[Montagsfrühstück]

Mit dem Mon­tags­früh­stück ist seit mitt­ler­wei­le 7 Jah­ren ein Forum geschaf­fen, das sich mit der nöti­gen Lang­sam­keit der Refle­xi­on grund­sätz­li­cher Fra­gen und Pro­ble­me des Zusam­men­hangs von Literatur/Kunst, Wis­sen­schaft und Gesell­schaft widmet.

Femi­nis­mus – wohin?! (De)konstruktion von Geschlechterrollen

Ort: Literaturhaus

Moderation: Edith Brotzge

Brigitte Mazohl, Karin Michalski und Maxi Obexer im Gespräch

Fehlende Chancengleichheit, Quotenregelung, mehr Chefinnen, Teilzeitfalle, Papa-Monat – am 8.3.2012, 101 Jahre nach dem ersten Frauentag, bestimmten diese Themen die österreichische Presse und Tagespolitik. Nicht nur an Tagen wie diesen wird frau mit der Rolle, die sie einnimmt oder die ihr von der Gesellschaft zugeschrieben wird, konfrontiert. Unendlich ist die Liste an Büchern, die das Verhalten von Frauen erklären wollen: Mit Titeln wie Warum Frauen zu viel denken. Wege aus der Grübelfalle oder Spiele mit der Macht: Wie Frauen sich durchsetzen will man „weiblichen Verhaltensweisen“ näher kommen und sie entschlüsseln. Ehefrau, Mutter, Powerfrau, Karrierefrau – frau sollte im Idealfall alles sein und vereinbaren können. Da nimmt es vielleicht gar nicht wunder, dass viele junge Frauen aus diesen Bildern ausbrechen wollen und sich ihre Zukunft als Hausfrau und Mutter vorstellen können.

In diesem Montagsfrühstück wollen wir mit drei Diskutant_innen aus Wissenschaft, Literatur und Kunst über das Frau-Sein, Frauenquoten und „weibliche“ Verhaltensweisen ebenso nachdenken wie über die Frage, welche Möglichkeiten Literatur und Kunst bieten, um aus vorgefertigten Geschlechterrollen auszubrechen.

Es diskutieren: die Historikerin Brigitte Mazohl, die Künstlerin Karin Michalski und die Autorin Maxi Obexer.

Brigitte Mazohl, lehrte nach ihrem Studium in Salzburg und Wien (Promotion 1971) und längeren Forschungsaufenthalten in Deutschland und Italien als Universitätsdozentin für Neuere Geschichte an der Universität Salzburg (Habilitation 1986). 1993 als o. Univ.-Prof. für österreichische Geschichte an die Universität Innsbruck berufen, wo sie seither tätig ist. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Rahmen der österreichischen, deutschen und italienischen Geschichte in der Zeit zwischen dem 18. Jahrhundert und dem Ersten Weltkrieg. Als einer der frühesten Vertreterinnen einer feministisch orientierten Geschichtswissenschaft hat sie auch zahlreiche Arbeiten zur Frauen- und Geschlechtergeschichte veröffentlicht.

Karin Michalski arbeitet als Künstlerin, Filmkuratorin und Dozentin in Berlin. Sie studierte Publizistik, Politik- und Erziehungswissenschaften an den Universitäten in Mainz und Berlin sowie Filmregie und -produktion (creative producing) an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Zahlreiche Festival- und Ausstellungsbeteiligungen u. a. mit Working On It (50 min., 2008, Co-Regie: Sabina Baumann), Monika M. (15 min., 2004) und Pashke und Sofia (30 min., 2003). Seit 1990 arbeitet sie als Film- und Videokunstkuratorin und organisiert regelmäßig Film- und Videokunst-Reihen. 2011 gab sie das Kunst-Fanzine FEELING BAD – queer pleasures, art & politics heraus. www.karinmichalski.de

Sei­en Sie gemein, dann sind Sie wahr oder Was macht zeit­ge­nös­si­sche Lite­ra­tur zum Skandal?

Ort: Literaturhaus

Moderation: Doris Eibl

Es diskutieren Stefan Gmünder, Literaturredakteur bei DER STANDARD, und Julia Pröll, Universitätsassistentin am Institut für Romanistik an der Universität Innsbruck.  

Ein Buch soll „beißen und stechen“, es soll uns „mit einem Faustschlag auf den Schädel“ wecken – dieser Ansicht war schon Franz Kafka. Stehen „SkandalautorInnen“ wie der Franzose Michel Houellebecq in dieser Traditionslinie? Oder geht es vielmehr darum, sich des Skandals als effiziente Marketingstrategie, der (Selbst)inszenierung als Mittel zur Absatzsteigerung zu bedienen?

