Veranstaltungen 2012

Kerstin Mayr

Ort: Schenk&Spiel Marktgraben 19

Ab 21. Juni in der Innsbrucker Innenstadt Poetische Interventionen

Eleonora Fügenschuh (Geige)

    Erika Wimmer

    Ort: Buchhandlung Haymon Sparkassenplatz

    Ab 21. Juni in der Innsbrucker Innenstadt Poetische Interventionen

    Andreas Gilgenberg (Saxophon)

      Matthias Nawrat und Teresa Präauer

      Ort: Literaturhaus

      Moderation: Gabriele Wild

      Seit dem Aussetzen seines Studiums jobbt der junge Ich-Erzähler in Matthias Nawrats Roman Wir zwei allein als Gemüselieferant, fährt dazu kreuz und quer durch den Schwarzwald und ist damit zufrieden. Bis ihm die unberechenbare Theres begegnet. Da beginnt er plötzlich von exotischen Abenteuern zu träumen. Er schmiedet ausgefallene Pläne und unternimmt in Gedanken waghalsige Expeditionen, um die Liebe von Theres zu gewinnen. Nawrats Roman ist ein außergewöhnliches Debüt, das eine vermeintlich alte Geschichte mit großer literarischer Finesse neu erzählt.

      Der Debütroman von Teresa Präauer Für den Herrscher aus Übersee ist ein Roman über das Fliegen und die Vögel, über einen Großvater und seine geheimnisvolle Japanerin, über Kinderträume und Lebensklugheit. Fast jeder in diesem Roman fliegt auf irgendeine Weise: Die Fliegerin, die in ihrem bohnenförmigen Fluggerät eine Schar von Vögeln in ihr Winterquartier begleitet. Die Kinder mit ihren selbstgebauten Flugmaschinen aus Federn, Papier und Draht. Und der Großvater, der einmal ein großer Pilot gewesen ist, oder es zumindest behauptet.

      Matthias Nawrat: Wir zwei allein. Roman. Nagel & Kimche 2012

      Teresa Präauer: Für den Herrscher aus Übersee. Roman. Wallstein 2012

        Sibylle Lewitscharoff

        Ort: Literaturhaus

        Moderation: Robert Renk

        Mit berückender Selbstverständlichkeit liegt eines Nachts ein Löwe im Arbeitszimmer des angesehenen Philosophen Blumenberg. Das Auftauchen des Tieres wirkt in mehrerlei Leben hinein, nicht nur in das des Philosophie-Professors. Ohne es zu merken, gerät auch eine Handvoll Studenten in den Bann des Löwen, unter ihnen der fadendünne Gerhard Optatus Bauer, ein glühender Blumenbergianer, und die zarte, hochfahrende Isa, die sich mit vollen Segeln in den Falschen verliebt. Blumenberg ist nur nebenbei eine Hommage an einen großen Philosophen, vor allem ist es ein Roman voll mitreißendem Sprachwitz, ein Roman über einen sympathischen Gehäusmenschen, dem das Wunder in Gestalt eines umgänglichen Löwen begegnet.

        Sibylle Lewitscharoff, geboren 1954 in Stuttgart, schreibt Prosa, Theaterstücke und Essays. Zahlreiche Auszeichnungen und Preise, u. a. den Ingeborg-Bachmann-Preis 1998, den Preis der Leipziger Buchmesse 2009, zuletzt: 2011: u. a. Kleist-Preis, Ricarda-Huch-Preis und Willhelm-Raabe-Literaturpreis für den Roman Blumenberg Publikationen (Auswahl): Consummatus. Roman (2006, DVA), Apostoloff. Roman (2009), Vom Guten, Wahren und Schönen. Frankfurter und Zürcher Poetikvorlesungen. (2012, alle bei Suhrkamp).

        Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg. Roman. Suhrkamp Verlag 2011

          Barbara Frischmuth

          Ort: Literaturhaus

          Moderation: Christine Riccabona

          Nach dem Verlust beginnt das Leben neu, darüber schreibt Barbara Frischmuth in ihrem neuen Roman Woher wir kommen: Ada hat nach dem Selbstmord ihres Freundes auch als Malerin gerade mit ganz neuen Bildern begonnen, als plötzlich drei lebhafte Kinder und ihr Jugendfreund Jonas in ihr Leben eindringen. Ihre Mutter Martha musste es verwinden, dass ihr Mann gemeinsam mit seinem kurdischen Freund Vedat spurlos im Ararat-Gebirge verschwand. Seitdem trifft sie sich einmal im Jahr mit Vedats Frau Lale, um sich gemeinsam ihrer Männer zu erinnern, auch wenn sie keinen Ort haben, um zu trauern. Lilofee, die Tante, hatte als junges Mädchen in den Bergen einen Kriegsgefangenen versteckt und musste mitansehen, wie er, ihre große Liebe, verraten und verschleppt wurde. Nie wird sie das vergessen können, aber sie rächt sich.

