Veranstaltungen 2010

Norbert Scheuer

Ort: Literaturhaus

Einst sind der Vater und die Brüder gemeinsam fischen gegangen, das Rauschen des Wehrs hinter der Gaststätte in der Eifel, in der sie gelebt haben, hat die Kindheit der Brüder mit Ahnungen und Phantasien belebt. Aber der Vater, der beim Angeln immer auf der Suche nach einem riesigen, mythischen Urfisch war, ist schon lange tot. Und der ältere Bruder Hermann musste in die Klinik, hat den Verstand verloren. Der jüngere Bruder, der Ich-Erzähler, ist zurückgekehrt an den Ort der Kindheit, steht im Fluss, angelt und lässt das Leben der Familie Revue passieren.

Norbert Scheuers Roman Überm Rauschen entwickelt mit seiner genauen und poetischen Sprache einen enormen Sog, wird zu einer suggestiven Geschichte, deren Protagonisten mit ihrer Suche nach dem mythischen Fisch zugleich auf der Suche nach dem Glück sind. Und das Glück ist da, im Rauschen, in der wehmütigen Kraft des Erzählens. Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt 2006 wurde Norbert Scheuer für einen Auszug aus dem Roman mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet. 2009 war Überm Rauschen auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Norbert Scheuer: Überm Rauschen. Roman. Beck 2009

    Vladimir Sorokin

    Ort: ORF Tirol Kulturhaus

    Moderation: Eva Binder

    Lesung, Konzert und Künstlergespräch

    Lesung des russischen Textes: Vladimir Sorokin
    Lesung des deutschen Textes: Johann Nikolussi
    Gespräch zwischen dem Autor und der Komponistin Olga Rayeva.
    Kompositionen von Olga Rayeva, Alexandra Filonenko, Sergej Newski, Michael Fuchsmann
    Am Klavier: Mikhail Dobov

    Russischer Skandalautor, Poet der Postmoderne, feinnerviger Schriftsteller, der die Entwicklungen und Schwingungen seiner Zeit aufgreift und in die Zukunft hinein verlängert – es gibt viele Zuschreibungen an Vladimir Sorokin, der in seinem Heimatland zu einem der meist gelesenen und kontrovers diskutierten Schriftsteller gehört. Doch auch im Ausland wird er viel gelesen, so wurden seine Bücher in mehr als 15 Sprachen übersetzt. Sei es in der Trilogie rund um das Tunguska-Eis oder in Der Tag des Opritschniks und dem soeben erschienenen Folgeband Zuckerkreml: Der Autor geht von realen Zuständen und Missständen aus, um sie weiterzudenken und von einer nahen imaginierten Zukunft her klar und kritisch reflektieren zu können. Er zieht dabei virtuos alle Sprachregister, schreibt heiß und eiskalt zugleich, oszillierend und uneinordenbar.

     

      Alfred Dreyfus und Emile Zola auf deutschen und österreichischen Bühnen.

      Ort: Literaturhaus

      Moderation: Karl Zieger

      Karl Zieger: „Ein ergreifendes Drama mit großartigen Figuren“: Alfred Dreyfus und Emile Zola auf deutschen und österreichischen Bühnen. Vortrag mit Film-Ausschnitten

      Öffentlicher Vortrag im Rahmen der Tagung „Österreichisch-Französische Kulturbeziehungen zwischen 1740 und 1938“ (Institut für Germanistik und Frankreich-Schwerpunkt an der Universität Innsbruck sowie Université de Valenciennes et du Hainaut-Cambrésiss)

