Ágnes Czingulszki 18. – 22. 01. 2021

Hören

Kapuzinerblüten

Vor ein paar Wochen saß ich auf dem Balkon – als einem die Nasen­löch­er davon noch nicht ganz zufroren – und lauschte dem Innen­hof, was er heute zu sagen hat­te. Die Geräusche sind in den let­zten Monat­en zu guten Bekan­nten gewor­den. Das Rauschen der Blät­ter, das Häm­mern ein­er Schlag­bohrmas­chine, die Rap­musik der Nach­bar-WG: unsere abendlichen Gespräche.

Ich ließ mir schon vor Tagen von mein­er Mit­be­wohner­in eine Zigarette drehen, denn auch jet­zt habe ich das Drehen nicht gel­ernt, und rauchte sie, zog sie tief in die Lunge bis sich dieses Gefühl ein­stellte, den Rauch durch die Glied­maßen fließen zu spüren bis in die Haar­spitzen und die Fin­gerkup­pen. Wenn ich rauche, höre ich beson­ders gut. Ich höre die Käfer unterm Laub, wie ihre Beinchen an den vertrock­neten Blät­tern kratzen, ich höre in ein­er ent­fer­n­ten Woh­nung, wie jemand auf ein­er Bratsche übt, ander­swo kommt aus einem Keller Bierzis­chen, während ein junger Mann lau­thals mit seinen Fre­un­den lacht.

Meine Konzen­tra­tion gilt nur den Geräuschen, als ob mein Sehver­mö­gen und mein Geruchssinn ihre Kräfte für mein Ohr bün­deln wür­den und ich frage mich, ob ich auch tagsüber durch die Wände hören kann, wie jet­zt, wo ein Mann und eine Frau disku­tieren, eine Wange an eine Hand­fläche klatscht, Arme über einen Tisch fegen und Geschirr auf dem Boden zer­schellt, und ob ich vielle­icht Super­pow­er besitze, nur im All­t­ag zu abge­lenkt bin, um durch die Wände zu hören.

Seit­dem der Balkon mein neues Net­flix ist, um mich von der Welt abzukapseln, die mich durch Bild­schirme nur mit Hoff­nungslosigkeit füllt, greife ich immer öfter zu mein­er Super­pow­er. Oft funk­tion­iert sie aber nicht. Ich ziehe den Rauch zwar ein, aber er schafft es nicht in die Haar­spitzen und die Zehen, son­dern bleibt ungewiss zwis­chen Lunge und Hals steck­en. Dann wird mir übel und ich ärg­ere mich, dass man mich im Stich gelassen hat.

Der Him­mel spal­tet sich – es ist ein leis­es Geräusch, wie wenn man langsam einen Kle­b­ver­schluss öffnet – und die Tropfen, die wie gläserne Kamikazepi­loten mit hoher Geschwindigkeit gegen den Boden pras­seln, greifen in die Melodie ein, es schließen sich rhyth­mis­che Knalle aus der Küche dazu und das Öff­nen und Schließen von Türen. Mir wird kalt und ich gehe hinein.

Riechen

Küssende Menschen

Zu pünk­tlich. An einem Dien­stag im Mai ste­ht der Nach­bar in der Tür. Ich habe sie grad erst hin­ter mir zugemacht und damit gerech­net, dass ich jet­zt noch min­destens zehn Minuten Zeit haben werde, weil mein Nach­bar aus dem Osten kommt. Und Ost-Europäer haben ein flex­i­bles Zeit­ge­fühl, das sich beson­ders gut in die Zukun­ft dehnen kann. Das kann ich deswe­gen so sich­er sagen, weil ich selb­st Ungarin bin. Durch Inte­gra­tion und Anpas­sungs­fähigkeit kann sich die Dehn­barkeit etwas verkürzen. Statt Stun­den han­delt es sich dann nur noch um Vier­tel­stun­den, bei mir sog­ar um ein pünk­tlich­es zu spät Kom­men von zehn Minuten.

Meine Hose aufgeknöpft, die Schuhe ger­ade abge­wor­fen, öffne ich die Tür und da ste­ht ein Typ in einem bun­ten Sei­den-Short mit Tat­toos über­sät, kahlrasiert, zwis­chen Nase und Lip­pen ein biss­chen Haare im Gesicht. Kurz set­zt mein Herz aus und ich frage mich, auf was ich mich da ein­ge­lassen habe?… Eine SMS ein­fach jemand Unbekan­ntem schreiben, den ein­er mein­er Fre­unde ken­nt und meinte: Der wohnt neben dir und geht auch gern joggen. Ich schlucke, ziehe mich um, während er an mein­er Türstange herum­turnt, und denke mir, aus­pro­bieren kann man es ja mal.