          Barbara Frischmuth erzählt klug und mit der nur ihr eigenen souveränen Leichtigkeit, die das Unerträgliche nie vergessen lässt, wie jede dieser Frauen es lernen muss, im Jetzt zu leben und Liebe wieder zuzulassen: „Eine der gefährlichsten Fragen ist: Was wäre gewesen, wenn? Mit ihr fängt jegliches Erzählen an.“

          Barbara Frischmuth: Woher wir kommen. Roman. Aufbau Verlag 2012

            Helmwart Hierdeis

            Ort: Literaturhaus

            In David Grossmans Roman Sei du mir das Messer möchte der Protagonist Jair eine virtuelle Liebesbeziehung zu einer Frau (Mirjam) unterhalten, die er nur vom Sehen kennt. Er schreibt ihr leidenschaftliche Briefe; sie schreibt ihm zurück. Ihre Antworten spiegeln sich aber nur in seinen Briefen. Aber während er sie dazu braucht, um sich über sich selbst klar zu werden (mit Kafka: „Sei du mir das Messer!“), will sie ihn leibhaftig. Als er das bemerkt, bricht er den Kontakt ab – um nach ein paar Wochen zum Telefon zu greifen: Er hat sich mit seinem fünfjährigen Sohn in einen ausweglosen Autoritätskonflikt hinein manövriert, aus dem er nur mit Mirjams Hilfe herauszufinden glaubt.

            In seiner psychoanalytisch-pädagogischen Analyse geht es dem Referenten darum, die lebensgeschichtlichen Hintergründe sichtbar zu machen, die zu Jairs Beziehungsblockaden beigetragen haben.

            Helmwart Hierdeis, Dr. Phil., Prof. für Allgemeine und Historische Pädagogik an den Universitäten Erlangen-Nürnberg, Innsbruck und Bozen-Brixen; Pschoanalytiker. Arbeitsschwerpunkte: Psychoanalytische Erziehungswissenschaft; Traumtheorie; Vätertheorie. Zuletzt erschienen: Helmwart Hierdeis (Hrsg): Der Gegenübertragungstraum in der psychoanalytischen Theorie und Praxis. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2010.

            David Grossman: Sei du mir das Messer. Roman. Hanser 1999

            In Kooperation mit dem Institut für Psychoanalytische Bildung

              Junge Texte aus der Schreibwerkstatt 2012

              Ort: Literaturhaus

              18:00–19:30 Uhr

              Texte aus der Schreibwerkstatt für 12–14-jährige mit Birgit Unterholzner

              In der Schreibwerkstatt mit Birgit Unterholzner wurden verschiedene Genres ausprobiert: Anaphern, poetische Skizzen und Gedichte entstanden sowie Dialoge zwischen Katz und Maus, Himmel und Hölle, den Farben schwarz und weiß und anderen Gegensatzpaaren. Ein Ballettschuh, ein Steinei, eine Badehaube und Fotografien erwachten zum Leben und erzählten uns ihre Geschichten: „Meine Geschichte beginnt mit einer Reise. Eine Reise durch meine ganze Welt.“ (Felicia Kaspar).

              Es lesen: Carina Bauer, Silvia Eisendle, Jakob Fiechter-Alber, Felicia Kaspar, Jana Kranebitter, Martina Müller, Susanne Musenbichler, Elisa Schenk, Samuel Schlögl, Jana Spiegl, Simon Zangerl

              20:00–22:00 Uhr

              Omning- Ein Kurzroman: entstanden in der
              Roman-Schreibwerkstatt für 15–19-jährige mit Bernhard Aichner

              Unter der Leitung von Bernhard Aichner haben die jungen Autorinnen und Autoren gemeinsam einen Kurzroman geschrieben: Figuren wurden erfunden, Erzählperspektiven gewählt, ein Plot wurde erdacht und die Dramaturgie entworfen: Thrill vom Feinsten!

