Sei­ten­wei­se

Bücher im Gespräch
Lite­ra­tur­kreis mit Chris­ti­ne Riccabona

Neu­erschei­nun­gen, Welt­li­te­ra­tur, Gedich­te, Erzäh­lun­gen.
Im Zen­trum steht ein Buch pro Abend, das aus Vor­schlä­gen gemein­sam aus­ge­wählt wird. Das Buch des ers­ten Abends wird nach Anmel­dung per Mail mitgeteilt.

Ter­min
 2. Okto­ber 19 Uhr

Begrenz­te TeilnehmerInnenzahl

Anmel­dung erfor­der­lich. Kos­ten: 20 € (für Mit­glie­der gra­tis)
Infor­ma­tio­nen: Tele­fon +43 512 507–45014

 

Das Buch des Monats Okto­ber.
Ste­fan Zweig Die Welt von Gestern.

 

 

Das Buch des Monats Juli.
Ilse Aichin­ger Die grö­ße­re Hoffnung

 

Gedan­ken­split­ter aus den Gesprächen:

 

Ilse Aichin­ger  „Die grö­ße­re Hoffnung“

Die­ses Buch ist wahr­lich nicht leicht zu lesen. Man­cher wird sich nicht ange­spro­chen füh­len. Wie soll es auch, da es sich mit einer The­ma­tik befasst, bei der es kaum mög­lich ist die rech­ten Wor­te zu fin­den. Die Mischung aus Rea­li­tät und Meta­pho­rik ist schwe­re Kost und man­ches muss­te ich zwei­mal lesen um eini­ger maßen zu ver­ste­hen was hier zum Aus­druck kom­men soll.

Die ver­schie­de­nen Erleb­nis­se von Ellen, jedes für sich ein bis in die Tie­fe des Inne­ren von Bedro­hung und gleich­zei­tig von der Selbst­ver­ständ­lich­keit des Lebens­wil­len durch­drun­gen. Die Sze­nen am Fried­hof wo jeder sei­en Platz hat. Die Fahrt mit dem Wagen – ist es die apo­ka­lyp­ti­sche Todes­fahrt? Der Juden­stern wird zum Sym­bol der Gleich­heit, der Ver­bun­den­heit unter den Kin­dern als Wider­stand gegen das Böse. Das Fest ein Spiel des Lebens und um das Leben. Die Bahn­hof­sze­ne, ein Zei­chen des Wider­stan­des der Auf­lö­sung. Jede für sich spie­gelt das Rin­gen um Leben in der größ­ten Bedro­hung und den Wider­stand gegen den Wahn­sinn die­ser Zeit. Am Ende steht der Stern der Hoff­nung über allem.

Ich fin­de, dass es ein groß­ar­ti­ges buch ist. Für Ereig­nis­se und Zustän­de eine Beschrei­bung zu fin­den die einem bis in die Tie­fe des Mensch­li­chen anrührt ist eine Kunst, die wohl nur weni­ge wie Ilse Eichin­ger zustan­de brin­gen. Auch ist es wich­tig zu beach­ten in wel­cher Zeit die­ses Buch ent­stan­den ist. Ilse Eichin­ger hat all die­se Unge­heu­er­lich­kei­ten ja selbst erle­ben müs­sen und wie Paul Celan die Wor­te gefun­den die sie dafür brauchte.

Ich kann jeder/m nur emp­feh­len sich der Schwie­rig­keit des Lesens aus­zu­set­zen um sich dann von der Dra­ma­tik die­ses Buches ganz mit­rei­ßen zu las­sen. (Franz Mennert)

 