      Die Dreyfus-Affäre, einer der größten Justizskandale in der französischen Geschichte, hat nicht zuletzt durch Emile Zolas „J’accuse…!“, erschienen am 13. Jänner 1898 in der Tageszeitung L‘Aurore, die Menschen weit über Frankreich hinaus bewegt. Das war allerdings nur der Höhepunkt einer monatelangen Beschäftigung mit dem Schicksal des jüdischen Hauptmanns aus dem Elsass, der 1894 unschuldig wegen Spionage für Deutschland zur Deportation auf die „Teufelsinsel“ verurteilt worden war. Zola hat sich nicht nur als kritischer Intellektueller, sondern auch als Schriftsteller für die Affäre interessiert. Schon vor seinem offenen Brief an Félix Faure, den Präsidenten der Republik, hat er in Zeitungsartikeln von einem „ergreifenden Drama mit großartigen Figuren“ gesprochen. Tatsächlich sollte die Affäre sehr bald neben dem politischen und juridischen Zündstoff auch den Inhalt von Romanen, Theaterstücken und sogar von Filmen liefern – darunter auch von solchen deutscher Autoren.

      Karl Zieger (Universität Valenciennes) resümiert in seinem Vortrag zuerst die wichtigsten Momente der Dreyfus-Affäre und die österreichischen Reaktionen darauf und analysiert dann die szenische Darstellung der Affäre im Theaterstück Die Affäre Dreyfus von Hans J. Rehfisch und Wilhelm Herzog (1929), sowie im Dreyfus-Film des Wiener Regisseurs Richard Oswald (1930), in dem Dreyfus von Fritz Kortner und Zola von Heinrich George verkörpert werden.

        Marina Palej

        Ort: Literaturhaus

        Moderation: Christine Engel

        Mit feinem stilistischem Gespür umkreist Marina Palej in ihren Texten Grundfragen der menschlichen Persönlichkeit: Inwiefern prägen Routine, Kreisläufe und eingeübte Kulturmuster das Verhalten? Wie können dabei dennoch Spielräume und Alternativen geschaffen werden? Welche Veränderungen bewirkt die Perspektive eines anderen Kulturraums? Und welche die einer migratorischen Lebensweise? Solche Erkundungen führen die Ich-Erzählerin, eine russische Schriftstellerin, quer durch Europa. Auf seine Art ist der Erzählband Inmitten von fremden Ernten aber auch eng mit Innsbruck verbunden, denn Christine Engel hat mit Absolventinnen der Universität Innsbruck die Texte aus dem Russischen übertragen.


        Marina Palej: Inmitten von fremden Ernten. Erzählungen. Aus dem Russischen übertragen von Christine Engel mit RuBel. Kitab Verlag 2010

          Carolina Schutti

          Ort: Literaturhaus

          Moderation: Johann Holzner

          Musik: Christian Spitzenstätter (Klarinette)

          Schon oft haben im Otto Müller Verlag junge Talente ihr Debüt präsentiert, so auch Carolina Schuttis Roman Wer getragen wird, braucht keine Schuhe, ein Roman über Liebe und Einsamkeit, über Vertrauen und Schuld. Carolina Schutti erzählt die Geschichte einer jungen Frau, für die zunehmend Innen- und Außenwelt verschmelzen. Anna ist jung, 18 Jahre, lebt allein in einer Stadt, die sie immer wieder durchstreift, erkundet, erfühlt. Dann lernt sie Harald kennen. Er ist älter als sie, etwas verändert sich in ihr, sie fühlt so etwas wie Glück. Sie wollen die Stadt mit ihren grauen Mauern hinter sich lassen, nur für ein Wochenende ins Gebirge fahren. Vor der plötzlich hereinbrechenden Dunkelheit finden sie Zuflucht in einer alten Kapelle. Dort, in der Nacht, unter den Figuren von Heiligen, vertraut sie sich ihm an.

          Carolina Schutti: Wer getragen wird, braucht keine Schuhe. Roman. Otto Müller Verlag 2010

            Melinda Nadj Abonji

            Ort: Literaturhaus

            Moderation: Angelika Klammer

            Eine ungarische Familie aus Serbien in der Schweiz: In ihrem Roman Tauben fliegen erzählt Melinda Nadj Abonji die Geschichte der Familie Kocsis aus der Vojvodina im Norden Serbiens, wo die ungarische Minderheit lebt, zu der auch diese Familie gehört. Vor etlichen Jahren sind sie ausgewandert in die Schweiz, erst der Vater und dann, sobald es erlaubt war, auch die Mutter mit den beiden Töchtern, Nomi und Ildiko. Sie ist es, die alles erzählt. So auch den Besuch im Dorf, der nicht der einzige bleibt, Hochzeiten und Tod rufen sie jedesmal wieder zurück ins Dorf, wo Mamika und all die anderen Verwandten leben, solange sie leben.