Kün­ftig ste­ht er dien­stags wie ein Uhrw­erk vor mein­er Tür, in immer neuen geschmack­losen Sei­den-Shorts, die ich unmöglich finde. So lächer­lich ich sie am Anfang emp­fun­den habe, so schön finde ich sie an seinen lan­gen Beinen von Mal zu Mal. Ich habe es nicht geplant, aber plöt­zlich rast mein Herz schon ab dem Zeit­punkt, da ich die Lauf­schuhe anziehe und mir die Klin­gel, die er viel zu lange drückt, durch Bein und Mark geht.

Eines Tages mache ich die Tür auf und wir haben keine Shorts und Lauf­schuhe an, wir laufen nicht auf Asphalt und Wald­bo­den nebeneinan­der, wir erzählen uns nicht von Cousins und Vätern und ein Leben, das vor den Lauf­di­en­sta­gen passiert ist, son­dern wir sitzen an einem Tisch, es ste­ht eine Wein­flasche zwis­chen uns und mir fall­en Fis­chstückchen von der Gabel. Das macht nichts, wir küssen uns trotz­dem, nach­dem die Flasche leer ist und endlich erobere ich diese Zähne, die ich seit Wochen beim Dehnen anse­he und die ich seit Wochen gerne anfassen würde. Ich bin ihm so nah, dass ich die weißen Körnchen um seine Augen herum sehe. Diese kleinen, die man von hohem Cho­les­terin bekommt und sein Geruch ist anders als beim Laufen. Beim Laufen riecht er nach Met­all, Salz und frischge­back­e­nen Brötchen. Er riecht nach Warm. Jet­zt riecht er nach gewasch­en­er Haut und Zah­n­paste. Nach Zivil­i­sa­tion, nicht nach Stärke. Ihm wach­sen Haare auf der Glatze und ein Glanz in den Augen und ich ver­grabe mich in seinem Kör­p­er Ich weiß noch nicht, dass es kein Daunen­bett mit fluffi­gen Fed­ern ist, son­dern ein Schützen­graben, in dem unvorherge­se­hen die Bomben fall­en und Löch­er in mich hine­in­fet­zen. Immer, wenn wir wieder tot füreinan­der sind, alle Chatver­läufe gelöscht, die Klin­gel stumm, gibt es nur einen Weg, uns wieder zu ver­söh­nen. Wir müssen uns zufäl­lig auf einem Zebras­treifen begeg­nen, ich muss den Schritt auf ihn zuge­hen, ich muss zuerst die Arme um ihn schlin­gen. Dann reden wir einige Sekun­den gar nicht, ich atme die fluffige Daunen­decke wieder in mich hinein und vergesse, dass ich mit­ten im Krieg bin, dass das, was wir haben, nie Liebe sein kann, dass das, was wir haben, eigentlich ständi­ge Furcht vor der näch­sten Bombe ist. Wenn ich ihn umarmt habe, kann er trotz­dem nicht mehr Nein zu mir sagen, ich fange ihn mit dem Geruch, der mich umgibt.

Es ist Novem­ber und die Bomben kom­men häu­figer. Um die Wun­den zu ver­sor­gen, gibt es kaum mehr Zeit, schon kommt der näch­ste Angriff. Egal. Ich stürze mich trotz­dem in diesen Kör­p­er und halte ihn erneut am Zebras­treifen an, danach sagt er, auf einem Sofa sitzend: „90 Prozent“ und dass ich gehen soll, denn er kann mich nicht mehr riechen, mit sein­er Nase, ein­fach wortwörtlich und, dass mein Geruch neun­zig Prozent davon aus­macht, was er gut an mir find­et. Ich lache und ver­han­dle, bis wir auf vierzig Prozent kom­men. Dreißig Prozent bekomme ich noch für meine Klugheit und dreißig Prozent für meine Schön­heit. Und dreißig Prozent, weil ich manch­mal lustig bin. Aber das sind die Bonus-Prozente, die nicht immer zutr­e­f­fen. Zu welchen Prozen­ten er was an mir has­st, besprechen wir dies­mal nicht.