Ausgehend vom „Phänomen“ Michel Houellebecq, der mittlerweile zum Goncourt-Preisträger und umjubelten Star geworden ist, möchte sich das Montagsfrühstück der Skandalträchtigkeit der zeitgenössischen Literatur widmen. Thematisiert werden neben Michel Houellebecq auch Catherine Millet und Christian Kracht. Gefragt werden soll beispielsweise nach den Mechanismen, die einen Text zum Skandal machen: Sind es seine Themen, ist es ein kruder Realismus, der sich an der Grenze zur Geschmacklosigkeit bewegt und ästhetische Normsetzungen verletzt? Ist es die Selbstinszenierung der Autorinnen und Autoren, die die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit verwischt? Oder ist die schonungslose, ungeschminkte Beschreibung des gesellschaftlichen Status quo, der sich Autoren wie Michel Houellebecq verschrieben haben, ohnehin nur als „Skandal“ denkbar?

Migra­ti­ons­li­te­ra­tur: ein kon­tro­ver­si­el­ler Begriff?

Ort: Literaturhaus

Moderation: Anna Rottensteiner

Julya Rabinowich und Eva Hausbacher im Gespräch

Der Begriff „Migrationsliteratur“ hat sich mittlerweile im Literaturbetrieb und im literaturwissenschaftlichen Diskurs verankert. Zunächst ein Nischenphänomen in der Literaturlandschaft, haben als „Migrationsautorinnen und -autoren“ wahrgenommene Schriftstellerinnen und Schriftsteller über drei Generationen ihren Weg in die deutschsprachige Kulturproduktion gefunden. Zuschreibungen wie Ausländerliteratur, Gast-, Immigranten-, Emigrations-, Minderheitenliteratur, Literatur ohne Grenzen, Literatur ohne festen Wohnsitz zeugen von den Anstrengungen, Benennungsversuche und Kategorien zu finden. Doch inwiefern sind diese Begriffe bzw. ist der Begriff „Migrationsliteratur“ für die literarische Produktion eines Autors oder einer Autorin mit Migrationshintergrund wirklich bezeichnend? Sind diese Zuordnungsversuche als Bestandteil der Identität des Schreibenden wahrzunehmen oder als wissenschaftliche Kategorisierung? Kann der Begriff „Migrationsliteratur“ zu einem erweiterten Verständnis der deutschsprachigen Literatur und Kultur beitragen oder ist er ganz im Gegenteil einengend und diskriminierend?

Darüber diskutieren die Autorin Julya Rabinowich und die Slawistin Eva Hausbacher.

Eva Hausbacher, geboren 1967 in Schwarzach, Ao.Univ.-Prof. am Institut für Slawistik an der Universität Salzburg, Forschungsschwerpunkte: Zeitgenössische russische Literatur, Russische Frauenliteratur (19. und 20. Jahrhundert), Literatur- und Kulturtheorie, Gender Studies und Postcolonial Studies, Inter- und Transkulturalitätsforschung.

Die Ich-AG: Selbst­aus­beu­tung oder Selbstverwirklichung?

Ort: Literaturhaus

Moderation: Martin Sexl

Kathrin Röggla und Thomas Wegmann im Gespräch

In der spätkapitalistischen Leistungsgesellschaft werden Selbstregierungstechniken zum Prinzip erhoben. Der einzelne Mensch hat seiner Ausbeutung bereits längst zugestimmt und wird in einen Sog zwischen scheinbarer Selbstverwirklichung und „commitment“ mit Arbeitsstrukturen hineingezogen. Er wird zur Ich-AG, die die Mechanismen der (Selbst-)Ausbeutung unsichtbar zu machen droht. Das Montagsfrühstück im März wird die Frage ins Zentrum stellen, welche Möglichkeiten die Literatur hat, auf diese neuen Formen der Arbeitswelt und auf Veränderungen von Arbeit und Alltag durch Formen der (Selbst-) Organisation zu reagieren. Wie dringen Formen des Managements in unser Privatleben ein, das seinerseits zunehmend durch Selbstdisziplinierung und Selbstmanagement gekennzeichnet zu sein scheint?

Im Gespräch zwischen Kathrin Röggla und dem Germanisten und Kulturwissenschaftler Thomas Wegmann werden vor allem die sprachlichen Mechanismen des Umgangs mit hegemonialen Strukturen beleuchtet und die genannten Strategien und Strukturen hinterfragt.