Für Ilse Aichin­ger war das ihr ers­ter und ein­zi­ger Roman, 1948 erschie­nen, knapp nach dem 2. Welt­krieg.
Ein Roman? Eine Erzäh­lung? Lyri­sche Pro­sa? Ein  poe­ti­scher Bericht?  Auf jeden Fall ein
wesent­li­ches Stück öster­rei­chi­scher Lite­ra­tur, von höchs­ter Qua­li­tät. Vom Leser, der Lese­rin  wird mehr gefor­dert als ratio­na­les Auf­neh­men des Gesche­hens. Denn die­ses  fin­det so nicht statt. In Bil­dern, traum­haf­ten Sequen­zen und Asso­zia­tio­nen wird die aus­sichts­lo­se Situa­ti­on von Kin­dern mit den ” fal­schen Groß­el­tern ” geschil­dert, Kin­der ohne “Nach­weis” dem NS Staat aus­ge­lie­fert — und die  den­noch damit ver­su­chen zu leben.  In einem unmensch­li­chen Staat, am Ende des Krie­ges, inmit­ten tota­ler Ver­nich­tung: Leben  und immer noch glau­ben, dass ” irgend­wo alles blau wird “, dass das Stig­ma des Juden­sterns ver­schwin­det und — wie der letz­te Satz des Romans lau­tet — “der Mor­gen­stern am Him­mel steht”. Ein Buch zwi­schen Hof­fen und Ban­gen, indem die  all­ge­gen­wär­ti­ge Angst, wie  sie Aichin­ger selbst erlebt hat, bedrü­ckend nahe ver­mit­telt wird. Wenn man bereit ist, mit ande­ren Augen zu lesen, bereit ist die Poe­sie der Bil­der  empha­tisch in sich auf­zu­neh­men,  dann gibt es kaum Ver­gleich­ba­res in der Lite­ra­tur, das  uns so tief  zu berüh­ren ver­mag. (Hel­ga Renner)

 
 
Das Buch des Monats Juni
Milan Kun­de­ra: Die Unwis­sen­heit. Fischer TB 2000

viel Freu­de und inspi­rie­ren­de Gedan­ken bei der Lektüre…

 

Gedan­ken­split­ter aus den Gesprächen:

 

Milan Kun­de­ras “Die Unwis­sen­heit”, Anfang des 21.Jhd geschrie­ben,  behan­delt  das Erle­ben der Emi­gra­ti­on nach dem Pra­ger Früh­ling und nach der Öff­nung im Jahr 1989. Emi­gra­ti­on ist für uns heu­te wie­der und lei­der noch immer trau­ri­ge Rea­li­tät. Wie K. in sei­nen Cha­rak­te­ren das The­ma des Fremd­seins beschreibt ist meis­ter­haft und beein­dru­ckend. Man ver­steht, dass emi­grie­ren für die Betrof­fe­nen Abschied für immer  bedeu­tet und die Not­wen­dig­keit im Frem­den ganz hei­misch zu wer­den. Das uner­war­te­te, zögern­de Zurück­keh­ren bedeu­tet für Sie, erneut fremd zu sein. Erken­nen müs­sen, dass sich alles ver­än­dert hat, schlim­mer, dass man hier gar nicht mehr wahr­ge­nom­men wird. Der Roman beschreibt das Frem­de, das Ver­ges­sen, das Ver­lie­ren und die Fra­ge der Iden­ti­tät, nicht die Ursa­chen der Flucht. Die Per­so­nen sind mit weni­gen Stri­chen, in kur­zen Epi­so­den wun­der­bar exakt gezeich­net. Wenn man will, erkennt man sich und ande­re in unse­ren eige­nen For­men der Emi­gra­ti­on und Remi­gra­ti­on . (Hel­ga Renner)

 

Nicht ver­ges­sen wer­den soll, dass, wenn man die­se Geschich­te mit der Jetzt­zeit ver­gleicht, die bei­den — Irena und Josef — ja noch gut weg gekom­men sind, schon auf­grund ihrer sozia­len und wirt­schaft­li­chen Posi­ti­on. Auch wenn Irena schil­dert, dass sie als Allein­er­zie­hen­de zeit­wei­lig put­zen ging, um ihre Kin­der und sich durch­zu­brin­gen, ist es ihr doch gelun­gen, sich eine bes­se­re Posi­ti­on zu ver­schaf­fen.  Die vie­len tau­send Men­schen, von deren Odys­se­en wir heu­te erfah­ren, leben weit­aus weni­ger kom­for­ta­bel. Dies für sehr unge­wis­se Zeit.

