Veranstaltungen 2010

Andrea Winkler

Ort: Literaturhaus

In ihrem neuen Buch Drei, vier Töne, nicht mehr. Elf Rufe (Zsolnay 2009 ) setzt eine Figur elf Mal an, sich zu erinnern. Sie leidet an dem Verlust eines geliebten Menschen, an einer heftigen Verletzung und einem Abschied, der nicht stattgefunden hat. Gerade diese Erschütterung und die Angst, sich selbst verlorenzugehen, werden zum Motor ihrer Wege zurück. Egal, ob sie innehält in einem Park, eine Straße entlanggeht oder auf einer Schaukel sitzt, immer spricht sie mit dem Abwesenden, als wäre er noch hier und die Geschichte mit ihm könne noch einmal beginnen: „Kommen Sie näher und teilen Sie meine Verwirrung, die Lust auf ein Leben, das sich noch verspielen lässt, das Verlangen nach etwas Rätselhaftem.“

Andrea Winkler: Drei, vier Töne, nicht mehr. Elf Rufe (Zsolnay 2009)

    Clemens Berger

    Ort: Literaturhaus

    Moderation: Gabi Wild, Xaver Schumacher

    Sebastian muss sich nach dem Ende seines Philosophie-Studiums endlich etwas einfallen lassen, um ein „nützliches Mitglied des menschlichen Marktes“ zu werden. Um das erfolgreich umsetzen zu können, braucht es heutzutage Kreativität und die Bereitschaft zum Risiko. Er sei ein sensationeller Streichler, beruhigend und aufregend zugleich – findet jedenfalls Anna, seine Freundin. Als Sebastian anderthalb Jahre später wirklich zum Gewerbeamt geht, um in der Mondscheingasse ein Streichelinstitut zu eröffnen, stößt er schon bei der Anmeldung auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Dass wirklich Leute kommen und auch noch eine Menge Geld bezahlen, überrascht Sebastian fast selbst, wenngleich er sich eingestehen muss, dass Zielgruppe und Wunschgruppe nicht identisch sind und sich überhaupt plötzlich ganz ungeahnte Probleme auftun …

    Clemens Berger: Das Streichelinstitut. Roman (Wallstein 2009)

      Fabio Bonafé

      Ort: Literaturhaus

      Le pecore impazienti (Verlag Curcu & Genovese, 2009), zu deutsch Die ungeduldigen Schafe von Fabio Bonafé vereint „ 75 Geschichten und ein Rezept“. Geschichten, die sich ineinander verflechten, voneinander entfernen und letztendlich in ihrer Gesamtheit einen einzigen, etwas bizarren Roman bilden, dessen Komposition an Bilder erinnert wie etwa jene von Pieter Bruegel dem Älteren, dem eine der Geschichten gewidmet ist. Das Buch hat nicht nur einen Protagonisten, sondern viele, so wie jedes Leben sich aus mehreren Personen und vielen kleinen Geschichten zusammensetzt. Jedes „Schaf“ hat seine Rolle, betritt die Bühne mit seinem Charakter und verlässt sie wieder, um seinem Abenteuer zu folgen. Bestimmte Schafe erscheinen mehrmals und führen jenen Wollfaden mit sich, der das Buch zusammenhält, den man aber, wenn man unaufmerksam ist, immer wieder verlieren kann.

      Es ist auch ein Buch über das zwanzigste Jahrhundert, über dessen Ängste, Illusionen, Tragödien aber auch dessen Suche nach Sinn. Mit verhaltener Ironie, gleichzeitig unsicher und verloren, begegnen die Schafe den Wahrheiten der Vergangenheit und hauchen somit einem letztendlich politischen und religiösen Buch ihr Leben ein.