Thomas Wegmann, geboren 1962 in Bochum, Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie in Essen, Dublin und Berlin, seit 2011 Univ.-Prof. am Institut für Germanistik an der Universität Innsbruck. Forschungsschwerpunkte u.a. Literatur und Ökonomie, Kulturtechniken des Schreibens und der Schrift, Literatur und Medien, Literatur vom 18. bis zum 20. Jahrhundert.

Kathrin Röggla, geboren 1971 in Salzburg, lebt in Berlin. Zuletzt erschienen: wir schlafen nicht (2004, Fischer), disaster awareness (2006, Droschl), gespensterarbeit, krisenmanagement und weltmarktfiktion (2009, Picus), die alarmbereiten (2010, Fischer), publikumsberatung (zusammen mit Leopold von Verschuer, 2011, Matthes&Seitz). Zahlreiche Radioarbeiten und Theatertexte.

Ohn­macht und Empörung

Ort: Literaturhaus

Moderation: Gabi Wild

Anneliese Rohrer, Xaver Schumacher und Andrea Umhauer im Gespräch

„Empört euch!“ – Die Streitschrift von Stéphane Hessel scheint ein Jahr nach dessen Erscheinen aktueller denn je zu sein. Überall auf der Welt trifft man sie mittlerweile an, die Empörten. Menschen treten in den Widerstand, wehren sich gegen den Umgang der Politik mit der Finanzkrise, kämpfen für den Erhalt des Wohlfahrtsstaates oder entrüsten sich, wenn sie eine Zerstörung der Umwelt durch große Bauprojekte wie „Stuttgart 21“ befürchten. Der so genannte Wutbürger scheint sich zu erheben, sich gegen Demokratieverlust und für mehr Basisdemokratie und Selbstbestimmung einzusetzen.

Doch sind die Menschen dazu bereit, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen? Was, wenn die am „Tag des Zorns“ erlangte Macht des „Volkes“ am Tag danach zur Ohnmacht wird? Wie kann Widerstand aufrecht erhalten werden und die Resignation durchbrochen werden? „Wir müssen aufhören, zu gehorchen, und anfangen, uns einzumischen. Es ist höchste Zeit.“, so die Meinung Anneliese Rohrers in ihrem Buch Das Ende des Gehorsams (2011, Braumüller).

Auch an der Universität Innsbruck gab und gibt es eine Bewegung der „Empörten“, und ein kleines Büro erinnert nach wie vor an die „Uni brennt“-Proteste von 2009 / 10. Unter dem Kennwort „Geiwimax“ scheint der Protest der Studierenden gegen unzulängliche Studienbedingungen und für mehr Autonomie weiterzugehen. Es gibt aber genauso Studierende, die sich von diesem Protest distanziert haben.

Es bleiben die Fragen, inwiefern wirklich etwas verändert werden kann und welche Wege und Mittel es gibt, die Forderungen durchzusetzen. Sind ziviler Ungehorsam und Unangepasstheit überhaupt Werte, die in unserer Gesellschaft noch Platz haben oder ist nicht viel eher Angepasstheit und Schweigen erwünscht?

Beim ersten Montagsfrühstück im neuen Jahr sollen verschiedene Generationen zu Wort kommen.

Anneliese Rohrer, geboren 1944, „die Doyenne der innenpolitischen Publizistik“ (Falter), gehört zu den profiliertesten JournalistInnen Österreichs. Sie ist seit 1974 Redaktionsmitglied und Kolumnistin der Tageszeitung „Die Presse“. www.facebook.com – Anneliese Rohrer

Franz Xaver Schumacher, geboren 1984, studierte in Wien, Innsbruck und Bochum vor allem Komparatistik. Derzeit arbeitet er an seiner Diplomarbeit über Systeminterferenzen im Professional Wrestling. Verschiedene Tätigkeiten im Kultur- und Veranstaltungsbreich, journalistische und literarische Veröffentlichungen in mäßig gelesenen Zeitschriften. Er lebt in Innsbruck und Köln.