Obwohl ich nachts neben ihm kaum schlafen kann, weil das Blut in meinem Kör­p­er ständig rast, liege ich gern bei ihm. Sein Zim­mer riecht staubig, seine Fen­ster klap­pern, seine Wände wer­fen das flat­ternde Licht seines Bild­schirms aufs Bett. Ich ver­suche mich an seinen Kör­p­er zu schmiegen, die Kör­per­stellen, die nicht zugedeckt sind, mit meinen Beinen und Armen zu umman­teln, meinen Kopf lege ich unter seine Achsel. Daraus kommt am meis­ten er, aus dieser Kurve seines Kör­pers, und ich liege dort und füh­le mich wie in einem Dro­gen­rausch, weil ich weiß, dass das nicht gut ist, dieses Liebe Spie­len, aber nicht Liebe Können.

Ein paar Tage später schreibt er mir eine SMS. „Geh nicht außer Haus. Ich habe Coro­na“ – und ich bleibe in meinem Zim­mer allein, zehn Tage lang. Unsere Ver­söh­nung hat damals nicht funk­tion­iert und jet­zt bin ich auf Entzug. Ich muss allein aufräu­men, in diesem Kriegs­ge­bi­et Ord­nung schaf­fen, die Bombenkrater zudeck­en, Bäume Pflanzen, Blu­men­beete anle­gen und zuse­hen, dass ich mich endgültig abgewöhne. Auch die Klin­gel drückt nie­mand mehr zu lange.

Sehen 

Blick aus dem Fenster

Manch­mal sitze ich ein­fach auf meinem Heizkör­p­er und schaue auf die Straße. Wer groß genug ist und in diesem Moment zurückschaut, sieht mir dann direkt ins Gesicht. Im Som­mer sitze ich bei offen­em Fen­ster und esse in der Sonne mein Mit­tagessen, dann wün­schen mir meine Fußgänger-Fre­unde Mahlzeit und ich nicke zurück. Von meinem Fen­ster aus ist die Welt sehr klein. Einige Meter weit­er gibt es schon die näch­ste Mauer, Fen­ster­auss­chnitte mit einem Trep­pen­haus und schiefen Ord­nern unter Neon­licht. Ich warte auf den Moment, in dem die vie­len Ord­ner in einem Domi­no­ef­fekt umkip­pen, aber seit zwei Jahren passiert nichts. In den Räu­men sehe ich sel­ten jeman­den. Als ob es in diesem großen Haus außer den Ord­nern, den Trep­pen und dem Neon­licht nichts geben würde. 

Einige Men­schen kenne ich aber von der Straße. Sie suchen mit ihren alten Volvos ständig Park­plätze oder über­queren die Kreuzung mit ein­er Kiste Bier. Es gibt auch diesen alten Mann, er kommt aus einem Hau­sein­gang von schräg gegenüber und hält seinen Enkel­sohn an der Hand. Manch­mal schub­st der Enkel­sohn seinen Groß­vater, der einen Schritt zurück­treten muss, dann nimmt der Groß­vater ihn wieder an der Hand und sie gehen zusam­men weit­er, als ob nichts geschehen wäre. 

Mit den Jahren wird aber der Groß­vater klein­er und der Enkel­sohn größer. Die Schritte, die er machen muss, wenn sein Enkel ihn schub­st, wer­den mehr, er kommt öfters ins Wanken. Wenn ich sie von meinem Fen­ster aus sehe, möchte ich gerne dazuge­hören. Nicht wegen der Schub­serei, son­dern wegen den zwei Hän­den, die sich immer wieder finden. 

Dieser Groß­vater kommt aus ein­er anderen Welt. Ein Lächeln unter der dun­klen Schild­kappe, ein geord­netes Gesicht, wie jemand, der nur kör­per­lich ins Wanken kommt. Ich stelle mir vor, wie gut es mir tun würde, ein­fach neben ihnen herzuge­hen. Der Enkel­sohn würde seine komis­che Sprache sprechen, würde seine schw­eren Schritte tun und ich würde auf der anderen Seite des Groß­vaters wie ein Schat­ten mit­ge­hen, ihn von den Augen­winkeln betra­cht­en und kurz Teil der Ruhe sein. 

