Veranstaltungen 2023

[Mein Jahr mit … ] Joan Didion

Ort: Literaturhaus am Inn

Moderation: Veronika Schuchter & Gabriele Wild

Von der kalifornischen Einzelgängerin zur New Yorker Intellektuellen ­ Joan Didion (1934-2021) war in den USA schon lange eine Ikone, in Europa wurde man erst durch ihren großen Trauertext Das Jahr des magischen Denkens (2005) auf sie aufmerksam. Mit ihrem vielseitigen Schaffen, etwa ihren Essays über die Hippiebewegung oder ihrer legendären Textsammlung Das weiße Album (1979), sezierte sie seit den 1960er Jahren mit ihrer entlarvenden, unsentimentalen Sprache die amerikanische Gesellschaft. Sie schrieb für die Vogue und den New Yorker, griff kontroversielle Themen wie die brutalen Serienmorde Charles Mansons auf und forderte ihre Leser*innen durch ihren eigenwilligen und analytischen Zugang u.a. mit Romanen wie Demokratie (1984) heraus.

Die Literaturwissenschaftlerin Veronika Schuchter und Gabriele Wild lebten ein Jahr mit den Werken Joan Didions, ließen sich von ihr inspirieren, tauschten sich mit Autor*innen aus und fanden erstaunlich viele Bezüge zu unserer krisengebeutelten Zeit. Es entwickelte sich ein besonderes Lebens- und Lesegefühl, das an diesem Abend auch mittels eines eigens ausgewählten Soundtracks dargestellt werden soll.

 

    Norbert Gstrein

    Ort: Literaturhaus am Inn

    Moderation: Ulrike Tanzer

    Norbert Gstrein: Mehr als nur ein Fremder. Roman Hanser 2023

    Eine Premiere: Norbert Gstrein liest aus seinem noch unveröffentlichten Essayband (Hanser, April 2023). Zum ersten Mal gibt er Auskunft über sein Schreiben und sein Werk. Er spürt Empfindungen wie Scham, Schuld und Angst nach und blickt auf den Zusammenhang von Literatur, Wissenschaft und Wahrheit. Und er erzählt von den Lektüren seines Lebens: von William Faulkner über Toni Morrison bis hin zu Franz Kafka. „Jetzt kommen sie und holen Jakob“ lautet der erste Satz seines ersten Buches – davon ausgehend spannt der Autor einen Bogen bis in die Gegenwart und leuchtet die Echoräume seines Erzählens aus. Wer ist das „Ich“ in seinen Romanen? In welcher Verbindung stehen Schreiben und Moral? Was haben Gauß und die Mathematik mit allem zu tun? Und kann man ein amerikanischer Schriftsteller sein, obwohl man in Tirol aufgewachsen ist?

     

     

      Ilinca Florian & Mieze Medusa

      Mieze Medusa und Florian Ilinca

      Ort: Literaturhaus am Inn

      Moderation: Irene Zanol

      Ilinca Florian: Bleib, solang du willst. Roman (Karl Rauch, 2022)
      Mieze Medusa: Was über Frau geredet wird. Roman (Residenz, 2022)


      In Ilinca Florians Roman Bleib, solang du willst. (Karl Rauch, 2022) geht es um die Beziehung zweier Schwestern: Marthas großer Wunsch war immer eine eigene Familie. Als ihr gemeinsamer Sohn Emil acht Monate alt ist, findet sie heraus, dass ihr Mann Niklas sie mit mehreren Frauen betrügt, Martha packt ihre Sachen und zieht mit Emil zu ihrer Schwester Charlotte nach Berlin. Charlotte ist fast zehn Jahre älter als Martha und arbeitet
      als Assistentin mehrerer Unternehmensberater. Sie lebt allein, hat keine Kinder und bindet sich offenbar nie lange. Charlotte nimmt Martha und Emil auf und besorgt ihrer Schwester einen Job am Empfang ihrer Firma. Denn Martha braucht Geld. Während Martha immer bestimmter für ihren persönlichen Traum – zu singen – kämpft, hinterfragt Charlotte, die stets ihre Freiheit genossen hat, ihr bisher unabhängiges Leben.

      Freundinnen und Partnerinnen, Mütter und Töchter: In Mieze Medusas hinreißendem neuen Roman Was über Frau geredet wird (Residenz, 2022) dreht sich alles um Frauen und ihr Recht, auf das zu pfeifen, „was über sie geredet wird:“ Die Tirolerin Laura lebt in Innsbruck und hasst Skifahren, Hüttenromantik und Alpenzauber. Frederike, genannt Fred, mit vierzig immer noch unstet und öfter arbeitslos, lebt in Wien, früher mal mit Marlis, verliebt sich aber in die Musikerin Milla YoloBitch. Marlis will ein Kind, Fred will Milla, Milla will rappen, Laura will Comics zeichnen, Lauras Schwester Isabella will Familie und Karriere. Und wenn auch nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen, so legt Mieze Medusa hier doch ein flammendes Plädoyer dafür vor, dass Frauen alles sein, werden und wollen dürfen.