Andrea Umhauer, geboren 1986 in München, Studium der Erziehungswissenschaft und Psychologie in Innsbruck, seit 2009 bei der „Uni brennt Bewegung“ aktiv. Seit 2011 studentische Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft.
www.facebook.com/#!/geiwimax

Kör­per, Tech­nik, Natur

Ort: Literaturhaus

Moderation: Martin Fritz

Kordula Schnegg und Bernhard Kathan im Gespräch

Beim letzten Montagsfrühstück in diesem Jahr wird es auf einer grundsätzlichen Ebene um das Verhältnis von Natur und Kultur und um die Frage von Biopolitik gehen, wobei im Zentrum die Frage von Bildern des Körpers und von Körperlichkeit generell stehen wird. Ist der Körper ein natürliches Ideal oder ein technischer Effekt? Wie sehen die Normen von natürlicher Körperlichkeit aus und wie haben sie sich entwickelt? Orientieren sich „technische“ Eingriffe in den Körper an einem Ideal des „Natürlichen“?

Kordula Schnegg, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik hat sich in ihrer Forschungstätigkeit mit der Geschichte von Körperlichkeit und Körperbildern beschäftigt. Sie wird mit dem Kulturhistoriker, Sozialwissenschaftler und Künstler Bernhard Kathan diskutieren, dessen Kunst und wissenschaftliche Arbeit sich immer wieder mit der Frage des Körpers und des Verhältnisses von Natur und Kultur / Technik auseinandersetzen.

www.hiddenmuseum.net

Eine Kooperation zwischen Literaturhaus am Inn, Denkpanzer und der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft d. Universität Innsbruck

Geld: Tausch­mit­tel, Ware, Machrsymbol?

Ort: Literaturhaus

Moderation: Martin Sexl

Silke Meyer und Peter Rosei im Gespräch

Wie reden wir über Geld? Was verbinden die Menschen emotional mit Geld? Und was ist Geld überhaupt? Eine soziale Praxis? Ein alltägliches Medium? Ein Fetisch? Eine Ware? Ein vernünftiges Instrument des Tausches? Gerade in Zeiten eines – wie es scheint – enthemmten Finanzkapitalismus sind solche und ähnliche Fragen hochinteressant. Das Montagsfrühstück wird zwar nicht das Entstehen von Finanzkrisen erklären können, allerdings kann es Raum geben, um über die Semantik des Geldes zu diskutieren und die Trennung von Ökonomie und Kultur in unserer Gesellschaft zu hinterfragen.

An diesem Montagsfrühstück treffen sich der historisch-ethnographische Blick der Innsbrucker Ethnologin Silke Meyer mit dem literarisch analytischen des Schriftstellers Peter Rosei, der mit seinem Roman Geld! ein lakonisch packendes Buch, ein scharfsinnigböses Puzzle mit komödiantischen Zügen geschrieben hat und seinen Blick auf die Gegenwart unserer Gesellschaft wirft, die bis in die Lebenswürfe des einzelnen hinein in den Fängen des Kapitalismus verstrickt ist. So heißt es denn auch in Anspielung auf Schnitzlers Meisterwerk: „Der Kapitalismus ist ein weites Land.“

Silke Meyer ist Universitäts-Assistentin am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Ökonomische Anthropologie, Stereotype, Nation und nationale Identität sowie Ethnologische Bildungswissenschaft.

Eine Kooperation zwischen Literaturhaus am Inn, Denkpanzer und der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft d. Universität Innsbruck

Zurück zur Natur – nur, zu welcher?

Ort: Literaturhaus

Moderation: Martin Sexl

Das komplexe Wechselverhältnis von Natur und Kultur/Zivilisation soll in diesem Montagsfrühstück zur Diskussion gestellt werden. Es diskutieren der Schriftsteller und Musiker Hans Platzgumer und Josef Nussbaumer, Professor am Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte an der Universität Innsbruck.

Oft sprechen wir wenn es um Armut, atomare Unfälle, Klimawandel oder andere schreckliche Konsequenzen menschlichen Handelns geht von „Unglück“ oder „Katastrophen“, als ob solche Ereignisse „ganz natürlich“ über den Menschen hereinbrechen würden und nicht von diesem gemacht wären. Natur kann so gesehen in der gesellschafts-politischen und medialen Rhetorik als Argument dienen, um menschliches Handeln zu entschuldigen. Parallel dazu scheint es ein sehr starkes menschliches Bedürfnis und eine Sehnsucht nach einer „natürlichen Natur“ zu geben, die einen Rückzugsort bildet, der frei ist von zivilisatorischen Überformungen und technologischen Eingriffen, welche die Erde ja zunehmends an den Rande eines Kollapses zu führen scheinen. Diese „natürliche Natur“ ist jedoch vielleicht nicht mehr als unberührte Wildnis denkbar, die es schon lange nicht mehr gibt, sondern als in irgendeiner Form deformierte Natur. Exemplarisch wird das dort deutlich, wo vom Menschen gemachte Katastrophen zu einem zivilisatorischen Versagen geführt haben und die Natur zu wuchern beginnt, wie in der Sperrzone rund um Tschernobyl oder in den von Wirbelstürmen heimgesuchten Tropen.

