Veranstaltungen 2010

Norbert Scheuer

Ort: Literaturhaus

Einst sind der Vater und die Brüder gemeinsam fischen gegangen, das Rauschen des Wehrs hinter der Gaststätte in der Eifel, in der sie gelebt haben, hat die Kindheit der Brüder mit Ahnungen und Phantasien belebt. Aber der Vater, der beim Angeln immer auf der Suche nach einem riesigen, mythischen Urfisch war, ist schon lange tot. Und der ältere Bruder Hermann musste in die Klinik, hat den Verstand verloren. Der jüngere Bruder, der Ich-Erzähler, ist zurückgekehrt an den Ort der Kindheit, steht im Fluss, angelt und lässt das Leben der Familie Revue passieren.

Norbert Scheuers Roman Überm Rauschen entwickelt mit seiner genauen und poetischen Sprache einen enormen Sog, wird zu einer suggestiven Geschichte, deren Protagonisten mit ihrer Suche nach dem mythischen Fisch zugleich auf der Suche nach dem Glück sind. Und das Glück ist da, im Rauschen, in der wehmütigen Kraft des Erzählens. Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt 2006 wurde Norbert Scheuer für einen Auszug aus dem Roman mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet. 2009 war Überm Rauschen auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Norbert Scheuer: Überm Rauschen. Roman. Beck 2009

    Vladimir Sorokin

    Ort: ORF Tirol Kulturhaus

    Moderation: Eva Binder

    Lesung, Konzert und Künstlergespräch

    Lesung des russischen Textes: Vladimir Sorokin
    Lesung des deutschen Textes: Johann Nikolussi
    Gespräch zwischen dem Autor und der Komponistin Olga Rayeva.
    Kompositionen von Olga Rayeva, Alexandra Filonenko, Sergej Newski, Michael Fuchsmann
    Am Klavier: Mikhail Dobov

    Russischer Skandalautor, Poet der Postmoderne, feinnerviger Schriftsteller, der die Entwicklungen und Schwingungen seiner Zeit aufgreift und in die Zukunft hinein verlängert – es gibt viele Zuschreibungen an Vladimir Sorokin, der in seinem Heimatland zu einem der meist gelesenen und kontrovers diskutierten Schriftsteller gehört. Doch auch im Ausland wird er viel gelesen, so wurden seine Bücher in mehr als 15 Sprachen übersetzt. Sei es in der Trilogie rund um das Tunguska-Eis oder in Der Tag des Opritschniks und dem soeben erschienenen Folgeband Zuckerkreml: Der Autor geht von realen Zuständen und Missständen aus, um sie weiterzudenken und von einer nahen imaginierten Zukunft her klar und kritisch reflektieren zu können. Er zieht dabei virtuos alle Sprachregister, schreibt heiß und eiskalt zugleich, oszillierend und uneinordenbar.

     

      Alfred Dreyfus und Emile Zola auf deutschen und österreichischen Bühnen.

      Ort: Literaturhaus

      Moderation: Karl Zieger

      Karl Zieger: „Ein ergreifendes Drama mit großartigen Figuren“: Alfred Dreyfus und Emile Zola auf deutschen und österreichischen Bühnen. Vortrag mit Film-Ausschnitten

      Öffentlicher Vortrag im Rahmen der Tagung „Österreichisch-Französische Kulturbeziehungen zwischen 1740 und 1938“ (Institut für Germanistik und Frankreich-Schwerpunkt an der Universität Innsbruck sowie Université de Valenciennes et du Hainaut-Cambrésiss)

      Die Dreyfus-Affäre, einer der größten Justizskandale in der französischen Geschichte, hat nicht zuletzt durch Emile Zolas „J’accuse…!“, erschienen am 13. Jänner 1898 in der Tageszeitung L‘Aurore, die Menschen weit über Frankreich hinaus bewegt. Das war allerdings nur der Höhepunkt einer monatelangen Beschäftigung mit dem Schicksal des jüdischen Hauptmanns aus dem Elsass, der 1894 unschuldig wegen Spionage für Deutschland zur Deportation auf die „Teufelsinsel“ verurteilt worden war. Zola hat sich nicht nur als kritischer Intellektueller, sondern auch als Schriftsteller für die Affäre interessiert. Schon vor seinem offenen Brief an Félix Faure, den Präsidenten der Republik, hat er in Zeitungsartikeln von einem „ergreifenden Drama mit großartigen Figuren“ gesprochen. Tatsächlich sollte die Affäre sehr bald neben dem politischen und juridischen Zündstoff auch den Inhalt von Romanen, Theaterstücken und sogar von Filmen liefern – darunter auch von solchen deutscher Autoren.

