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Bücher im Gespräch
Literaturkreis mit Christine Riccabona

Neuerscheinungen, Weltliteratur, Gedichte, Erzählungen.
Im Zentrum steht ein Buch pro Abend, das aus Vorschlägen gemeinsam ausgewählt wird. Das Buch des ersten Abends wird nach Anmeldung per Mail mitgeteilt.

Termine
6. März, 3. April, 8. Mai, 12. Juni, 3. Juli jeweils 19 Uhr

Begrenzte TeilnehmerInnenzahl

Anmeldung erforderlich. Kosten: 20 € (für Mitglieder gratis)
Informationen: Telefon +43 512 507-45014

 

Das Buch des Monats Juni
Milan Kundera: Die Unwissenheit. Fischer TB 2000

viel Freude und inspirierende Gedanken bei der Lektüre…

 

Gedankensplitter aus den Gesprächen:

 

Milan Kunderas “Die Unwissenheit”, Anfang des 21.Jhd geschrieben,  behandelt  das Erleben der Emigration nach dem Prager Frühling und nach der Öffnung im Jahr 1989. Emigration ist für uns heute wieder und leider noch immer traurige Realität. Wie K. in seinen Charakteren das Thema des Fremdseins beschreibt ist meisterhaft und beeindruckend. Man versteht, dass emigrieren für die Betroffenen Abschied für immer  bedeutet und die Notwendigkeit im Fremden ganz heimisch zu werden. Das unerwartete, zögernde Zurückkehren bedeutet für Sie, erneut fremd zu sein. Erkennen müssen, dass sich alles verändert hat, schlimmer, dass man hier gar nicht mehr wahrgenommen wird. Der Roman beschreibt das Fremde, das Vergessen, das Verlieren und die Frage der Identität, nicht die Ursachen der Flucht. Die Personen sind mit wenigen Strichen, in kurzen Episoden wunderbar exakt gezeichnet. Wenn man will, erkennt man sich und andere in unseren eigenen Formen der Emigration und Remigration . (Helga Renner)

 

Nicht vergessen werden soll, dass, wenn man diese Geschichte mit der Jetztzeit vergleicht, die beiden – Irena und Josef – ja noch gut weg gekommen sind, schon aufgrund ihrer sozialen und wirtschaftlichen Position. Auch wenn Irena schildert, dass sie als Alleinerziehende zeitweilig putzen ging, um ihre Kinder und sich durchzubringen, ist es ihr doch gelungen, sich eine bessere Position zu verschaffen.  Die vielen tausend Menschen, von deren Odysseen wir heute erfahren, leben weitaus weniger komfortabel. Dies für sehr ungewisse Zeit.

Was sie verloren haben, wage ich nicht zu denken. Mir fällt dazu ein Zitat von Stefan Zweig ein, worin er sinngemäß meint, dass man mit seiner Heimat mehr verliert als einen Fleck umgrenzter Erde. (Georgette Plaikner)

 

Das Buch des Monats Mai.
Julian Barnes: Der Lärm der Zeit. Köln, 2017
 

 

Gedankensplitter aus den Gesprächen:

 

Kunst und Kultur war und ist immer ein Dorn im Auge der Macht. Es sei denn man kann sie instrumentalisieren.
Das wissen wir und wir kennen auch die Beispiele aus unserer Vergangenheit. Wenn man aber begreifen will, wie Angst und Unterdrückung auf Dauer den Charakter eines Menschen seine Kreativität, seine Wahrhaftigkeit und seine Lebensfreude zerstört, muss man dieses Buch lesen. Julian Barnes beschreibt ganz undramatisch aber umso klarer den Mechanismus der Gewalt. So beeindruckend nahe geht uns das Schicksal von Schostakowitsch, dass man wohl mit noch mehr Dankbarkeit seine Musik hören und erleben kann.  (Helga Renner)

 

Der Lärm der Zeit

Einerseits war ich von diesem Buch zief berührt, vor allem vom ersten Teil aber auch enttäuscht in den weiteren Teilen.
Er zeigt, wie sich eine Persönlichkeit durch die gesellschaftliche Situation vor allem In einem totalitären Regime verändern kann, oder wie sich durch ein solches Willkürregime eine Veranlagung
noch verstärken kann und in gewisser Weise fast pathologisch wird.
Schostakowitsch kann offenbar lediglich in der Musik oder im Komponieren eine gewisse
Freiheit finden.Vielleicht taucht er da in eine andere Welt ein?
Seine Angst um die Familie lässt ihn diesen „verrat“ an seiner Persönlichkeit vollziehen, an dem er letztlich auch scheitert. Die Frage ist jedoch wie weit solche Unterwerfung gehen muss, und ob sie auch die Diskreditierung und den Verrat von anerkannten und vielleicht sogar befreundeten Personen beinhalten muss.
Ich kann natürlich nicht darüber urteilen wie weit diese Selbstdemütigungen dem Überleben in der Situation geboten waren.

Ich finde die Wiederholungen der Darstellungen des Stalinistischen Terrorregimse im zweiten und auch noch dritten Teil eher müßig und eher störend. Wobei ich nicht die Abfolge verschiedener immer neuer Drangsalen meine, sondern Wiederholungen bereits beschriebener Situationen.
Dass Schostakowitsch sich auch in der nachfolgenden „Kukurutz“ Ära nicht aus seiner tiefen Verstrickung und selbst Demütigung befreien (lösen) konnte, erschüttert jedoch. Zeigt aber auch die Unmöglichkeit, sich aus einer tiefen depressiven Stimmung selbst zu befreien.
Insgesamt ist dieses Buch ein erschütterndes Sittenbild der Stalinära und der Sowjetunion.

Aber auch der Situation von exponierten Personen wie es Schostakowitsch zweifellos war.
So bewegend und fesselnd das Buch im ersten Teil und zeitweise auch noch in späteren Abschnitten war, so wenig gut und undifferenziert fand ich es im weiteren Verlauf. (Franz Mennert)