        Montagsfrühstück: Der künstliche Autor? Künstliche Intelligenz und literarisches Schreiben – ein Widerspruch?!

        Unterthurner, Barbara_Navarro, Fabian_Sexl, Martin_Wild, Gabriele

        Ort: Literaturhaus am Inn

        Moderation: Barbara Unterthurner

        Fabian Navarro & Martin Sexl im Gespräch

        Big-Data-KI-Programme verhelfen Menschen beim Verfassen von Texten tagtäglich zu korrekter Schreibweise, Grammatik (Stichwort Autokorrektur) sowie zu Fragen der Formulierung. Die von Elon Musk und Microsoft finanzierte Software GPT-3 allerdings kann „menschenähnliche“ Texte so generieren, dass sie sich von einem „menschengemachten“ Text nicht mehr unterscheiden lassen. Kann eine solche Künstliche Intelligenz auch zu kreativem Schaffen fähig sein? Kann sie ähnlich berühren und faszinieren wie der literarischer Text eines Autors/einer Autorin aus Fleisch und Blut und kann sie (in Zukunft) Autor*innen gar gänzlich ersetzen?

        Martin Sexl, Universitätsprofessor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Innsbruck.

        In Kooperation mit dem Verein Arbeitskreis für Wissenschaft und Verantwortlichkeit.

          [Nahaufnahme: Christine Nöstlinger]

          Widauer, Jung, Schwarz - Porträt

          Ort: Literaturhaus am Inn

          Du bleda Bua
          Musikalische Textperformance mit Sarah Jung, Judith Schwarz & Anna Widauer

          Nöstlinger beschreibt Abgründe, Gewalt, Missbrauch – unerschrocken, berührend, aber nie ohne Schmäh. Ihre Dialektgedichte fangen über den Klang der Sprache die Seele Wiens ein – eines Wiens weit abseits von Gemütlichkeit und Kitsch, mit Blick auf das Leben der Ausgegrenzten, der Abhängigen, der Frauen am Rand, die trotz des Elends Stärke und Kampfeslust beweisen.

          Die Künstlerinnen Sarah Jung, Judith Schwarz und Anna Widauer denken die Geschichten Nöstlingers musikalisch weiter. Sie führen die Gedanken ins Melodiöse und Orchestrale, entwickeln Klangkonzepte, lassen unterschiedliche musikalische Formen zu: Improvisation neben fixierten Songstrukturen und rein Instrumentalem. Ausgangspunkt für jedwede Entscheidung bleiben aber die Texte Nöstlingers – und ihre ungebrochene Aktualität.

          Die Schauspielerin Sarah Jung, geb. 1978 in Innsbruck, die Schlagzeugerin und Komponistin Judith Schwarz, geb. 1989 in Wien, und die Jazzsängerin und Singer-Songwriterin Anna Wiedauer, geb. 1989 in Wörgl, sind ein kongeniales Trio, das man erlebt erhaben muss!

          Daniela Dröscher

          Dröscher Porträt

          Ort: Literaturhaus am Inn

          Moderation: Gabriele Wild

          Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter. Roman. KiWi 2022

          In ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman Lügen über meine Mutter (KiWi, 2022) erzählt Daniela Dröscher vom Aufwachsen in einer Familie, in der ein Thema alles beherrscht: das Körpergewicht der Mutter. Ist diese schöne, eigenwillige, unberechenbare Frau zu dick? Muss sie dringend abnehmen? Ja, das muss sie. Entscheidet ihr Ehemann. Und die Mutter ist dem ausgesetzt, Tag für Tag. Daniela Dröscher erzählt zweierlei: Über eine Kindheit im Hunsrück der 1980er, die immer stärker beherrscht wird von der fixen Idee des Vaters, das Übergewicht seiner Frau wäre verantwortlich für alles, was ihm versagt bleibt: die Beförderung, der soziale Aufstieg, die Anerkennung in der Dorfgemeinschaft. Darüber hinaus ist der Roman eine schonungslose Befragung des Geschehens aus heutiger Perspektive.

          Daniela Dröscher, geboren 1977, aufgewachsen in Rheinland- Pfalz, lebt in Berlin. Sie schreibt Prosa, Essays und Theatertexte. Sie wurde u.a. mit dem Anna-Seghers-Preis und dem Robert- Gernhardt-Preis (2017) ausgezeichnet. Publikation zuletzt: Zeige deine Klasse: Die Geschichte meiner sozialen Herkunft (Hoffman & Campe, 2018). Seit Herbst 2018 ist sie Ministerin im Ministerium für Mitgefühl.