      Karl Zieger (Universität Valenciennes) resümiert in seinem Vortrag zuerst die wichtigsten Momente der Dreyfus-Affäre und die österreichischen Reaktionen darauf und analysiert dann die szenische Darstellung der Affäre im Theaterstück Die Affäre Dreyfus von Hans J. Rehfisch und Wilhelm Herzog (1929), sowie im Dreyfus-Film des Wiener Regisseurs Richard Oswald (1930), in dem Dreyfus von Fritz Kortner und Zola von Heinrich George verkörpert werden.

        Marina Palej

        Ort: Literaturhaus

        Moderation: Christine Engel

        Mit feinem stilistischem Gespür umkreist Marina Palej in ihren Texten Grundfragen der menschlichen Persönlichkeit: Inwiefern prägen Routine, Kreisläufe und eingeübte Kulturmuster das Verhalten? Wie können dabei dennoch Spielräume und Alternativen geschaffen werden? Welche Veränderungen bewirkt die Perspektive eines anderen Kulturraums? Und welche die einer migratorischen Lebensweise? Solche Erkundungen führen die Ich-Erzählerin, eine russische Schriftstellerin, quer durch Europa. Auf seine Art ist der Erzählband Inmitten von fremden Ernten aber auch eng mit Innsbruck verbunden, denn Christine Engel hat mit Absolventinnen der Universität Innsbruck die Texte aus dem Russischen übertragen.


        Marina Palej: Inmitten von fremden Ernten. Erzählungen. Aus dem Russischen übertragen von Christine Engel mit RuBel. Kitab Verlag 2010

          Carolina Schutti

          Ort: Literaturhaus

          Moderation: Johann Holzner

          Musik: Christian Spitzenstätter (Klarinette)

          Schon oft haben im Otto Müller Verlag junge Talente ihr Debüt präsentiert, so auch Carolina Schuttis Roman Wer getragen wird, braucht keine Schuhe, ein Roman über Liebe und Einsamkeit, über Vertrauen und Schuld. Carolina Schutti erzählt die Geschichte einer jungen Frau, für die zunehmend Innen- und Außenwelt verschmelzen. Anna ist jung, 18 Jahre, lebt allein in einer Stadt, die sie immer wieder durchstreift, erkundet, erfühlt. Dann lernt sie Harald kennen. Er ist älter als sie, etwas verändert sich in ihr, sie fühlt so etwas wie Glück. Sie wollen die Stadt mit ihren grauen Mauern hinter sich lassen, nur für ein Wochenende ins Gebirge fahren. Vor der plötzlich hereinbrechenden Dunkelheit finden sie Zuflucht in einer alten Kapelle. Dort, in der Nacht, unter den Figuren von Heiligen, vertraut sie sich ihm an.

          Carolina Schutti: Wer getragen wird, braucht keine Schuhe. Roman. Otto Müller Verlag 2010

            Melinda Nadj Abonji

            Ort: Literaturhaus

            Moderation: Angelika Klammer

            Eine ungarische Familie aus Serbien in der Schweiz: In ihrem Roman Tauben fliegen erzählt Melinda Nadj Abonji die Geschichte der Familie Kocsis aus der Vojvodina im Norden Serbiens, wo die ungarische Minderheit lebt, zu der auch diese Familie gehört. Vor etlichen Jahren sind sie ausgewandert in die Schweiz, erst der Vater und dann, sobald es erlaubt war, auch die Mutter mit den beiden Töchtern, Nomi und Ildiko. Sie ist es, die alles erzählt. So auch den Besuch im Dorf, der nicht der einzige bleibt, Hochzeiten und Tod rufen sie jedesmal wieder zurück ins Dorf, wo Mamika und all die anderen Verwandten leben, solange sie leben.