              Es lesen: Max Allinger-Csollich, Alena Riha, Valentin Rottensteiner, David Schäfer, Franziska Stöckl, Lena Vogler, Lina Wernisch, Selina Willinger

                Olga Flor und Hildegard Kernmayer

                Ort: Literaturhaus

                Moderation: Sieglinde Klettenhammer

                Der Sammelband mit Anthologiecharakter Schreibweisen Poetologien 2. Zeitgenössische österreichische Literatur von Frauen ist die Fortsetzung einer 2003 begonnenen Bestandsaufnahme des Schreibens österreichischer Autorinnen. Eingeladen wurden 15 Autorinnen, in Reden, Essays oder Interviews über Schreibprozesse, ästhetische Verfahrensweisen, thematische Schwerpunktsetzungen und die ihrem Schreiben vorausgehenden Ideen, Konzepte, Einflüsse zu reflektieren. Den Texten der 15 Autorinnen, die in diesem Band vorgestellt werden, wurden jeweils literaturwissenschaftliche Untersuchungen nebengeordnet. Die Zwiegespräche zwischen Poetik und Literaturwissenschaft erhellen das Schreiben zeitgenössischer österreichischer Autorinnen in seiner formalen und thematischen Vielfalt und verstehen sich als Beitrag zur Geschichte der österreichischen Literatur von Frauen. Hildegard Kernmayer, die Herausgeberin des Sammelbandes, stellt das Projekt und den Sammelband vor.

                Im Anschluss an die Band-Präsentation liest Olga Flor aus ihrem neuen Roman Die Königin ist tot. Sprachlich virtuos entfaltet Flor vor den Augen der Lesenden eine düstere und kompromisslos komische Liebesgeschichte, die dem Zusammenspiel von Gewalt und sexueller Anziehung, von Berechnung und Empfinden, von Schuld und Verantwortung auf den Grund geht.

                Olga Flor: Die Königin ist tot. Roman. Zsolnay 2012

                Hildegard Kernmayer (Hg.): Schreibweisen Poetologien 2. Zeitgenössische österreichische Literatur von Frauen. Milena 2011

                  Walter Grond

                  Ort: Literaturhaus

                  Moderation: Anna Rottensteiner

                  Triest: Begegnungsstätte der Kulturen, Epizentrum europäischen Geisteslebens, Sehnsuchtsort und Traumbild. Vor diesem Schauplatz entfaltet Walter Grond in seinem Roman Mein Tagtraum Triest eine Familiengeschichte, die im Jahr 1884 beginnt, als der Ingenieur Liborius Zeeman in Triest ankommt, um seinen Marinedienst anzutreten. Der eigentümliche Charme dieser Stadt, ihre Atmosphäre von Lebenslust und Melancholie, prägen sich tief in seine Familie ein und verströmen auch Generationen später noch einen unwiderstehlichen Reiz.

                  Aus einem kunstvollen Ineinander unterschiedlicher Perspektiven erzählt Walter Grond vom Träumen in eine andere Welt, von der Suche nach dem Fremden in sich selbst, und zeichnet ein schillerndes Bild der alten Triestiner Welt, frei von Nostalgie und voll kluger Ironie.

                  Selbstständige Publikationen (Auswahl): Almasy. Roman (2002), Drei Männer. Novelle (2004), Der gelbe Diwan. Roman (2009, alle: Haymon), Die Khedivin (2006, Unionsverlag).

                    Sabine Gruber

                    Ort: Vorplatz des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum

                    [ mitSprache 2012: Reden zur Situation ]

                    Hört hört – die Stimmen der anderen. Eine Suada

                    In Fortsetzung der Reihe österreichweiter Projekte unter dem Signet mitSprache wurden 2012 zehn österreichische Autorinnen und Autoren eingeladen, im Zeitraum Ende September bis Mitte Oktober 2012 an öffentlichen Orten Reden zu halten. Die Themen der Reden beziehen sich auf aktuelle Situationen in gesellschaftlicher, politischer oder künstlerischer Hinsicht.

                    Am Nationalfeiertag wird Sabine Grubers Rede über die zunehmend fehlende Empathie als Videoinstallation vor dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum zu hören sein.

                      Autorenhomepages: narzisstische Selbstbespiegelung, Visitenkarte, Verlagswerbung oder privates Archiv?