            Die Schweiz ist ein schwieriges Zuhause, von Heimat gar nicht zu reden, obwohl sie doch die Cafeteria betreiben und die Kinder dort aufgewachsen sind. Die Eltern haben es immerhin geschafft, aber die Schweiz schafft manchmal die Töchter, Ildiko vor allem. Sie sind zwar dort angekommen, aber nicht immer angenommen. Es genügt schon, den Streitigkeiten ihrer Angestellten aus den verschiedenen ehemals jugoslawischen Republiken zuzuhören, um sich nicht mehr zu wundern über ein seltsames Europa, das einander nicht wahrnehmen will. Ein schwungvoll und gewitzt erzählter Roman aus der Mitte Europas.

            Melinda Nadj Abonji, geboren 1968 in Becsej, Serbien, lebt als Schriftstellerin und Musikerin in der Schweiz.

            Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen. Roman. Jung und Jung Verlag 2010.

              Alicia Kozameh und Reina Roffé

              Ort: Literaturhaus

              Moderation: Erna Pfeiffer

              Jüdisch-argentinische Autorinnen in Exil und Diaspora
              Zweisprachige Lesung (spanisch-deutsch)

              Argentinien war im 19. Jahrhundert Ziel- und Fluchtpunkt mehrerer Millionen von Einwanderern, darunter vieler jüdischer ImmigrantInnen, sowohl aus dem sephardischen als auch aus dem Ashkenazi-Bereich. Während der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 sahen sich zahlreiche Nachfahren der jüdischen Zuwanderer gezwungen, das Zufluchtsland ihrer Großeltern wieder zu verlassen. Viele fanden Exil in Europa oder den USA und kehrten auch später nicht mehr nach Argentinien zurück. Dazu kam eine zunehmende Zahl von Wirtschaftsflüchtlingen, die im Zuge der Wirtschaftskrise des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts ebenfalls dem Land den Rücken kehrten, in den meisten Fällen allerdings ohne großen Erfolg, da sie auch heute in Europa oder in den USA vielfach in prekären Verhältnissen leben.

              Mit Alicia Kozameh und Reina Roffé lesen zwei jüdisch-argentinische Autorinnen aus Werken, in denen sie versuchen, mit verschiedenen literarischen Mitteln die komplexe Wanderungsgeschichte ihrer Familien und ihr eigenes Exil künstlerisch zu reflektieren.

              In Alicia Kozamehs literarischen Werk (Romane, Lyrik, Erzählungen) vermengt sie Erfundenes, Historisches und selbst Erlebtes zu einem höchst innovativen Gemisch. Durch dokumentarische Zeugnisse, Briefesammlungen und Essays sowie ihre Tätigkeit als Vortragende für Amnesty International versucht sie auch international, Bewusstsein und Sensibilität für die Lage der argentinischen Exilierten zu wecken.

              In Reina Roffés komplexen Romanen und Erzählungen bearbeitet sie vor allem Probleme weiblichen Begehrens in einer machistischen Gesellschaft; neuerdings geht sie auch vermehrt den Spuren ihrer sephardischen Vorfahren nach.


                Gender Mainstreaming: Belästigung, Mode oder Notwendigkeit?