            Die Schweiz ist ein schwieriges Zuhause, von Heimat gar nicht zu reden, obwohl sie doch die Cafeteria betreiben und die Kinder dort aufgewachsen sind. Die Eltern haben es immerhin geschafft, aber die Schweiz schafft manchmal die Töchter, Ildiko vor allem. Sie sind zwar dort angekommen, aber nicht immer angenommen. Es genügt schon, den Streitigkeiten ihrer Angestellten aus den verschiedenen ehemals jugoslawischen Republiken zuzuhören, um sich nicht mehr zu wundern über ein seltsames Europa, das einander nicht wahrnehmen will. Ein schwungvoll und gewitzt erzählter Roman aus der Mitte Europas.

            Melinda Nadj Abonji, geboren 1968 in Becsej, Serbien, lebt als Schriftstellerin und Musikerin in der Schweiz.

            Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen. Roman. Jung und Jung Verlag 2010.

              Alicia Kozameh und Reina Roffé

              Ort: Literaturhaus

              Moderation: Erna Pfeiffer

              Jüdisch-argentinische Autorinnen in Exil und Diaspora
              Zweisprachige Lesung (spanisch-deutsch)

              Argentinien war im 19. Jahrhundert Ziel- und Fluchtpunkt mehrerer Millionen von Einwanderern, darunter vieler jüdischer ImmigrantInnen, sowohl aus dem sephardischen als auch aus dem Ashkenazi-Bereich. Während der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 sahen sich zahlreiche Nachfahren der jüdischen Zuwanderer gezwungen, das Zufluchtsland ihrer Großeltern wieder zu verlassen. Viele fanden Exil in Europa oder den USA und kehrten auch später nicht mehr nach Argentinien zurück. Dazu kam eine zunehmende Zahl von Wirtschaftsflüchtlingen, die im Zuge der Wirtschaftskrise des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts ebenfalls dem Land den Rücken kehrten, in den meisten Fällen allerdings ohne großen Erfolg, da sie auch heute in Europa oder in den USA vielfach in prekären Verhältnissen leben.

              Mit Alicia Kozameh und Reina Roffé lesen zwei jüdisch-argentinische Autorinnen aus Werken, in denen sie versuchen, mit verschiedenen literarischen Mitteln die komplexe Wanderungsgeschichte ihrer Familien und ihr eigenes Exil künstlerisch zu reflektieren.

              In Alicia Kozamehs literarischen Werk (Romane, Lyrik, Erzählungen) vermengt sie Erfundenes, Historisches und selbst Erlebtes zu einem höchst innovativen Gemisch. Durch dokumentarische Zeugnisse, Briefesammlungen und Essays sowie ihre Tätigkeit als Vortragende für Amnesty International versucht sie auch international, Bewusstsein und Sensibilität für die Lage der argentinischen Exilierten zu wecken.

              In Reina Roffés komplexen Romanen und Erzählungen bearbeitet sie vor allem Probleme weiblichen Begehrens in einer machistischen Gesellschaft; neuerdings geht sie auch vermehrt den Spuren ihrer sephardischen Vorfahren nach.


                Gender Mainstreaming: Belästigung, Mode oder Notwendigkeit?

                Ort: Literaturhaus

                Moderation: Julia Prager

                Beate Hausbichler, feministische Journalistin und Redakteurin bei dieStandard.at und Claudia Posch, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Innsbruck im Gespräch 

                Im Kontext gesellschafts- politischer Debatten rund um das Thema „Gender Mainstreaming“ spalten sich die Meinungen darüber, ob und wenn ja wie Strategien entworfen werden könnten, dem ganz und gar nicht geschlechtsneutralen Gesellschafts-Alltag den Spiegel vorzuhalten oder sogar Chancengleichheit zu bewirken. Das erste Montagsfrühstück nach der Sommerpause widmet sich der sprachpolitischen Dimension dieser Diskussion: Inwiefern können sprachliche Markierungen wie das Binnen-I über einen universitären und elitären Kontext sprachwissenschaftlicher Auseinandersetzung Verbreitung bzw. Akzeptanz finden? Welchen Einfluss haben Medien auf unseren Sprachgebrauch und damit auch auf unsere Realitätswahrnehmung? Und wie legitim ist es, sich auf eine Ästhetik des Leseflusses zu berufen, um der sprachlichen Markierung auszuweichen?