                      Ort: Literaturhaus

                      Moderation: Elisabeth Sporer

                      Kathrin Passig und Gerlinde Tamerl im Gespräch

                      Verlage und AutorInnen haben das Internet als Instrument für ihre Vermarktung entdeckt und nützen es rege. Die eigene Homepage ist dabei das Herzstück, das je nach Interesse mehr oder weniger gepflegt und für verschiedene Zwecke (Werbung, Kommunikation, Instrument der Selbstverwaltung, Archiv) verwendet wird. In den letzten Jahren haben sich zusätzlich noch neuere Formen der Online-Vermarktung und Online-Inszenierung ins Gespräch gebracht, wie Facebook oder Twitter, die die herkömmliche Homepage verdrängen.

                      Im Montagsfrühstück diskutieren Gerlinde Tamerl, beim Innsbrucker Haymonverlag für die Presse verantwortlich, und die Schriftstellerin und Journalistin Kathrin Passig über die unterschiedlichen Überlegungen, die hinter Autorenhomepages stehen und die von kommerziellen Vermarktungsabsichten bis zu Möglichkeiten eines gesellschaftskritischen oder gar subversiven Umgangs mit neuen Medien reichen können. Elisabeth Sporer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am FWF-Projekt " Autorenhomepages. Ein Projekt zur Erfassung, Analyse und Langzeitarchivierung." am Institut für Germanistik, moderiert die Diskussion. Das Projekt lieferte die Motivation zu diesem Montagsfrühstück.

                        Kathrin Passig

                        Ort: Literaturhaus

                        Kathrin Passig gründete 2002 die Zentrale Intelligenz Agentur (ZIA), ein Netzwerk von Schriftstellern, Journalisten, Web-Designern, also von im weitesten Sinne im kreativen Bereich tätigen Menschen. Der Schwerpunkt der ZIA ist Berlin, ihre Mitglieder leben aber auch in anderen Teilen Deutschlands und der Welt. Der Name parodiert den Auslandsgeheimdienst der USA, die Central Intelligence Agency. In Berlin organisiert die ZIA regelmäßig ironische Kulturabende und betreibt außerdem das Weblog Riesenmaschine, das 2006 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde.

                        www.zentrale-intelligenzagentur.de
                        kathrinpassig.kulturindustrie.com

                          Oswald von Wolkenstein – Lieder und Nachdichtungen von Hans Moser

                          Ort: Literaturhaus

                          Begrüßung: Rektor Tilmann Märk
                          Einführung: Max Siller

                          Oswald von Wolkenstein (1376 –1445) ist einer der bekanntesten und bedeutendsten Dichter des Mittelalters, ein glänzender Unterhalter und polyglotter Weltmann, dessen Lieder bis heute kaum an Frische verloren haben. Sein poetischer Sprachstil ist spielerisch, oft fragmentarisch und extrem verknappt, ein Telegrammstil, der mehr andeutet als ausführt und primär dem Sprachklang verpflichtet ist.

                          Schon in jungen Jahren wies Hans Moser diese Seite der Lyrik Oswald von Wolkensteins wissenschaftlich nach. Jetzt versucht er, sie ohne vordergründige Aktualisierung im Neuhochdeutschen nachzubilden. Noch nie wurden dem heutigen Leser diese Gedichte in einer so zeitgemäßen und musikalischen Sprache nahe gebracht: spannend, unterhaltsam und berührend, nah und fern zugleich.

                          Hans Moser, 1939 in Thiersee geboren, Studium der Germanistik, Geschichte, Romanistik und Philosophie an der Universität Innsbruck. Lektor für Civilisation allemande an der Universität Straßburg, Gastprofessur in Augsburg, ordentlicher Professor und langjähriger Rektor der Universität Innsbruck sowie der Fachhochschule Kufstein.

                          Hans Moser: Wie eine Feder leicht. Oswald von Wolkenstein – Lieder und Nachdichtungen. edition laurin 2012

                            Klaus Zeyringer

                            Ort: Literaturhaus

                            Moderation: Johann Holzner

                            Jedes Werk in deutscher Sprache als „deutsche Literatur“ zu bezeichnen, ist kultur- und literarhistorisch keineswegs haltbar. Die Geschichte eines Landes sowie dessen politische und kulturelle Eigenart schlagen sich in entscheidendem Maße auch in seiner Literatur nieder. Nicht anders verhält es sich mit der österreichischen Literatur. Oder um es mit den Worten Ingeborg Bachmanns zu formulieren: „Dichter wie Grillparzer und Hofmannsthal, Rilke und Robert Musil hätten nie Deutsche sein können.“

                            Beginnend mit den ersten deutlichen Äußerungen eines Öster-reich-Begriffes als staatspolitisches Konzept im 17. Jahrhundert bis herauf in die Gegenwart, liegt mit diesem Werk erstmals – in dieser literatursoziologisch fundierten Art – eine umfassende Geschichte der österreichischen Literatur vor. Klaus Zeyringer und Helmut Gollner erfassen Formen, Strukturen, Funktionen und Evolutionen des literarischen Lebens in Wechselbeziehung zu gesellschaftlichen Realitäten im Österreich der letzten 350 Jahre und geben erhellende Einblicke in die anerkannt wichtigen wie auch in weniger bekannte Werke.