Ich habe den Enkel­sohn auch einige Male mit ein­er kleinen Frau gese­hen. Vielle­icht ist es die Schwest­er oder die Mut­ter, ich kön­nte es nicht sagen. Sie ist schmal und zier­lich und sieht wie ein Mäd­chen aus. Über ihrer Schul­ter eine ele­gante Tasche, auf ihren Füßen Schuhe mit dün­nem Absatz. Der Enkel­sohn ist schon längst stärk­er als sie, im Gesicht der Frau Fal­ten der Wut, Anstren­gung und Erschöp­fung, wenn sie mit ihm geht. Sie hat keine Zeit für das Schub­sen und Wiederfind­en. Es ist ein „Amarmweit­erz­er­ren“, wenn sie mit ihm unter­wegs ist. 

Ich habe die Frau, den Enkel­sohn und den Groß­vater von mein­er Fen­ster­bank aus so oft beobachtet, mir so oft über sie Gedanken gemacht – woher sie kom­men, was sie in Inns­bruck tun, was der Enkel­sohn für eine Krankheit hat, wann der Groß­vater umfällt und nicht mehr auf­ste­ht –, dass es mir eines Tages wie selb­stver­ständlich vorkommt, den Groß­vater und den Enkel­sohn auf dem Gehsteig zu grüßen. Und der Groß­vater zeigt auf unsere Tür, an der ein Zettel hängt: Was ste­ht dort, fragt er mich, wie ein tibetis­ch­er Mönch, der mir ein Rät­sel stellt und ich lese es ihm vor. „Bitte, den Schlüs­sel ganz umdrehen. Das Schloss wurde repari­ert“ und erk­läre, es sei für den Post­mann, der seit eini­gen Tagen immer klin­gelt, weil er glaubt, sein Schlüs­sel funk­tion­iere nicht mehr. Der Groß­vater nickt mit diesem unbeir­rbaren Lächeln – eine Bestä­ti­gung, das Rät­sel richtig gelöst zu haben – und geht weit­er auf die Kreuzung zu, mit dem Enkel­sohn an der Hand, der nach ein­er kleinen Pause seine unver­ständliche Sprache fort­set­zt. Ich habe das Gefühl, ich habe ger­ade den Star mein­er Lieblingsserie getroffen. 

Tasten (für J.)

übermaltes Porträt

Niemals, niemals werde ich das machen. Es ist das Pilze Essen meines Erwach­se­nen­lebens und doch habe ich es gemacht. Jet­zt habe ich es doch noch gemacht. Dieses Hin- und Her­wis­chen von Män­nern und Frauen. Es war ein­fach plöt­zlich da. Dieses Gefühl: Es ist egal, nie­man­dem muss ich beweisen, wie ursprünglich und echt und natür­lich ich bin. Ich gewinne Ein­blicke in eine neue Welt, in die ich nie Ein­blicke gewin­nen wollte. Wenn sowieso unser aller Leben in der gewohn­ten Art zer­bröselt, kann ich auch ein wenig zer­bröseln. Und Spaß macht es auch, die Brösel wieder zu was Neuem zusammenzuschieben.

Allabendlich sitze ich vor diesem kleinen Bild­schirm und habe mit­tler­weile so viel Erfahrung, dass ich mit erschreck­ender Geschwindigkeit tippe, wis­che, tippe, wis­che, tippe, wis­che und in weni­gen Sekun­den Men­schen in Schubladen stecke. Aha. Nur zwei Bilder. Der will nichts von sich preis­geben. Aha. Mit anderen Mädels und einem Motor­rad. Das ist ein Gigo­lo. Aha. Ski­fahren, Skat­en, Klet­tern. 0815-Inns­bruck-Style. Die Men­schen fließen zu ein­er Masse zusam­men und, wenn mich aus dieser Masse jemand auch mag, erscheint er plöt­zlich in ein­er Leiste, gemein­sam mit anderen kleinen Bildern am oberen Rand meines Handys. Manch­mal wun­dere ich mich: Habe ich wirk­lich diese Men­schen nach rechts gewischt?