                  Annie Zadek

                  Ort: Literaturhaus

                  Moderation: Doris Eibl

                  In Kooperation mit dem Französischen Kulturinstitut

                  Phantomschmerz (Woyzeck-Figuren) der französischen Autorin Annie Zadek verdankt seine Entstehung dem berühmten Dramenfragment Georg Büchners. Wer ist ein Mörder, wer ist Opfer, was bedeutet Schuld und Verantwortung, wie artikuliert sich Antisemitismus in der Sprache, im alltäglichen Leben? Phantomschmerz will eine Fortsetzung von Büchners Woyzeck sein: nach dem Mord an Marie. Obwohl Texte als solche für Annie Zadek eine vorrangige Stellung einnehmen, gibt sie sie immer auch der Metamorphose preis: im Theater, im Rundfunk, bei experimentellen Lesungen mit Schauspielern, wohl wissend, dass es das Dazwischen ist, in dem es sich lohnt, noch weiter zu suchen und zu graben, das eigene Schreiben immer wieder neu auszuloten.

                  Annie Zadek: Phantomschmerz (Woyzeck-Figuren) Verlag Jutta Legueil 2009

                   

                    Klaus Merz und Andreas Neeser

                    Ort: Literaturhaus

                    Aus dem Staub zeigt Klaus Merz auf dem Höhepunkt seiner lyrischen Kunst: Als Meister der Verdichtung entwickelt er aus kurzen, sparsam gesetzten Versen ganze Lebensgeschichten, zeichnet mit bloßen Andeutungen Bilder voller Farben und Licht. Ob Klaus Merz über alltägliche Szenen schreibt oder in seine Erinnerungen eintaucht, ob er fremden Orten und Menschen begegnet oder vertrauten – stets gelingt es ihm, den Blick auf das Wesentliche zu richten und ihm seinen ganz eigenen Tonfall zu verleihen. Hinter der Oberfläche seiner lakonischen Poesie blitzen Witz und feine Ironie auf, hinter dem ruhigen Vordergrund seiner Gedichte verbergen sich Momente voller Überraschung und Verstörung.

                    Andreas Neeser erzählt in seinem Erzählband Unsicherer Grund von rastlosen Zeitgenossen: von Büchersammlern, Stadtstreunern, Reiseberatern, Fußballern, Klippenwanderern und Immobilienmaklern. Sie alle sind auf der Suche nach den eigenen Denk- und Lebbarkeiten jenseits vorgefertigter Wahrheiten. Entlang von zarten Vergangenheitsfäden bewegen sie sich zurück in ihre Erinnerungen, in die Gerüche, Geschmäcker und Gefühle ihrer Kindheit, wo sie Antworten erhoffen auf die Vieldeutigkeiten des Lebens. Doch das Haus der Erinnerungen steht auf dem unsicheren Grund von Ahnungen, Möglichkeiten und Konjunktiven. So sind es die kleinen Schritte, denen es sich zu stellen gilt. Neesers Figuren tun es ohne jedes Selbstmitleid oder Pathos, und wir gehen ebenso fasziniert wie berührt ein Stück des Weges mit.

                      Konrad Rabensteiner

                      Ort: Literaturhaus

                      Moderation: Christine Riccabona

                      In seiner Lyrik zeigt sich neben vielfältiger Thematik Rabensteiners besondere Nähe zur Bildenden Kunst. In den letzten Jahren wendet sich Rabensteiner vermehrt der Prosa zu, 2007 ist in der Edition Raetia sein umfangreicher Roman erschienen, über den Hans Bender schreibt: „Gestern Abend habe ich Ihren Roman Der Befall zu Ende gelesen (…). Ich geriet in einen Sog, wie ich ihn lange nicht mehr erlebte. (…) Hohes Lob verdient die Sprache des Romans; die Genauigkeit, ja Penibilität der Beschreibung. Gerne höre ich den Tonfall, erfreue mich an den Wörtern aus Südtirol.“ (Verlag)

                      Der Abend bietet einen Querschnitt durch das Werk des Südtiroler Autors. Rabensteiner wird Texte aus älteren und jüngeren Bänden lesen, insbesondere aus seinem jüngsten Werk, dem im Herbst in der Edition Raetia erscheinenden Roman Aldo Ricci, der von der schwierigen Liebe zweier Männer handelt.