Was sie ver­lo­ren haben, wage ich nicht zu den­ken. Mir fällt dazu ein Zitat von Ste­fan Zweig ein, wor­in er sinn­ge­mäß meint, dass man mit sei­ner Hei­mat mehr ver­liert als einen Fleck umgrenz­ter Erde. (Geor­get­te Plaikner)

 

Das Buch des Monats Mai.
Juli­an Bar­nes: Der Lärm der Zeit. Köln, 2017

 

Gedan­ken­split­ter aus den Gesprächen:

 

Kunst und Kul­tur war und ist immer ein Dorn im Auge der Macht. Es sei denn man kann sie instru­men­ta­li­sie­ren.
Das wis­sen wir und wir ken­nen auch die Bei­spie­le aus unse­rer Ver­gan­gen­heit. Wenn man aber begrei­fen will, wie Angst und Unter­drü­ckung auf Dau­er den Cha­rak­ter eines Men­schen sei­ne Krea­ti­vi­tät, sei­ne Wahr­haf­tig­keit und sei­ne Lebens­freu­de zer­stört, muss man die­ses Buch lesen. Juli­an Bar­nes beschreibt ganz undra­ma­tisch aber umso kla­rer den Mecha­nis­mus der Gewalt. So beein­dru­ckend nahe geht uns das Schick­sal von Schosta­ko­witsch, dass man wohl mit noch mehr Dank­bar­keit sei­ne Musik hören und erle­ben kann.  (Hel­ga Renner)

 

Der Lärm der Zeit

Einer­seits war ich von die­sem Buch zief berührt, vor allem vom ers­ten Teil aber auch ent­täuscht in den wei­te­ren Tei­len.
Er zeigt, wie sich eine Per­sön­lich­keit durch die gesell­schaft­li­che Situa­ti­on vor allem In einem tota­li­tä­ren Regime ver­än­dern kann, oder wie sich durch ein sol­ches Will­kür­re­gime eine Ver­an­la­gung
noch ver­stär­ken kann und in gewis­ser Wei­se fast patho­lo­gisch wird.
Schosta­ko­witsch kann offen­bar ledig­lich in der Musik oder im Kom­po­nie­ren eine gewis­se
Frei­heit finden.Vielleicht taucht er da in eine ande­re Welt ein?
Sei­ne Angst um die Fami­lie lässt ihn die­sen „ver­rat“ an sei­ner Per­sön­lich­keit voll­zie­hen, an dem er letzt­lich auch schei­tert. Die Fra­ge ist jedoch wie weit sol­che Unter­wer­fung gehen muss, und ob sie auch die Dis­kre­di­tie­rung und den Ver­rat von aner­kann­ten und viel­leicht sogar befreun­de­ten Per­so­nen beinhal­ten muss.
Ich kann natür­lich nicht dar­über urtei­len wie weit die­se Selbst­de­mü­ti­gun­gen dem Über­le­ben in der Situa­ti­on gebo­ten waren.

Ich fin­de die Wie­der­ho­lun­gen der Dar­stel­lun­gen des Sta­li­nis­ti­schen Ter­ror­re­gim­se im zwei­ten und auch noch drit­ten Teil eher müßig und eher stö­rend. Wobei ich nicht die Abfol­ge ver­schie­de­ner immer neu­er Drang­sa­len mei­ne, son­dern Wie­der­ho­lun­gen bereits beschrie­be­ner Situa­tio­nen.
Dass Schosta­ko­witsch sich auch in der nach­fol­gen­den „Kuku­rutz“ Ära nicht aus sei­ner tie­fen Ver­stri­ckung und selbst Demü­ti­gung befrei­en (lösen) konn­te, erschüt­tert jedoch. Zeigt aber auch die Unmög­lich­keit, sich aus einer tie­fen depres­si­ven Stim­mung selbst zu befrei­en.
Ins­ge­samt ist die­ses Buch ein erschüt­tern­des Sit­ten­bild der Sta­li­nära und der Sowjet­uni­on.

Aber auch der Situa­ti­on von expo­nier­ten Per­so­nen wie es Schosta­ko­witsch zwei­fel­los war.
So bewe­gend und fes­selnd das Buch im ers­ten Teil und zeit­wei­se auch noch in spä­te­ren Abschnit­ten war, so wenig gut und undif­fe­ren­ziert fand ich es im wei­te­ren Ver­lauf. (Franz Mennert)