      Fabrizio Bonafé: Le pecore impazienti. Settantacinque storie e una ricetta (Curcu & Genovese 2009)

        Shakespeares Schwestern — Zum Ausschluss der Künstlerinnen aus dem kollektiven Gedächtnis

        Ort: Literaturhaus

        Moderation: Sigrid Schmid-Bortenschlager

        Die Forschungen der letzten Jahre haben die historische Existenz von Künstlerinnen in allen Bereichen nachgewiesen. Der Widerspruch zwischen ihrer zeitgenössischen Präsenz und ihrer historischen Absenz kann nur durch strukturelle und kollektive Verdrängungsmechanismen erklärt werden. Im Bereich der Literatur ist es der mit der Romantik etablierte Begriff von Literatur selbst – Genie, nationale Identität, Innovation –, der zu diesem Ausschluss führt. Sollen die Schriftstellerinnen den ihnen gebührenden Platz erhalten, so muss Literatur neu definiert werden.

        Sigrid Schmid-Bortenschlager, geboren 1946 , Professorin (in Pension seit 2004 ) für neuere deutsche Literatur mit besonderer Berücksichtigung der Komparatistik in Salzburg; Gastprofessuren in Graz, Paris, Utrecht. Forschungsgebiete: Literatur von Frauen, Literaturtheorie, Avantgarde, österreichische Literatur des 20. Jahrhunderts.

        Publikationen (Auswahl): Eigensinn und Widerstand. Schriftstellerinnen der Habsburgermonarchie (gemeinsam mit Christa Gürtler, 1998, Ueberreuter); Erfolg und Verfolgung. Österreichische Schriftstellerinnen 1918–1945 (gemeinsam mit Christa Gürtler, 2002, Residenz), Österreichische Schriftstellerinnen 1800–2000. Eine Literaturgeschichte (2009, Wissenschaftliche Buchgesellschaft).

          Nelly Sachs im Porträt

          Ort: Literaturhaus

          Moderation: Christoph W. Bauer

          Nelly Sachs, eigentlich Leonie Sachs, Tochter eines jüdischen Elternhauses, wurde 1891 in Berlin-Schöneberg geboren. Sehr früh kam sie mit den deutschen Klassikern in Berührung und begann mit siebzehn Jahren ihre ersten Gedichte im Stil des literarischen Impressionismus zu schreiben. Ihre Dichtungen wurden in den zwanziger Jahren in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht. In den dreißiger Jahren setzte sich Nelly Sachs in ihren Werken mit dem wachsenden Faschismus in Deutschland und ihren jüdischen Wurzeln, dem Chassidismus und der Kabbala, auseinander. 1940 emigrierte sie zusammen mit ihrer Mutter und mit Hilfe der schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf nach Schweden. Erst 1953 erhielt sie die schwedische Staatsbürgerschaft, lebte und arbeitete dort bis zu ihrem Lebensende. Ihre Reisen nach Deutschland, die erste 1960 anlässlich der Verleihung des Meersburger Droste-Preis für Dichterinnen waren traumatische Erfahrungen.

          In der Nachkriegszeit schrieb Nelly Sachs mit einer hochemotionalen, herben, aber dennoch zarten Sprache über das Grauen des Holocaust. Im Jahr 1965 erhält sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, ein Jahr später gemeinsam mit dem israelischen Schriftsteller Samuel Josef Agnon den Nobelpreis für Literatur. 1970 starb Nelly Sachs in Stockholm.

            Dirk Kurbjuweit und Joachim Zelter

            Ort: Literaturhaus

            Moderation: Robert Renk

            Die Reihe [   AusDruck   ] beleuchtet den Wandel der Arbeitsplatzsituation in zeitgenössischen literarischen Texten. Wie reflektieren die Schreibenden die veränderten Bedingungen? Welchen Ausdruck finden sie für den Druck und die Zwänge, die immer stärker das Arbeitsleben definieren?

            Dirk Kurbjuweit erzählt in seinen fünf Romanen, von denen drei verfilmt wurden, gut recherchiert und literarisch einfühlsam aufbereitet von Berufsfeldern wie von einem Privatdetektiv, der ehrbar bleiben will, von einem Zivildiener und Pazifisten, der ein Attentat verüben möchte oder vom Graphiker in einer Werbeagentur, der die retuschierten Leberflecke oder Schamhaare sammelt und unter Echolalie leidet. Seit 1999 Spiegel -Reporter und aktuell Leiter des Berliner Spiegel -Büros, weiß er einiges vom Beruf des Journalisten zu erzählen. Über die Diktatur der Ökonomie hat er ein lesenswertes Fachbuch verfasst.