                       

                        Ale Bachlechner, Stefanie Denz, Martin Fritz, Nina Fuchs, Anna Gschnitzer, Robert Prosser, Richard Schwarz, Xaver Schumacher, Simon Wirthensohn, Jörg Zemmler

                        Ort: Literaturhaus

                        Moderation: Nina Fuchs und David Prieth

                        Die Literaturzeitschrift Komplex wird von Studierenden der Innsbrucker Vergleichenden Literaturwissenschaft in Eigeninitiative herausgegeben. Über das studentische Umfeld hinaus bietet sie nun schon seit einigen Jahren eine innovative Plattform für junge Nachwuchstalente. Zweimal jährlich erscheinend, zeichnet sich jede Ausgabe durch ein vielgestaltiges Nebeneinander von Text- und Bildbeiträgen aus, stets zusammengehalten durch eine thematische Klammer. Anspruchsvolles, Kritisches und Ernstes trifft auf Unterhaltendes, Spontanes und Experimentelles - ein ebenso bunter wie stimmiger Mix. Studierende veröffentlichen neben bereits bekannteren AutorInnen, professionelle JungdesignerInnen verleihen dem Blatt durch ihre Illustrationen seine besondere Optik.

                        Der Abend bietet eine Auswahl besonders gelungener Texte der letzten Jahre, umrahmt von Bild- und Videobeiträgen. Organisiert wird die Veranstaltung von Studierenden der Innsbrucker Vergleichenden Literaturwissenschaft.

                          mitSprache unterwegs: Literarische Reportagen nach Joseph Roth (Teil I)

                          Ort: Literaturhaus

                          Elf literarische Einrichtungen Österreichs konnten mit Hilfe von Stipendien des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur österreichische Autoren und Autorinnen beauftragen, sich reisend und schreibend mit der literarischen Gattung der Reportage auseinanderzusetzen. Als ideeller Bezugspunkt dieses Projekts diente Joseph Roth, als Resultat liegt nun ein Buch mit neun literarischen Reportagen vor.

                          Aus dem Reiseprojekt von Radek Knapp: "Meine Reise wird in Wien beginnen und nach Krakau und Umgebung gehen. Nach einem langen Aufenthalt im Westen (über dreißig Jahre in Wien sind es inzwischen), der viele von uns (ob man es will oder nicht) zu Kennern aller möglichen Tücken der freien Marktwirtschaft gemacht hatte, möchte ich es mir erlauben, das Land an der Weichsel mit den Augen eines skeptischen Fachmanns zu betrachten. Banaler ausgedrückt: Seit langer Zeit habe ich Lust, einen nostalgischen Schlussstrich zu machen und mit einem Land ,abzurechnen', das nicht nur aufgehört hatte meine Heimat zu sein, sondern auch unzählige Menschen heimatlos gemacht hat, ohne dass sie das Land zu verlassen brauchten."

                          Aus dem Reiseprojekt von Doron Rabinovici: "Ich will in diesem Winter nach Sri Lanka und nach Südindien fahren. Ich möchte dort auf israelische Reservisten stoßen, um sie zu fragen, was sie nach der Armee bewegt, weshalb es sie forttreibt aus dem Nahen Osten, und wonach sie fern der besetzten Gebiete und weitab der Kampfzone Ausschau halten. Ich werde mit den jungen Chassiden sprechen, um von ihnen zu erfahren, wie es ihnen in jener Gegend unweit des Äquators und so fern von Smolensk und von Czernowitz, von Brooklyn und der Bronx, von Safed und von Zion ergeht."

                            mitSprache unterwegs Literarische Reportagen nach Joseph Roth (Teil II)

                            Ort: Literaturhaus

                            Christoph W. Bauers Beitrag trägt den Titel Im Blick versunkene Landschaften, in dem er Joseph Roth mit einer seiner Hauptfiguren, Leutnant Trotta konfrontiert. Dieser fordert seinen Schöpfer auf, sich mit ihm auf Reisen zu begeben. Und so sind sie zu dritt unterwegs, pendeln zwischen den Zeiten und Orten, Paris, Wien, Lemberg, Tarnopol. Bauer entwirft ein ungewöhnliches Porträt von Joseph Roth einerseits, andererseits ist sein Beitrag ein Essay, der über Heimat, Flucht, Reisen und die Imaginationskraft von Literatur erzählt.