Ein dig­i­taler Harem, der nicht beson­ders nüt­zlich ist. Die Begeg­nun­gen: Das mod­erne Zwinkern eines frem­den Men­schen über einen dig­i­tal­en Bar­tisch hin­aus. Ein Punk­te­sam­meln im Liebessys­tem. Es sind kleine Bewe­gun­gen, man muss sich keinen Moment lang kör­per­lich, seel­isch oder psy­chisch anstren­gen, um irgend­wo anzukom­men. Eigentlich sollte das schon alarmierend sein. Der Dau­men und der Zeigefin­ger sprin­gen in Mil­lime­ter­ab­stän­den links und rechts, wis­chen nach unten oder nach oben. Fehler passieren mir kaum mehr. Ich vergebe keine Extra­punk­te mehr aus Versehen.

Während ich mich in dieser Punk­tewelt aufhalte, denke ich nicht daran, dass ich mit meinen Fin­gern eigentlich lieber Buch­staben auf Haut schreiben würde und dass unter meinen Fin­gern diese Haut zur Gänse­haut wer­den sollte. Danach kön­nte ich die Gänse­haut küssen. Nein. Ich beobachte mich ein­fach. Ein anthro­pol­o­gis­ch­er Feldzug, in dem ich mit­ten drin bin.

Beim Schreiben mit den Män­nern habe ich keine Masken auf. Ich bin, wie ich bin. Ein biss­chen durchgek­nallt und ein biss­chen kom­pliziert. Es ist schon vorgekom­men, dass mich Män­ner aus ihrem dig­i­tal­en Harem-Leis­ten raus­ge­wor­fen haben. Das musste ich erst mal googeln, weil ich das nicht ver­standen habe, dass sie ein­fach so ver­schwun­den sind. Ich wusste nicht, dass so etwas geht. Auf Deutsch gesagt, man wird ohne Erk­lärung abserviert.

Es tut mir kein biss­chen weh. Ich finde es eher unter­halt­sam. Tre­f­fen will ich die Män­ner und Frauen eigentlich nicht. Dafür ist mir der Aufwand zu groß und meine Zeit zu schade. Im wahren Leben wäre das anders. Wie dieser eine Mann, den ich vor ein paar Jahren in den Bögen ange­sprochen habe. Wir haben uns prächtig miteinan­der unter­hal­ten, aber meine Fre­unde warteten auf mich, deshalb habe ich vorgeschla­gen, das Gespräch bei einem Kaf­fee weit­er zu führen. Er sah mich an – sog­ar durch den dick­en, roman­tis­chen Rauch hin­durch war sein Blick ver­nich­t­end – und meinte: „Wie alt bist du denn?“ Und meinte dabei nicht, dass ich zu jung für ihn wäre. Das Gefühl, das ich sofort bekam: Jemand zieht mir den Magen mit einem Ruck durch den Rachen. In der dig­i­tal­en Welt passiert dir das nicht. Es passiert nicht dir, son­dern nur deinem Abdruck. Ein­er Essenz, die nur einen kleinen Teil – nicht beson­ders echt oder ehrlich – von dir aus­macht und somit zählt es auch nicht, wenn dir jemand mit einem dig­i­tal­en Ruck deinen dig­i­tal­en Magen durch deinen dig­i­tal­en Rachen zieht.

Ich habe mir auch schon über­legt, die Match-Meth­ode umzuset­zen. Im wahren Leben. Wenn ich einen Men­schen sehe, der mir gefällt. Ich wis­che mit der Hand­fläche ein­fach nach rechts – es kön­nte sog­ar als Begrüßung durchge­hen – und fange mit ihm zu reden an.  Vielle­icht begeg­net man neuen Men­schen so ein­fach­er. Aber Begeg­nun­gen sind rar gewor­den. Auch wenn sich Leute zwis­chen Topfe­nauf­strich und Tomaten­sauce länger in die Augen schauen. Die Form ihrer Nasen, die Krüm­mung ihres Lächelns, die Straffheit ihrer Back­en, wo sich die Mut­ter­male befind­en, wie dick die Lip­pen sind und ob sie ein Kinn mit Loch haben – alles formt man weit­er, wie man will. So vie­len schö­nen Per­so­n­en bin ich noch nie begegnet.

Die Sehn­sucht spüre ich erst dann, wenn ich den Bild­schirm aus­mache, wenn mein Harem sich in nichts auflöst und ich im Dun­klen unter der Decke liege. Ein kaltes Bein wärmt das andere kalte Bein und ich stelle mir vor, wie das doch war, als man sich umge­dreht hat und einem anderen Men­schen über den nack­ten Rück­en wis­chte. Haut an Haut. Hand­fläche an Wirbel­säule. Dafür würde ich dieses andere Wis­chen sofort in den Eimer wer­fen. Ah ja. Mist. Wie kon­nte ich es nur vergessen? Ana­log nen­nt man das Wis­chen eigentlich Streicheln.