            Joachim Zelter hat in seinem zweiten Buch dem Lügen seine Würde zurück gegeben und danach fünf Bücher publiziert, die fast alle als Theaterstücke an deutschsprachigen Bühnen aufgeführt wurden. Er erzählt über das Dozenten-, Autoren-, Schauspielerdasein, über die Lebensqualität von ernsten Philosophen und charmanten Hochstaplern. Sein Theaterstück Vorstellungsgespräch sowie sein tragisch-aktueller Roman Schule der Arbeitslosen (ebenfalls erfolgreich als Theaterstück aufgeführt) geben besten Einblick in die Thematik der Reihe [   AusDruck   ] .

              Helene Flöss , Wolfgang Hermann und Birgit Unterholzner

              Ort: Literaturhaus

              i nnsbruck university press präsentiert die ersten drei Bände der edition laurin von Helene Flöss, Wolfgang Hermann und Birgit Unterholzner

              Begrüßung: Rektor Karlheinz Töchterle  und VR Tilmann Märk

              Helene Flöss: Mütterlicherseits . Roman. Schon als Kind zieht Lilí verträumt die Erinnerungen mütterlicherseits wie einen geheimen Sack hinter sich her. Darin die Bruchstücke einer ihr nicht ganz geheuren Welt, der Schneiderstube ihrer Mutter, deren Überlebenswerkzeug die Nähmaschine ist. Helene Flöss macht einerseits aus der Perspektive eines Kindes, andererseits aus dem Blickwinkel alter, gebrechlicher Menschen sichtbar, was die Welt gern übersieht: Das scheinbar Unscheinbare, das oft identisch ist mit dem Wesentlichen. In einem Ton, der vielfach überlieferte Redensarten aufnimmt, durchbricht sie keineswegs nur die Grenzlinien zwischen dem Deutschen und dem Italienischen; in bild(er)dichter Sprache enthüllt sie die Poesie der Erzählungen von Menschen, die noch etwas zu erzählen haben.
                 
              Wolfgang Hermann: In Wirklichkeit sagte ich nichts. Erzählungen. „Ich spüre, wie die Nacht zögert. Schritt für Schritt weicht sie zurück. Eine Handbreite noch, und der Tag ist über die Schwelle“, heißt es am Ende der Erzählung Die Tunesische Nacht , in welcher der Erzähler versucht, dem Winter zu entkommen und – wie die meisten von Wolfgang Hermanns Figuren – ein Leben zu führen, das ihm ganz allein gehört. Wie der Protagonist der Erzählung Die Treppe , der sich nach langer Krankheit auf die Seite der „Zeitdiebe“ schlägt. Oder jener am Pariser Flughafen gestrandete Iraner, dem der Leser in Warte im Schatten auf mich begegnet. Es geht darin um nichts und doch um alles. Aus der Gleichzeitigkeit des Schönen und des Schrecklichen, dem ständigen Grenzgang zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit entwickeln diese Erzählungen ihre Kraft und ihre Zerbrechlichkeit.

              Birgit Unterholzner: Flora Beriot . Roman. In ihrer Goldschmiede entwirft Flora Beriot Schmuckstücke. Eines Tages kommt ein Mann Mitte vierzig in die Werkstatt und erklärt, er wolle ein Buch über sie, die Tochter des Malers Jakob Beriot, schreiben. Von der unerwarteten Nähe des Fremden angezogen, stellt sich Flora mehr und mehr den Irrungen der Vergangenheit. Die Wahrheit lässt sich kaum mehr finden, denn diese ist untrennbar verknüpft mit der Frage der Perspektive. Birgit Unterholzner erzählt in ihrem Debütroman die Geschichte einer deutsch-italienischen Künstlerfamilie, eine Geschichte, die von Glanz und Verlust und einer außergewöhnlichen Liebe geprägt ist.