                            Manfred Müller, Kurt Neumann (Hg.): mitSprache unterwegs. Literarische Reportagen. Mit Beiträgen von Christoph W. Bauer, Clemens Berger, Anna Kim, Radek Knapp, Lydia Mischkulnig, Martin Pollack, Doron Rabinovici, Peter Rosei, Sabine Scholl. Vorwort von Ilija Trojanow. Edition Atelier 2010

                              Oksana Sabuschko

                              Ort: Literaturhaus

                              Moderation: Christa Kofler

                              Lesung auf Deutsch: Alexander Kratochvil

                              Der zweite Roman der ukrainischen Autorin, Museum der vergessenen Geheimnisse, ist eine schonungslose, mutige und manchmal schockierende Abrechnung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen der Ukraine. In einem komplexen Panorama erzählt sie die Geschichte dreier Frauen und damit auch die schwierige und verworrene Geschichte der Ukraine im zwanzigsten Jahrhundert.

                              Oksana Sabuschko: Museum der vergessenen Geheimnisse. Roman. Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil. Droschl Verlag 2010

                                Kenka Lekovich und Sepp Mall

                                Ort: Literaturhaus

                                Zweisprachige Lesung (italienisch und deutsch)
                                Am Akkordeon: Matteo Facchin

                                Kenka Lekovichs Erzählband Se il treno improvvisamente si fermasse a Maglern wurde vom Südtiroler Autor Sepp Mall unter dem Titel Der Zug hält nicht in Ugovizza ins Deutsche übersetzt. Es sind lose untereinander verwobene Geschichten, eine verweist auf die andere. Gemeinsam ist ihnen der Ort der Handlung: ein Zugabteil auf der Strecke zwischen Udine und Bruck an der Mur und das Thema, um das jede von ihnen in der einen oder anderen Weise kreist: Grenzen und Grenzräume, als Niemandsland erlebt oder als Schwelle, über die man in eine andere Welt eintritt, Grenzen, die im Zuge der europäischen Integration in Identitätskrisen geraten, und solche, die sich erst recht als undurchdringliches Dickicht erweisen.

                                Kenka Lekovich: Se improvvisamente il treno si fermasse a Maglern. 12 racconti di confine piú uno. Edizioni alpha beta 2010; Der Zug hält nicht in Ugovizza.12 Grenzgeschichten und eine. Aus dem Italienischen von Sepp Mall. Edizioni alpha beta/Drava 2010

                                  Eine Google Weltbibliothek: Demokratisierung oder Raubzug?

                                  Ort: Literaturhaus

                                  Moderation: Martin Fritz

                                  Gerhard Ruiss und Katja Stopka im Gespräch

                                  Anlass für diese Veranstaltung rund um das Urheberrecht und die Verbreitung von Kunst im worldwideweb ist die vom kalifornischen Internet-Konzern Google geplante Bildung einer digitalen "Weltbibliothek". Im Kontext dieser heiklen Debatte eröffnet sich ein weiter Fragenkatalog: Bedeutet ein derartiges Unterfangen Demokratisierung oder unkontrollierte Freigabe? Wie kommt die Auswahl der aufgenommenen Werke zustande? Was für Folgen haben derartige Entwicklungen für die Schöpfer der Werke und für die klassische Konzeption des Urheberrechts? Müssen neue Rechts-/Entgeltformen angedacht werden?

                                    Gerhard Ruiss und Martin Fritz

                                    Ort: Literaturhaus

                                    "Frisch und erstaunlich gegenwärtig, von lustvoll und frivol bis sinnlich, zart" - so lässt sich der Ton des Lyrikers Gerhard Ruiss beschreiben, den er in seinen Nachdichtungen der späten Lieder von Oswald von Wolkenstein anschlägt. Im dritten Band der Nachdichtungen wird das gesamte Panorama des dichterischen Schaffens des weltgewandten mittelalterlichen Dichters deutlich: Liebesgesänge, Spottlieder, Sprüche, religiöse und politsche Lieder. Den Witz und die ungebändigte Lebensfreude Wolkensteins überträgt Ruiss in ein frisches, heutiges Deutsch.