                            Klaus Zeyringer, geboren 1953 in Graz,  ist Universitätsprofessor für Germanistik an der Université Catholique de l’Ouest, Angers / Frankreich, sowie Universitätsdozent an der Universität Graz. Literaturkritiker insbesondere für Der Standard, Volltext und Literatur und Kritik.

                            Klaus Zeyringer, Helmut Gollner: Eine Literaturgeschichte: Österreich seit 1650. StudienVerlag 2012

                              Anna Weidenholzer und Iris Wolff

                              Ort: Literaturhaus

                              Moderation: Anna Rottensteiner

                              In ihrem Roman Der Winter tut den Fischen gut entwirft Anna Weidenholzer behutsam und mit einem hellwachen Blick für das Absurde im Alltäglichen und das Alltägliche im Absurden ein Bild von einer Frau am Rande der Gesellschaft: Maria hat Zeit. So sitzt sie tagsüber oft auf einer Bank am Platz vor der Kirche, beobachtet das Treiben dort, ein Kommen und Gehen, Leute, die Ziele haben und wenig Zeit. Die arbeitslose Textilverkäuferin kennt sich mit Stoffen aus, weiß, was zueinander passt, was Schwächen verbirgt und Vorzüge betont. Alt ist sie nicht, sie steht mitten im Leben, vielleicht nur nicht mit beiden Beinen. Aber ihr Leben läuft trotzdem rückwärts, an seinen Möglichkeiten, Träumen und Unfällen vorbei. Anna Weidenholzer zeigt in ihrem Roman vor allem, was das heißt: Der Rand der Gesellschaft ist immer noch mitten im Leben. Und davon ist dieses Buch voll wie selten eines.

                              In ihrem Debütroman Halber Stein schreibt Iris Wolff über Sine, eine junge Frau, die nach Abschluss ihres Studiums auf der Suche nach ihrem beruflichen Weg ist und die nach über 20 Jahren an den Ort ihrer Kindheit zurückkehrt. Ihre Großmutter Agneta ist gestorben, und gemeinsam mit ihrem Vater Johann ist sie zu deren Begräbnis nach Siebenbürgen gereist. Das Haus der Großmutter zieht sie vom ersten Augenblick an in ihren Bann: das Gebäude mit seiner geheimnisvollen Architektur, dem vermauerten Eingang zur ehemaligen Familienfärberei, den verschiedenfarbigen Räumen, Winklen, Aufböden und Treppen erinnert sie an ihre Kindheit, die Zugehörigkeit zu Natur und Landschaft, das Spiel in Haus und Garten. In die Trauer mischt sich die Trauer über die verloren geglaubte Heimat. In poetischen Landschaftsbildern wird die Familiengeschichte Sines geschildert, die Orte und Menschen werden durch die große Sprachkraft mit allen Sinnen erlebbar.

                              Anna Weidenholzer: Der Winter tut den Fischen gut. Residenz 2012

                              Iris Wolff: Halber Stein. Otto Müller 2012

                                Literatur und Engagement

                                Ort: Literaturhaus

                                Moderation: Gabriele Wild

                                Ekkehard Hey-Ehrl und Robert Prosser im Gespräch

                                Littérature engagée – die von Jean Paul Sartre im Zusammenhang seiner Existenzialphilosophie vorgeschlagene Bezeichnung meint eine „Literatur der Praxis“, eine „Literatur der Stellungnahme“, die im Gegensatz zu einer reinen „Seins-Literatur“ steht. Engagierte Literatur bezeichnet im weitesten Sinne alle Literatur, die ein religiöses, ideologisches und politisches Engagement erkennen lässt. Begriff wie Phänomen der engagierten Literatur haben merklich an Kraft und Einfluss verloren: Weil sie mit dem Autonomieanspruch der Kunst kollidieren? Weil sie in den unterschiedlichsten politischen Regimes des 20. Jahrhunderts korrumpiert wurden? Weil es heute keine Position mehr gibt, gegen die SchriftstellerInnen ästhetisch ihr Engagement richten könnten? Die unterschiedlichen revolutionären Bewegungen des beginnenden 21. Jahrhunderts (vom arabischen Frühling bis zur Occupy-Wall-Street-Bewegung) lassen es jedoch angezeigt sein, die Frage des Engagements im literarischen Schreiben neu zu stellen.