          [Wintergast am Sonntag] Felicitas Hoppe

          Felicitas-Hoppe Porträt

          Ort: Literaturhaus am Inn

          Moderation: Maria Piok

          Felicitas Hoppe: Gedankenspiele über die Sehnsucht. 2022 Droschl Verlag

          Das Glück ist da, wo du nicht bist? Diagnose: Sehnsucht, Krankheit des schmerzlichen Verlangens. Wer will die schon haben? Aber was ist eigentlich das Ziel unserer süchtigen Wünsche? Felicitas Hoppe lädt zu einer Reise durch Räume, Träume und Zeiten ein, auf der sich die Sehnsucht in Longing, der Weltschmerz in Fernweh, die Nostalgia in Neugier und der Wunsch in die Angst vor seiner Erfüllung verwandelt. Dabei tun sich kleine und etwas größere Fragen auf: Was ist der Unterschied zwischen Werbung und Philosophie? Zwischen Verheißung und Erfüllung? Zwischen Genügsamkeit und Selbstoptimierung? Und welche Rolle spielen dabei, zwischen Diesseits und Jenseits, Gott und die Kunst?

          Felicitas Hoppe, geboren 1960 in Hameln, lebt in Berlin und Leuk. Sie ist vielfach aufgezeichnete Schriftstellerin, Übersetzerin, Ehrendoktorin der Leuphana Universität Lüneburg, Trägerin des Georg-Büchner-Preises. Ihr Buch Gedankenspiele über die Sehnsucht erschien 2022 im Droschl Verlag.

          Auf Buchfühlung im Gespräch mit Felicitas Hoppe

           

          Minu Ghedina & Ana Marwan

          Marwan und Ghedina Porträts

          Ort: Literaturhaus am Inn

          Moderation: Maria Piok & Gabriele Wild

          Minu Ghedina: Die Korrektur des Horizonts. Otto Müller 2022
          Ana Marvan: Verpuppt. Roman. Otto Müller 2023

          Ada spürt früh, dass ihr Platz im Leben auf äußerst wackligem Untergrund steht. Was bei anderen funktioniert, gilt für sie nicht; was in Kinderbüchern über „Vater, Mutter, Kind“ steht, ist ihr fremd. In Die Korrektur des Horizonts (Otto Müller, 2022) beschreibt Minu Gehdina ein sensibles Mädchen, das sich eine eigene Bilderwelt aufbaut und sich in die Schönheit rettet, die ihr als einzige Möglichkeit erscheint, den Irritationen von außen etwas entgegenzuhalten. Wie in einem Tarnkleid tastet sie sich durch die Kindheit und muss immer wieder ihre Welt korrigieren. Später wird sie eine erfolgreiche Kostümbildnerin, erlebt aber auch Tiefschläge, lernt die falschen Männer kennen und kämpft sich aus ihrer schmerzhaften, verworrenen Geschichte. Als sie am 11. September nach Hause kommt, stürzt auch ihre Welt zusammen, „hier und dort und innen und außen“. Erneut verschiebt sich der Horizont und bedarf einer Korrektur.

          Minu Ghedina, geboren 1959 in Klagenfurt, aufgewachsen in Innsbruck. Studierte Germanistik und Schauspiel. Nach mehreren Jahren Arbeit an verschiedenen Theatern und beim Film Studium der Bildhauerei bei Alfred Hrdlicka an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Hilde-Zach-Förderstipendium der Stadt Innsbruck 2020 für den Beginn ihres Debütromans Die Korrektur des Horizonts.

           

          Im neuen Roman der aktuellen Ingeborg-Bachmannpreisträgerin Ana Marwan Verpuppt (übersetzt von Klaus Detlef Olof, Otto Müller Verlag, 2023) findet sich Rita in der Welt nicht zurecht. Das Leben betrachtet sie als eine reine Aneinanderreihung von Spielchen; je nach Situation wird diese oder jene Version der eigenen Person zur Schau gestellt und vor sich hergetragen. Um das Chaos ihrer Welt zu bändigen, schreibt sie Geschichten, gestaltet Wahrheiten, erfindet sich Gefährten wie Ivo Jež, der – wie sie – im Ministerium tätig ist, Abteilung Raumfahrt. Oder handelt es sich um eine andere Art von Einrichtung und Ivo ist ein Mitpatient? Wird Rita therapiert oder wird die Ärztin von Rita manipuliert? Ist der freie Mensch frei oder ist derjenige ohne Zwang, dem die Entscheidungen abgenommen werden? Der Roman ist eine Einladung, den Wahrheitsgehalt der erzählten Geschichte infrage zu stellen.

          Ana Marwan, 1980 in Murska Sobota/SLO geboren, aufgewachsen in Ljubljana, lebt in Wien. Für ihren Text Wechselkröte/ Krota (übersetzt von Amalija Maček) erhielt sie 2022 den Ingeborg Bachmann Preis. Der Roman Verpuppt, im Original Zabubljena (Ljubljana: Beletrina, 2021), wurde mit dem Kritiško sito 2022 für das beste Buch des Jahres 2021 in Slowenien ausgezeichnet.