                                    Martin Fritz liest Auszüge aus dem in Arbeit befindlichen Romanprojekt hier war jetzt über Exzess, Wahrheit und Scheitern sowie Gedichte aus dem unveröffentlichten Zyklus the definition of correctnessüber Tiere, Kosmologie und Informationstheorie.

                                      Lisa Fritsch und Erika Wimmer im Gespräch

                                      Ort: Literaturhaus

                                      Wannen Wonnen von Lisa Fritsch besteht aus unterschiedlichen Genres. Mit einem Gemisch von Erzählung, Notat, Reportage, Essay und Gedicht wird Lisa Fritsch dem Phänomen Badewanne in seinen kulturhistorischen Facetten gerecht: vom Ort des Alleinseins bis zum Badezimmer für die gemeinsame Schönheitspflege, vom Ort für physikalische Experimente bis zur Wanne als Tatort. Das Motiv der Annäherung ist dabei "oft nur nebenbei anwesend, blinkt als Geschichtenkatalysator und die einzelnen Texte verbindende (markierende) Konstante mitunter bloß am Rand des Erzählten kurz auf: zum Anlass gewordenes objet trouvé." (Birgit Schwaner)

                                      Erika Wimmer erzählt in ihrem Roman Die dunklen Ränder der Jahre zwei Lebensgeschichten, die miteinander verstrickt und aufeinander bezogen sind, ohne sich mehr als ein halbes Jahrhundert lang berührt zu haben. Die Dynamik aus Flucht und Täuschung, Verdrängung und Enttäuschung durchdringt und bestimmt diese beiden Leben, die so nur in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts denkbar sind. "Ein Roman, sprachmächtig und stilsicher, ein reifes Werk voller Spannung, die das Erzählfeuer geschickt entfacht und stets lodern lässt, indem die Handlung nach einer fein komponierten Erzähldramaturgie enthüllt wird." (Bernhard Sandbichler).

                                      Lisa Fritsch: Wannen Wonnen. Sonderzahl 2009

                                      Erika Wimmer: Die dunklen Ränder der Jahre. Roman. Folio 2009

                                        Rose-Anne Clermont, Louis-Philippe Dalembert, Dany Laferrière, Rodney Saint-Éloi

                                        Ort: Literaturhaus

                                        Veranstaltet von: Zentrum für Kanadastudien, Zentrum für Interamerikanische Studien, Frankreich- Schwerpunkt und Südwind

                                        Literatur aus Haiti
                                        Zweisprachige Lesung

                                        Am 12. Jänner 2010 bebt in Haiti die Erde, die internationale Gemeinschaft verspricht Hilfe. Wo aber steht Haiti elf Monate danach? Was bleibt vom "Kieselstein", der "in der Sonne glänzt", jenem "caillou au soleil", den Dany Laferrière in seinen frühen Texten beschwor? Seine Antwort lautet: "Retten wird uns unsere Kultur." Der literarischen Kultur Haitis, der Vielfalt vor allem seiner AutorInnen der Diaspora, ist dieser Leseabend gewidmet.


                                          Menschenbilder hinter Bildungskonzepten

                                          Ort: Literaturhaus

                                          Moderation: Doris Eibl

                                          Es diskutieren Karlheinz Töcherle, Kulturhistoriker, Altphilologe und Rektor der Universität Innsbruck, sowie Helmwart Hierdeis, em. Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Innsbruck.


                                          Bei diesem [ Montagsfrühstück ] soll es um die Frage gehen, welche Menschenbilder und kulturelle Muster hinter verschiedenen Konzepten von Bildung und Ausbildung stehen. Diese kulturellen Muster - vereinfachend gesprochen das "romantisch-rousseauistische" Bild, demzufolge der Mensch als vollkommenes Wesen in die Welt gelangt und durch Einflüsse von Kultur und Zivilisation (vor allem dann, wenn sie staatlich "verordnet" werden) verbogen und verzogen wird, und das "aufklärerisch-voltairesche" Bild des Menschen, demzufolge der Mensch ein unvollkommenes und im Grunde egozentrisches Wesen ist, (das erst durch die Einflüsse der Kultur und der Zivilisation sich in gesellschaftliche Strukturen zu integrieren vermag), beeinflussen die Art und Weise, wie Bildung ganz allgemein gestaltet und diskutiert wird. Sie werden jedoch selten bewusst gemacht - weil sie auch nicht leicht bewusst gemacht werden können: Es ist allemal einfacher, über konkrete Fragen der ökonomischen und juristischen Rahmenbedingungen zu diskutieren, als jene Überzeugungen und Muster in den Vordergrund zu rücken, die uns dabei implizit leiten.