                Ort: Literaturhaus

                Moderation: Julia Prager

                Beate Hausbichler, feministische Journalistin und Redakteurin bei dieStandard.at und Claudia Posch, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Innsbruck im Gespräch 

                Im Kontext gesellschafts- politischer Debatten rund um das Thema „Gender Mainstreaming“ spalten sich die Meinungen darüber, ob und wenn ja wie Strategien entworfen werden könnten, dem ganz und gar nicht geschlechtsneutralen Gesellschafts-Alltag den Spiegel vorzuhalten oder sogar Chancengleichheit zu bewirken. Das erste Montagsfrühstück nach der Sommerpause widmet sich der sprachpolitischen Dimension dieser Diskussion: Inwiefern können sprachliche Markierungen wie das Binnen-I über einen universitären und elitären Kontext sprachwissenschaftlicher Auseinandersetzung Verbreitung bzw. Akzeptanz finden? Welchen Einfluss haben Medien auf unseren Sprachgebrauch und damit auch auf unsere Realitätswahrnehmung? Und wie legitim ist es, sich auf eine Ästhetik des Leseflusses zu berufen, um der sprachlichen Markierung auszuweichen?

                  Annie Zadek

                  Ort: Literaturhaus

                  Moderation: Doris Eibl

                  In Kooperation mit dem Französischen Kulturinstitut

                  Phantomschmerz (Woyzeck-Figuren) der französischen Autorin Annie Zadek verdankt seine Entstehung dem berühmten Dramenfragment Georg Büchners. Wer ist ein Mörder, wer ist Opfer, was bedeutet Schuld und Verantwortung, wie artikuliert sich Antisemitismus in der Sprache, im alltäglichen Leben? Phantomschmerz will eine Fortsetzung von Büchners Woyzeck sein: nach dem Mord an Marie. Obwohl Texte als solche für Annie Zadek eine vorrangige Stellung einnehmen, gibt sie sie immer auch der Metamorphose preis: im Theater, im Rundfunk, bei experimentellen Lesungen mit Schauspielern, wohl wissend, dass es das Dazwischen ist, in dem es sich lohnt, noch weiter zu suchen und zu graben, das eigene Schreiben immer wieder neu auszuloten.

                  Annie Zadek: Phantomschmerz (Woyzeck-Figuren) Verlag Jutta Legueil 2009

                   

                    Klaus Merz und Andreas Neeser

                    Ort: Literaturhaus

                    Aus dem Staub zeigt Klaus Merz auf dem Höhepunkt seiner lyrischen Kunst: Als Meister der Verdichtung entwickelt er aus kurzen, sparsam gesetzten Versen ganze Lebensgeschichten, zeichnet mit bloßen Andeutungen Bilder voller Farben und Licht. Ob Klaus Merz über alltägliche Szenen schreibt oder in seine Erinnerungen eintaucht, ob er fremden Orten und Menschen begegnet oder vertrauten – stets gelingt es ihm, den Blick auf das Wesentliche zu richten und ihm seinen ganz eigenen Tonfall zu verleihen. Hinter der Oberfläche seiner lakonischen Poesie blitzen Witz und feine Ironie auf, hinter dem ruhigen Vordergrund seiner Gedichte verbergen sich Momente voller Überraschung und Verstörung.

                    Andreas Neeser erzählt in seinem Erzählband Unsicherer Grund von rastlosen Zeitgenossen: von Büchersammlern, Stadtstreunern, Reiseberatern, Fußballern, Klippenwanderern und Immobilienmaklern. Sie alle sind auf der Suche nach den eigenen Denk- und Lebbarkeiten jenseits vorgefertigter Wahrheiten. Entlang von zarten Vergangenheitsfäden bewegen sie sich zurück in ihre Erinnerungen, in die Gerüche, Geschmäcker und Gefühle ihrer Kindheit, wo sie Antworten erhoffen auf die Vieldeutigkeiten des Lebens. Doch das Haus der Erinnerungen steht auf dem unsicheren Grund von Ahnungen, Möglichkeiten und Konjunktiven. So sind es die kleinen Schritte, denen es sich zu stellen gilt. Neesers Figuren tun es ohne jedes Selbstmitleid oder Pathos, und wir gehen ebenso fasziniert wie berührt ein Stück des Weges mit.