Zwi­schen Dienst­leis­tung und Auto­no­mie­an­spruch: Wovon die Kunst leben soll

Ort: Literaturhaus

Moderation: Nina Fuchs

Cornelia Travnicek, Frank Klötgen und Martin Fritz im Gespräch.

Nur sehr wenige SchrifstellerInnen können allein von ihren Buchverkäufen leben. Literarisches Schreiben geht also fast immer mit der prekären Lage zwischen Hoffen auf Preise und Stipendien, privatem Mäzenatentum, Einkünften durch Lesungen oder literaturfernen Nebentätigkeiten einher. Welche und wessen Kriterien leiten dabei die jeweiligen eigenen künstlerischen Erzeugnisse? Und, gesellschaftspolitisch gefragt, welchen Ansprüchen sollte Literatur genügen? Hängen ästhetische Fragestellungen mit konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen zusammen? Wenn man als SchriftstellerIn am freien Markt nicht überleben kann, soll dann die Allgemeinheit dafür bezahlen – und falls ja, welche Art der Literatur soll dadurch gefördert werden? Und wer soll darüber entscheiden und wie?

Cornelia Travnicek, geboren 1987, Studentin an der Universität Wien, derzeit im Masterstudium Sinologie. Hattinger Förderpreis für junge Literatur 2004. 2008 erschien Die Asche meiner Schwester. Erzählung in drei Teilen (Literaturedition Niederösterreich), 2009 Fütter mich. Prosa (Skarabaeus).

Martin Fritz, geboren 1982, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Deutschen Philologie in Innsbruck. Gründungsmitglied der ersten Innsbrucker Lesebühne Text ohne Reiter, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, zuletzt: Wortlaut 09. Gold, hg. von Zita Bereuter und Markus Zachbauer (2009, Luftschacht). Preise und Auszeichnungen (zuletzt: Rauriser Förderungspreis 2010). Weblog: http://assotsiationsklimbim.twoday.net

Frank Klötgen, geboren 1968 in Essen, Slam-Poet und Netzliterat, Sänger und Texter bei „Marilyn’s Army“. Studierte Kommunikationswissenschaften, war 10 Jahre lang als New Media Manager bei Universal Music tätig, kündigte um den Roman Der Fall Schelling (2010, Buch und CD) zu schreiben. Gewinner zahlreicher Poetry Slams, im September 2010 Premiere seines ersten Soloprogramms. Publikationen zuletzt: Spätwinterhitze (2004 ,CD-ROM), Will Kacheln (2007, Buch und CD). Lebt in Berlin.

Ent­blö­ßung des Selbst im Netz

Ort: Literaturhaus

Moderation: Martin Fritz

Sabine Gruber und Thomas Schröder im Gespräch

Das Prinzip des Web 2.0. als Demokratisierungsgebot wird fortwährend von Kategorisierungsmaßnahmen unterlaufen. Das Registrieren in so genannten sozialen Netzwerken wie etwa facebook führt vielfach zu regelrechten Identitätsbaustellen: Merkmale, Geschmack, Vorlieben, Geschlecht und vieles mehr werden in bereitstehende Sparten eingetragen, das Selbst auf diese Weise regelrecht transformiert und konstituiert. Auf der anderen Seite spielen digitale Informations- und Kommunikationsquellen eine wichtige Rolle im globalen Demokratisierungsprozess.

Wie schmal ist der Grat zwischen politischer Partizipation und reiner Selbstdarstellung? Und was passiert durch diese Form der Zurschaustellung des individuellen Selbst? Cyber-Mobbing ist beispielsweise eine Konsequenz des exzessiven Zurschaustellens im halb-öffentlichen Raum und es verschiebt sich nicht nur die Grenze zwischen öffentlich und privat, sondern auch jene zwischen Nähe und Distanz.

Sabine Gruber, geboren 1963, lebt als Schriftstellerin in Wien. Zuletzt erschienen die Romane Die Zumutung(2003) und Über Nacht(2007, beide: C. H. Beck). Im Herbst erscheint Stillbach oder Die Sehnsucht. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. Anton-Wildgans-Preis (2007) und Robert-Musil-Stipendium (2009–2011).

Thomas Schröder, geboren 1957, Germanist und Medienwissenschaftler am Institut für Germanistik in Innsbruck.