                                            50 Jahre “Innsbrucker Zeitungsarchiv”/IZA

                                            Ort: Literaturhaus

                                            Abend mit Christa Gürtler, Sigrid Löffler, Erika Wimmer, Markus Hatzer, Michael Klein, Stefan Neuhaus und Martin Sailer

                                            Gleich mehrere Gründe zum Feiern gibt es in diesem Jahr für das "Innsbrucker Zeitungsarchiv"?/?IZA, der größten universitären Dokumentationsstelle für journalistische Literaturkritik im deutschen Sprachraum, zugleich Forschungseinrichtung für mediale Literaturvermittlung. Vor 50 Jahren begann Michael Klein mit dem Aufbau seiner Sammlung von Literaturkritiken, aus der das IZA wurde. Vor 10 Jahren schaffte es das IZA mit Hilfe eines EU-Projektes ins Netz. Als einzige Einrichtung seiner Art ist es heute ein Online-Archiv. Und schließlich wurde vor einem Jahr eine neue Reihe des IZA im StudienVerlag begründet, 10 Bände liegen bereits vor.

                                            Anlässe genug, um sich in einem Gespräch mit Michael Klein, das Martin Sailer vom ORF-Tirol mit ihm führen wird, an die Anfänge zu erinnern. Außerdem, um sich im Rahmen einer Podiumsdiskussion der Frage nach der Bedeutung der Literaturkritik heute zu stellen, zugleich nach den Kriterien der Bewertung von Literatur in den Massenmedien zu fragen und sich mit dem Stellenwert von Literaturkritik an den Universitäten auseinanderzu-setzen. Stefan Neuhaus wird darüber mit der Literaturkritikerin Sigrid Löffler (Gründerin und neun Jahre lang Herausgeberin und Chefredakteurin von Literaturen), der Autorin Erika Wimmer sowie mit der Literaturwissenschaftlerin und -kritikerin Christa Gürtler sprechen. Zum Abschluss werden Markus Hatzer, Geschäftsführer des StudienVerlags, und Herausgeber Stefan Neuhaus die Buchreihe Angewandte Literaturwissenschaft präsentieren, in der Arbeiten und Aufsatzsammlungen zur Literaturkritik, zum literarischen Leben und zur Gegenwartsliteratur erscheinen.

                                              Semier Insayif, Ursula Krechel, Perikles Monioudis, Margareth Obexer

                                              Ort: Literaturhaus

                                              Präsentation der Auftragsarbeiten zu den vier Piktogrammen des Literaturhauses am Inn

                                              "Herz und Mund und Tat und Leben" - diese Zeile aus einer Kantate von Johann Sebastian Bach begleitet das Literaturhaus am Inn seit seiner Gründung. Diese Begriffe repräsentieren das Literaturhaus am Inn zum einen - in Form von Piktogrammen - als gestalterisches Element, sie wurden aber im Laufe der Zeit auch zu einem heimlichen Motto in der Arbeit. Nun wurden vier Autorinnen und Autoren gebeten, zu jeweils einem der Piktogramme einen Text zu verfassen. Heraus kamen vier unterschiedliche Auseinandersetzungen mit den Begriffen, die in einem erweiterten "Inn Lesebuch" zusammengeführt wurden: Perikles Monioudis, Semier Insayif, Margareth Obexer und Ursula Krechel - alles Autorinnen und Autoren, die bereits gern gesehene und gehörte Gäste im Literaturhaus am Inn waren - werden ihre Texte präsentieren. Andreas Schett, Kopf und Herz vom Büro Circus und Entwickler der Corporate Identity des Literaturhauses, verfasste ein Vorwort zur Publikation.