                                  Natalja Kljutscharjowa und Ganna-Maria Braungardt

                                  Ort: Literaturhaus

                                  Moderation: Andrea Zink

                                  Im Rahmen der „Woche der russischen Sprache, Geschichte und Kultur“, veranstaltet vom Institut für Slawistik in Zusammenarbeit mit dem Russlandzentrum der Universität Innsbruck und mit Unterstützung der Stiftung „Russkij mir“ (Moskau)

                                  Russland, ein Land der Extreme: bitterste Armut in den abgehängten Provinzen, schamlos ausgestellter Reichtum in der Megametropole Moskau. Ein Land, in dem die Wut brodelt und junge Leute, revolutionär gestimmt sind. Sie sympathisieren mit den Zarenattentätern, befassen sich mit Bombenbau oder übersetzen Slavoj Žižek. So auch Nikita, der Protagonist in Natalja Kljutscharjowas Debütroman Endstation Russland. Er ist ein Petersburger Student, der zu Ohnmachtsanfällen neigt und den es, seit seine Freundin Jasja einem Geschäftsmann in die Schweiz gefolgt ist, nirgends mehr hält. Er fährt kreuz und quer durch das Land und gewinnt mit seinem Lächeln das Vertrauen wildfremder Menschen, die ihm in der Eisenbahn ihr Leben erzählen; Geschichten, die ihn aufwühlen und schließlich zum Handeln zwingen.
                                   
                                  Ganna-Maria Braungardt ist Übersetzerin von Ljudmila Ulitzkaja, Swetlana Alexijewitsch, Boris Akunin, Polina Daschkowa, Julia Kissina und anderen. Sie lebt in Berlin.

                                  Natalja Kljutscharjowa: Endstation Russland. Roman. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Suhrkamp 2010

                                    Joachim Zelter

                                    Ort: Literaturhaus

                                    Moderation: Robert Renk

                                    Hier ist er: Heinrich Manns Roman Der Untertan ganz anders, neu erzählt für unsere Zeit. Mit großem menschlichem Gespür erzählt Joachim Zelter, was längst überfällig war: die Entwicklungsgeschichte des modernen Untertanen in der Welt von heute, erzählt von der frühen Schulzeit bis zum Erwachsenenalter, von den Siebzigerjahren bis in die Jetztzeit. Ein Psychogramm, ein gesellschaftliches Sittengemälde individueller wie kollektiver Anpassung – und menschlicher Entfremdung. Unnachahmlich beschreibt Joachim Zelter das Zusammenspiel von Selbstverleugnung, Nicht-Sein und Aufgehen im Anderen, im Mächtigen und im geschichtlich Werdenden. Am Ende erzählt der Roman unser aller Geschichte: Wie wir zu dem geworden sind, was wir heute sind.

                                    Joachim Zelter: untertan. Roman. Klöpfer & Meyer 2012

                                      Roxana Nubert

                                      Ort: Literaturhaus

                                      In Kooperation mit dem Brenner-ForumDie Diktatur im Spiegel der Literatur: Surreale Bildlichkeit in Herta Müllers Romanen Herztier und Heute wär ich mir lieber nicht begegnet

                                      In Herta Müllers Romanen Herztier (1994) und Heute wär ich mir lieber nicht begegnet (1997) werden die Macht- und Gewaltstrukturen in der Regierungszeit Nicolae Ceauescus in den Vordergrund gerückt. Sie stellen damit einen dokumentarischen Bericht über eine bedrückende Realität dar, die schmerzhaft präsent und fassbar wird. In beiden Texten entwirft die Autorin ein apokalyptisches Bild Rumäniens in der Zeit der kommunistischen Diktatur, wobei das entstellte Temeswar / Timioara den tragischen Hintergrund des Geschehens darstellt. Was für Lesende aus dem „Westen“ surreal erscheint, wird, so die These der Vortragenden Roxana Nubert, zum Ausgangspunkt einer kritischen Distanzierung dem diktatorischen System gegenüber.

