tons notierten Emp­fangsadressen preis, inter­na­tion­al Abnehmer fan­den. Bis zum näch­sten Mor­gen gebe es kein fließen­des Wass­er, erfuhren wir. Tarek öffnet einen Schrank, darin mehrere ange­füllte Zehn-Liter Plas­tik­be­häl­ter, diese soll­ten für die Toi­lette und in der Dusche ver­wen­det wer­den. No drink, betonte er. Später fläzte er auf dem Sofa, in den Hän­den ein vollgeschriebenes Heft. Er blät­terte darin, star­rte in die Luft, seine Lip­pen bewegten sich. Er bemerk­te meine Neugi­er, hielt mir das Heft ent­ge­gen: Lis­ten englis­ch­er Wörter, Über­set­zun­gen ins Ara­bis­che und gram­matikalis­che Erläuterun­gen füll­ten die Seit­en. Sein Smart­phone vib­ri­erte, eine Nachricht von seinem Vater. In dessen Restau­rant hat­te Tarek als Koch gear­beit­et, enträt­sel­ten wir die App-Vorschläge. Spezial­isiert auf Hüh­nchen und Reis, Shawar­ma und Falafel, nicht weit von Damaskus. Aus dem Kühlschrank kramte Tarek einen in Plas­tik gewick­el­ten Brock­en: From Syr­ia. Eine schwär­zliche, glänzende Masse; Honig­waben, mit Anis ver­set­zt. Tarek stellte ein Schälchen Olivenöl und eines mit ein­er Gewürzmis­chung auf den Tisch, wieder­holte: From Syr­ia. Er riss ein Stück vom Brot ab, dippte es erst ins Öl, danach in das Gewürz, biss hinein, Dau­men hoch. Ich ver­suchte zu erk­lären, dass ich ähn­lich­es vor Jahren in Palmyra pro­biert hat­te, im Zelt ein­er Fam­i­lie, die nachts in den Palas­tru­inen Zeno­bias Wache hielt, und suchte am Lap­top nach dem Ord­ner mit Fotos, um sie Tarek zu zeigen, Bilder der Grabtürme, des Kastells auf einem Hügel, der Dünen. 

1/7

Zu wis­sen, dass man in näch­ster Zeit nicht auftreten wird, nir­gend­wo hin­fährt, um beispiel­sweise als Teil der Recherche ein Inter­view zu führen, und somit der direk­te Kon­takt fehlt, zum Pub­likum oder einem Gesprächspart­ner, das ver­mit­telt das Gefühl, in einem leeren Raum gefan­gen zu sein. Die erzwun­gene Entschle­u­ni­gung bewirkt Chaos im kreativ­en Denken, die Ruhe ist erstaunlich gewöh­nungs­bedürftig. In Alp­bach, meinem Heima­tort, ver­bringe ich einen Teil der Zeit mit Seil­sprin­gen auf der Ter­rasse – ein dankbares Mit­tel, um in Bewe­gung zu bleiben, zugle­ich eine unge­wollt passende Meta­pher für den aktuellen Zus­tand des Auf-der-Stelle-laufens. Wie schreiben in diesem Still­stand, der mit Absage um Absage von Lesun­gen ein­herge­ht? Immer­hin, ich arbeite am Fein­schliff für eine Reportage, die diesen Herb­st in Buch­form erscheinen soll. Mit dem Fotografen Leon­hard Pill fuhr ich let­zten Som­mer durch den Libanon; eine Reise auf den Spuren des Syrienkrieges. Gewis­ser­maßen ähnelt die jet­zige Sit­u­a­tion jen­er, in der sich etliche der Men­schen befan­den, denen wir damals begeg­net sind. Die eigene Lage aber gestal­tet sich im Ver­gle­ich priv­i­legiert; Aus­gangssper­ren und die Ver­damm­nis zum Aushar­ren in ein­er Woh­nung kön­nen bedrohlichere Anlässe haben als die aktuellen Vor­sichts­maß­nah­men auf­grund von Covid-19.

Leo und ich lan­de­ten kurz vor Mit­ter­nacht. Aus­ges­tat­tet mit Tele­fon­num­mern und Mailkon­tak­ten, die zu Inter­views und Empfehlun­gen ver­helfen soll­ten, dazu eine Adresse, in der alle Fremde mitk­lang, die das unbekan­nte Beirut für uns besaß: Furn esh-Shub­bak, es-Sid­schil el-Adli. Ein in Deutsch­land leben­der Syr­er hat­te mir die Anschrift weit­ergeleit­et, unweit davon wohne ein Fre­und, der uns einen Schlaf­platz zur Ver­fü­gung stellen würde. Spo­radisch erre­icht­en mich in den Tagen vor Abflug Nachricht­en dieses gle­ich­sam aus Syrien stam­menden Kün­stlers. Er sei ger­ade wegen eines Pro­jek­ts in der Türkei, schrieb er, aber kein Prob­lem, es finde sich eine Lösung. Schließlich erhielt ich eine Tele­fon­num­mer und die Anweisung, diese anzu­rufen, sobald wir an der Adresse ein­tr­e­f­fen. Es gebe keine Haus­num­mern, doch ein weit­er­er Fre­und, der eben­falls in der Woh­nung lebe, werde uns im Vier­tel Furn esh-Shub­bak, an der Kreuzung der Straßen es-Sid­schil und el-Adli, aufle­sen.