                Gefrorene Zeit: Vom Erinnern

                Ort: Literaturhaus

                Moderation: Martin Sexl

                Gespräch zwischen der Autorin Anna Kim und der Historikerin Ingrid Böhler über die Frage nach unterschiedlichen Arten des Erinnerns und nach dem Zugang zu vergangenen Ereignissen in Literatur und Geschichte bzw. Geschichtswissenschaft.

                  Georges Perec

                  Moderation: Doris Eibl

                  Anton Voyls Fortgang.

                  Es liest Johann Nikolussi

                  Georges Perec ( 1936 – 1982 ) wird zu den wichtigsten Vertretern der französischen Nachkriegsliteratur gezählt. Er war Mitglied der Oulipo-Gruppe, die, von Sprachartismus und Surrealismus geprägt, neue literarische Formen erprobte. In Anton Voyls Fortgang ( 1969 auf französisch erschienen, ins Deutsche 1986 übersetzt von Eugen Helmlé ) beschreitet Perec das Experiment, einen Roman ohne den Buchstaben „e“ zu verfassen.
                  Auszüge aus dem Nachwort des Übersetzers Eugen Helmlé sowie eine Leseprobe finden Sie im beiliegenden Inn-Lesebuch.

                  Doris Eibl, Assistentin am Institut für Romanistik, wird in ihrer Einführung auf die enge Verschränkung zwischen diesem sprachartistischen Experiment und den lebensgeschichtlichen Erfahrungen des Autors eingehen, der als Kind polnischer Juden Vater und Mutter verlor.

                  Georges Perec: Anton Voyls Fortgang. Roman. Herausgegeben und übersetzt von Eugen Helmlé (Zweitausendeins 1986 )

                  In Kooperation mit dem PEN-Club Tirol

                   

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                    Arno Gisiner und Martin Sexl

                    Ort: Literaturhaus

                    Imagined Wars. Mediale Rekonstruktionen des Krieges

                    Mit einem Kurzfilm von Georg Simbeni und Ale Bachlechner

                    Begrüßung: VR Tilman Märk

                    Kriege sind real, aber wie Nationen, Gesellschaften, der Klimawandel oder die Verteilung von Armut und Reichtum sozial konstruiert. Es ist also nicht ganz „natürlich“, dass es Kriege gibt, sondern kulturell bedingt: Kriege entstehen durch die Verwendung von Zeichen. Die Bezeichnung und Beschreibung von Ereignissen ist also nicht einfach ein Versuch, etwas im Nachhinein kommunikativ zugänglich zu machen, vielmehr ist dieser Versuch der medialen Rekonstruktion Teil des Konstruktionsprozesses selbst. Imagined Wars präsentiert zwei Essays, die einen solchen Konstruktionsprozess darstellen und gleichzeitig reflektieren: Martin Sexl entwickelt eine Kritik der Verwendung von fotografischem Material in der Konstruktion von Kriegen und im Berichten darüber, Arno Gisinger demonstriert in einer gegenläufigen Bewegung, dass Fotografien nicht zwangsläufig einer Logik der Abbildung folgen müssen, sondern auch eine Erzählung aufspannen können, welche den „Zwang zur Abbildung“ unterläuft.

                    Der Kurzfilm Under construction: Imagined wars , der anlässlich der Buchpräsentation das erste Mal gezeigt wird, verwendet das Textmaterial und die Fotografien des Buches, ist aber eine eigenständige Auseinandersetzung mit dem Thema und eine weitere „mediale Rekonstruktion des Krieges“.

                    Martin Sexl, geboren 1966 in Hall in Tirol, Literaturwissenschaftler und Kulturhistoriker, lebt in Innsbruck als Dozent für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Innsbruck.

                    Arno Gisinger, geboren 1964 in Dornbirn, Fotokünstler, lebt und arbeitet in Paris.

                    Arno Gisiner, Martin Sexl: Imagined Wars. Mediale Rekonstruktionen des Krieges. innsbruck university press 2010