                                      Roxana Nubert, geboren 1953, Germanistin und Romanistin; seit 1996 Leiterin des Germanistiklehrstuhls an der Westuniversität Temeswar, Rumänien. Schwerpunkte: deutschsprachige Literatur im rumänischen Sprachraum, Mitteleuropa. Publikationen zuletzt: Mitteleuropäische Paradigmen in Südosteuropa – Ein Beitrag zur modernen Kultur der Deutschen im Banat (gemeinsam mit Ileana Pintilie Teleaga, 2006, Edition Praesens); Einführung in die literarische Moderne – Naturalismus und Jahrhundertwende 1900 (2008, Mirton Timioara)

                                        David Albahari

                                        Ort: Literaturhaus

                                        Moderation: Andrea Zink

                                        Dolmetscherin Serbisch-Deutsch: Maša Dabic´
                                        Lesung auf Deutsch: Johann Nikolussi

                                        Wer ist der Verfasser des geheimnisvollen Briefs, durch den schlagartig alles aus den Fugen gerät? Das fragt sich Filip, der allein in einer zugestellten Wohnung lebt und sich in seinen Memoiren einen Verlierer nennt. Ist der Absender ein Betrüger oder wirklich der in Argentinien verschollene Bruder, von dem Filip bisher nichts ahnte? Ein Treffen im „Brioni“, einer ehemaligen Belgrader Spelunke, jetzt ein modernes Restaurant, soll dieses Rätsel lösen. Doch Filips einstige Stammkneipe ist ebenso wie bald sein ganzes Leben nicht mehr wiederzuerkennen …

                                        „Eleganter und unaufwendiger als David Albahari zieht kaum jemand dem Leser den Boden unter den Füßen weg. Die immer kürzer werdenden Bücher des seit 1994 in Kanada lebenden Serben sind höllische Achterbahnfahrten der Identität, in denen sich jede Kehre lediglich als Vorspiel einer weiteren erweist, bis am Ende nur das Schweigen bleibt.“ (Jörg Platz, Deutschlandradio Kultur)

                                        David Albahari: Der Bruder. Roman. Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann. Schöffling & Co 2012

                                          Clemens J. Setz

                                          Ort: Literaturhaus

                                          Moderation: Gabriele Wild

                                          Im Norden der Steiermark liegt die Helianau, eine Internatsschule für Kinder, die an einer rätselhaften Störung leiden, dem Indigo-Syndrom. Jeden, der ihnen zu nahe kommt, befallen Übelkeit, Schwindel und heftige Kopfschmerzen. Der junge Mathematiklehrer Clemens Setz unterrichtet an dieser Schule und wird auf seltsame Vorgänge aufmerksam: Immer wieder werden Kinder in eigenartigen Maskierungen in einem Auto mit unbekanntem Ziel davongefahren. Setz beginnt, Nachforschungen anzustellen, doch er kommt nicht weit; er wird aus dem Schuldienst entlassen. Fünfzehn Jahre später berichten die Zeitungen von einem aufsehenerregenden Strafprozess: Ein ehemaliger Mathematiklehrer wird vom Vorwurf freigesprochen, einen Tierquäler brutal ermordet zu haben.

                                          Mit Clemens J. Setz viertem Buch Indigo geht das „radikale Gegenprogramm zur hübsch verkasteten Literaturwerkstättenliteratur“ (Die Welt) weiter.

                                          Clemens J. Setz, geboren 1982 in Graz, studierte Mathematik und Germanistik, lebt in Graz. Sein 2007 erschienener Debütroman Söhne und Planetengelangte auf die Shortlist des aspekte-Literaturpreises. 2008 erhielt er beim Ingeborg-Bachmann-Preis den Ernst-Willner-Preis. 2011 wurde sein Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes (2011, Suhrkamp) mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Weitere Publikationen: Söhne und Planeten. Roman (2007), Die Frequenzen. Roman (2009, beide Residenz).

                                          Clemens J. Setz: Indigo. Roman. Suhrkamp 2012

                                            Erinnern – aber wie?

                                            Ort: Literaturhaus

                                            Moderation: Martin Sexl

                                            Christoph W. Bauer und Irmgard Bibermann im Gespräch.

