Giedra Radvilavičiūtė & Undine Radzevičiūtė

Ort: Literaturhaus

Moderation: Cornelius Hell

Litauen: Länderschwerpunkt der Leipziger Buchmesse

Giedra Radvilavičiūtė gehört trotz bislang erst zwei Büchern (und zahlreichen Texten in der Kulturpresse) zu den hervorragendsten Essayisten in Litauen. Sie fasziniert durch ihre spezifische Verbindung von Erzählung und Reflexion. Essayistische Argumentation und narrative Kerne integrieren nahtlos die zahlreichen und abseits des Mainstreams liegenden Assoziationen an die internationale Literatur und an literaturtheoretische Fragestellungen.

Erfahrungen des Alltäglichen, Beobachtungen, gelesene Bücher und eigene Erinnerungen werden zu einem integralen Ganzen verwoben. Unerwartete Wendungen der Bilder oder Ereignisse, Durchbrüche einer spielerischen oder ätzenden Ironie sind charakteristisch für ihre Texte. Das dabei jedes Abgleiten in die banale Wiedergabe von Erlebnissen oder in prosafernes Theoretisieren vermieden wird, liegt zu allererst am großen sprachlichen Repertoire dieser Autorin.

Das Buch Diese Nacht werde ich bei der Wand schlafen besteht aus zwölf Essay-Erzählungen, die sich an Alltagsdetails entzünden, wobei die reale Lebenswelt der Autorin (zu der ihre Tochter, ihre Freundinnen, aber auch ihr Kater gehören) immer von Fiktionen durchsetzt ist. Sehen und Denken gehen eine produktive Verbindung ein. Wenn Fragmente litauischer Lebensrealität oder die Kulisse von Vilnius (in einem Fall auch Details eines Österreich-Aufenthaltes) aufblitzen, sind sie von Szenen aus der Literatur kaum zu unterscheiden.

Portrait Undiné Radzevičiūtė, ©Agnė GintalaitėGiedra Radvilavičiūtė, geboren 1960 in der Stadt Panevėžys, Essayistin und Prosaautorin, beendete 1983 das Studium der Lituanistik an der Universität Vilnius und war als Lehrerin am Land tätig. 1986 übersiedelte sie nach Vilnius und arbeitete lange Zeit in verschiedenen Redaktionen. 1994-1997 lebte sie mit ihrer Familie in Chicago und gab zusammen mit ihrem Mann, dem Sprachwissenschaftler Giedrius Subačius, den Katalog der bis 1882 erschienenen lituanistischen und prussistischen Bücher der Newberry-Bibliothek von Chicago heraus.

Als Autorin von Erzählungen debütierte sie 1985, ihr eigentlicher Eintritt in die litauische Literaturszene begann jedoch 1999 mit Essays in der Kulturpresse.

Giedra Radvilavičiūtė: Der lange Spaziergang auf einer kurzen Mole. Aus dem Litauischen übersetzt von Cornelius Hell. Corso Verlag 2017

Lakonisch und absurd wie ein Zen-Dialog, faszinierend und bilderreich wie eine Zeitreise ist der Roman Fische und Drachen von  Undiné Radzevičiūtė, einer wahrhaft kosmopolitischen Autorin.
Drei Frauengenerationen teilen eine Altstadtwohnung mitten in Chinatown: Großmutter Amigorena, Mama Nora, Autorin erotischer Kriminalromane, sowie deren erwachsene Töchter Miki und Schascha. Täglich tragen sie auf engstem Raum mit rasantem Witz ihre absurden Wortgefechte aus. Auch Schascha schreibt, allerdings über den geheimnisvollen Jesuiten und Maler Giuseppe Castiglione, der 1715–1766 am Hof des Kaisers von China lebte, doch statt diesen zu missionieren, immer tiefer in die chinesische Kultur und ihre Rätsel eintauchte. Ein umwerfend komischer Roman über zwei Kulturen, die sich anziehen und bekämpfen, verehren und missverstehen, über eine Faszination, der Schascha genauso erliegt wie Jahrhunderte vor ihr der Jesuit Castiglione.

Undiné Radzevičiūtė, geboren 1967 in Vilnius, studierte an der Kunstakademie Vilnius Kunstgeschichte, Kunsttheorie und -kritik. Etwa zehn Jahre arbeitete sie als Artdirector für Werbefirmen wie Saatchi & Saatchi und Leo Burnett. 2003 erschien ihr erster Roman „Strekaza“, 2011 und 2013 kamen ihre Werke auf die litauische Shortlist der besten Bücher des Jahres sowie auf nationale Bestenlisten. 2015 gelang ihr der Durchbruch mit Fische und Drachen, das mit dem EU-Literaturpreis ausgezeichnet und derzeit in mehrere Sprachen übersetzt wird.

Undine Radzevičiūtė: Fische und Drachen. Roman. Aus dem Litauischen übersetzt von Cornelius Hell. Residenz Verlag 2017

Cornelius Hell, geboren 1956, Übersetzer, Literaturkritiker, Essayist. Nach dem Studium der Germanistik und Theologie Lektor für deutsche Sprache und österreichische Literatur an der Universität Vilnius. Anschließend Verlagslektor und Leiter des Literaturforums Leselampe in Salzburg. Lehrtätigkeiten an den Universitäten Wien, Salzburg und Klagenfurt. 2002 bis 2008 war Hell Feuilleton-Chef in der österreichischen Wochenzeitung Die Furche. Autor von mehr als 200 Sendungen für den ORF und den Bayerischen Rundfunk, Juror der ORF-Bestenliste und regelmäßiger Mitarbeiter der Zeitschrift Literatur und Kritik.