Gie­dra Rad­vila­vičiūtė & Undi­ne Rad­ze­vičiūtė

Ort: Literaturhaus

Moderation: Cornelius Hell

Litauen: Länderschwerpunkt der Leipziger Buchmesse

Giedra Radvilavičiūtė gehört trotz bislang erst zwei Büchern (und zahlreichen Texten in der Kulturpresse) zu den hervorragendsten Essayisten in Litauen. Sie fasziniert durch ihre spezifische Verbindung von Erzählung und Reflexion. Essayistische Argumentation und narrative Kerne integrieren nahtlos die zahlreichen und abseits des Mainstreams liegenden Assoziationen an die internationale Literatur und an literaturtheoretische Fragestellungen.

Erfahrungen des Alltäglichen, Beobachtungen, gelesene Bücher und eigene Erinnerungen werden zu einem integralen Ganzen verwoben. Unerwartete Wendungen der Bilder oder Ereignisse, Durchbrüche einer spielerischen oder ätzenden Ironie sind charakteristisch für ihre Texte. Das dabei jedes Abgleiten in die banale Wiedergabe von Erlebnissen oder in prosafernes Theoretisieren vermieden wird, liegt zu allererst am großen sprachlichen Repertoire dieser Autorin.

Das Buch Diese Nacht werde ich bei der Wand schlafen besteht aus zwölf Essay-Erzählungen, die sich an Alltagsdetails entzünden, wobei die reale Lebenswelt der Autorin (zu der ihre Tochter, ihre Freundinnen, aber auch ihr Kater gehören) immer von Fiktionen durchsetzt ist. Sehen und Denken gehen eine produktive Verbindung ein. Wenn Fragmente litauischer Lebensrealität oder die Kulisse von Vilnius (in einem Fall auch Details eines Österreich-Aufenthaltes) aufblitzen, sind sie von Szenen aus der Literatur kaum zu unterscheiden.
Als Autorin von Erzählungen debütierte sie 1985, ihr eigentlicher Eintritt in die litauische Literaturszene begann jedoch 1999 mit Essays in der Kulturpresse.

Giedra Radvilavičiūtė: Der lange Spaziergang auf einer kurzen Mole. Aus dem Litauischen übersetzt von Cornelius Hell. Corso Verlag 2017

Lakonisch und absurd wie ein Zen-Dialog, faszinierend und bilderreich wie eine Zeitreise ist der Roman Fische und Drachen von Undiné Radzevičiūtė, einer wahrhaft kosmopolitischen Autorin.
Drei Frauengenerationen teilen eine Altstadtwohnung mitten in Chinatown: Großmutter Amigorena, Mama Nora, Autorin erotischer Kriminalromane, sowie deren erwachsene Töchter Miki und Schascha. Täglich tragen sie auf engstem Raum mit rasantem Witz ihre absurden Wortgefechte aus. Auch Schascha schreibt, allerdings über den geheimnisvollen Jesuiten und Maler Giuseppe Castiglione, der 1715–1766 am Hof des Kaisers von China lebte, doch statt diesen zu missionieren, immer tiefer in die chinesische Kultur und ihre Rätsel eintauchte. Ein umwerfend komischer Roman über zwei Kulturen, die sich anziehen und bekämpfen, verehren und missverstehen, über eine Faszination, der Schascha genauso erliegt wie Jahrhunderte vor ihr der Jesuit Castiglione.

Undine Radzevičiūtė: Fische und Drachen. Roman. Aus dem Litauischen übersetzt von Cornelius Hell. Residenz Verlag 2017

 

Rad­ze­vičiūtė, Undi­né

gebo­ren 1967 in Vil­ni­us, stu­dier­te an der Kunst­aka­de­mie Vil­ni­us Kunst­ge­schich­te, Kunst­theo­rie und -kri­tik. Etwa zehn Jah­re arbei­te­te sie als Art­di­rec­tor für Wer­be­fir­men wie Saatchi & Saatchi und Leo Bur­nett. 2003 erschien ihr ers­ter Roman Stre­ka­za, 2011 und 2013 kamen ihre Wer­ke auf die litaui­sche Short­list der bes­ten Bücher des Jah­res sowie auf natio­na­le Bes­ten­lis­ten. 2015 gelang ihr der Durch­bruch mit Fische und Dra­chen, das mit dem EU-Literaturpreis aus­ge­zeich­net und der­zeit in meh­re­re Spra­chen über­setzt wird.

Rad­vila­vičiūtė, Gie­dra

gebo­ren 1960 in der Stadt Pane­vėžys, Essay­is­tin und Pro­sa­au­to­rin, been­de­te 1983 das Stu­di­um der Litu­a­nis­tik an der Uni­ver­si­tät Vil­ni­us und war als Leh­re­rin am Land tätig. 1986 über­sie­del­te sie nach Vil­ni­us und arbei­te­te lan­ge Zeit in ver­schie­de­nen Redak­tio­nen. 1994–1997 leb­te sie mit ihrer Fami­lie in Chi­ca­go und gab zusam­men mit ihrem Mann, dem Sprach­wis­sen­schaft­ler Gied­ri­us Sub­ači­us, den Kata­log der bis 1882 erschie­ne­nen litu­a­nis­ti­schen und prus­sis­ti­schen Bücher der Newberry-Bibliothek von Chi­ca­go her­aus.