                                            NS-Gedenkstätten und Gedächtnisorte an die NS-Zeit im Allgemeinen finden sich überall auf der Welt. Sie sind wichtige Orte für die Erinnerung an das Leiden und Sterben so vieler Menschen und zugleich Herausforderung für das Verstehen. In diesem Montagsfrühstück diskutieren Christoph W. Bauer und Irmgard Bibermann darüber, auf welche Weise in einer Zukunft, in der es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird, Erinnerungsarbeit geleistet werden soll. Braucht es neue Formen der Vermittlung?

                                            Der Schriftsteller Christoph W. Bauer thematisiert nicht erst mit seinem Roman Graubart Boulevard (Haymon 2008), Fragen der Wahrnehmung und Darstellung von Geschichte und der Möglichkeiten der Korrektur von Geschichtsbildern. Dass er dabei den Weg der Literatur  wählt, ist nicht Zufall, vermag doch die Sprache der Literatur möglicherweise Dinge zu „zeigen“, die man nicht „sagen“ kann, um es  mit einem Begriffspaar von Ludwig Wittgenstein zum Ausdruck zu bringen.

                                            Irmgard Bibermann ist Lehrbeauftragte am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie und arbeitet als AHS-Lehrerin und Theater- und Gestaltpädagogin. Mitarbeit am Vermittlungsprojekt www.erinnern.at

                                              Michael E. Sallinger

                                              Ort: Literaturhaus

                                              Ein Land in Gedichten? Auf seiner Reise durch Ort- und Talschaften südlich des Brenner hält Michael E. Sallinger Erlebtes, Gefühltes und Erfahrenes fest. Gedichte gehören zu den Äußerungen seines Lebens wie das Denken, das Atmen, das Lesen, das Essen und Trinken, wie die Liebe und der Hass, und kreisen diese Themen gleichzeitig ein.

                                              Sein Weg führt ihn von Ambach über Franzensfeste und Klausen bis Sterzing, von Abschied über Gemischten Fisch bis in die Zwischenreiche, von der Feuernacht über N. C. Kaser bis zum Waalweg. Und in Sekunden nimmt jeder seiner Eindrücke Gestalt an – zart, bunt und unverdrossen, dabei nie ohne Tiefe.

                                              Michael E. Sallinger, 1965 im Mühlviertel geboren, Studium der Rechtswissenschaften in Innsbruck, wo er seit 1993 als selbständig tätiger Rechtsanwalt lebt. Schwerpunkte als Autor: Lyrik, kleine Prosa und Aphorismen sowie essayistische Arbeiten zur deutschen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Zahlreiche Veröffentlichungen im Schlern, in den Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, den Kulturelementen, den Kulturberichten aus Tirol und Südtirol, Quart u.v. m.
                                              Neben zahlreichen Fachpublikationen bisher erschienen: Wege und Zweige (2002) zu Ernst Jünger und seinen Zeitgenossen, spiegelungen. hans mayer in seiner zeit. ein versuch (2006), Geflechte. Alt-Ausseer Flaschenpost (2006, alle: StudienVerlag). Er arbeitet derzeit an einem monografischen Band zu Paul Celan und einem Essay-Band unter dem Titel Signaturen des Glaubens.

                                              Michael E. Sallinger: Hain, Traube und Nacht. Gedichte jenseits des Brenner. Haymon 2012

                                                Ursula Krechel

                                                Ort: Literaturhaus

                                                Moderation: Jochen Jung

                                                Was muss einer fürchten, was darf einer hoffen, der 1947 aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrte? Nach ihrem gefeierten, 2008 erschienenen Buch Shanghai fern von wo geht Ursula Krechel mit ihrem neuen großen Roman Landgericht noch einmal auf Spurensuche. Richard Kornitzer ist Richter von Beruf und ein Charakter von Kohlhaas’schen Dimensionen. Die Nazizeit mit ihren absurden und tödlichen Regeln zieht sich als Riss durch sein Leben. Danach ist nichts mehr wie vorher, die kleine Familie zwischen dem Bodensee, Mainz und England versprengt, und die Heimat beinahe fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna. Ursula Krechels Roman lässt Dokumentarisches und Fiktives ineinander übergehen, beim Finden und Erfinden gewinnt eine Zeit atmosphärische Konturen, in der die Vergangenheit schwer auf den Zukunftshoffnungen lastet. Landgericht, der Roman mit dem doppeldeutigen Titel, handelt von einer deutschen Familie und erzählt zugleich mit großer Wucht von den Gründungsjahren einer Republik.

                                                Ursula Krechel: Landgericht. Roman. Jung und Jung 2012