Schmecken 

Weingläser

Wir saßen in unser­er Küche und lacht­en. An den Wän­den Kacheln, wie aus Liss­abon, weiß und blau, und obwohl wir genug Stüh­le hat­ten, stand M. zwis­chen uns. Als Schied­srich­terin, als Vertei­di­gerin, als verbinden­des Ele­ment von zwei Unbekan­nten. Sie händigte uns Teller aus und wir began­nen zu essen, hörten aber nicht auf zu lachen. O. lud uns ein, er werde in ein paar Wochen wegziehen, wir müssten zusam­men seinen Wein trinken, weil er die Flaschen nicht mit­nehmen könne. 

Ich ging alle paar Tage in seine Woh­nung, die durch den sukzes­siv­en Umzug von Tag zu Tag weniger wurde und wir tranken die Flaschen der Rei­he nach, von links nach rechts. Flaschen aus Öster­re­ich, aus Ital­ien, aus Frankre­ich und sog­ar aus Georgien. M. hat­te keine Zeit und war nie dabei. Die Flaschen leerten sich auch ohne sie. Und so wie sich die Flaschen mit dem Wein leerten, so öffneten sich unsere Augen. O. und ich erkan­nten Gemein­samkeit­en und nach eini­gen Tagen klopfte ich nicht mehr als eine Bekan­nte ein­er Bekan­nten an sein­er Tür, die nichts Besseres zu tun hat­te, son­dern als Fre­undin, die sich nichts Besseres vorstellen kon­nte, als an diese Tür zu klopfen. Ich fotografierte die Schat­ten sein­er Woh­nung, die Gläs­er in den Vit­ri­nen, das Licht im Flur und ich war der fes­ten Überzeu­gung, dass diese Woh­nung ein Ort des Glücks ist, in dem es wach­sen kann, während draußen die Welt anhielt und der Still­stand aus jed­er Straßen­ritze triefte. Hier wuchs ein Dschun­gel voller Lebensfreude. 

Eines Tages öffnete O. wieder eine Wein­flasche während wir kocht­en. Es gab Fisch mit Salz, Pfef­fer und Zitrone, dazu ein schön­er Salat. Während der Wein von der Flasche in die Gläs­er floss, sah ich schon, dass das ein Guter war. Er rann das Glas sofort nach unten und zog an der Wand diese hüb­schen Lin­ien hin­ter sich. Ein Wein mit Charak­ter, der sich seine Bah­nen selb­st aussucht. 

Ich war nie eine Weinken­ner­in. Nie ver­stand ich die Erk­lärun­gen, die Men­schen zur Beschrei­bung von Weinen gaben. Nus­sig, beerig, rauchig. Wahrschein­lich ist es ein­fach eine pro­funde Art der Lyrik, eine Dich­tung der Erin­nerun­gen, Emo­tio­nen und Erleb­nisse, die man im Leben gesam­melt hat und nun in ein­er Wein­flasche – die Essenz hun­dert­er Trauben, die bei Wind, Sonne, Regen und Kälte her­anwach­sen – wiederentdeckt. 

Wir stießen mit dem bern­ste­in­far­be­nen Wein an und ich nahm einen Schluck. Um mich herum ver­schwan­den die Küche, der Herd und O. und ich hat­te das Gefühl, ich bin in diesem Wein drin­nen und nicht umgekehrt. Dass ich über dreißig so etwas spüren würde, kon­nte ich mir eigentlich nicht vorstellen. So etwas ist nur her­anwach­senden Kindern voren­thal­ten, die zum ersten Mal im Leben einen neuen Geschmack ent­deck­en. Der Wein war nicht nus­sig, beerig oder rauchig, ich hätte nicht wirk­lich beschreiben kön­nen, wie er schmeck­te, nur, was ich spürte. Zuhause und gle­ichzeit­ig weit weg sein. O. machte sich Sor­gen, als er mein ver­stein­ertes Gesicht sah, und fragte mich, ob alles in Ord­nung sei, mir der Wein nicht schmecke. “Der Wein, der ist so gut.“ Ich kon­nte es nur so plump in Worte fassen, wie verza­ubert ich von diesem abson­der­lichen Geschmack war, der mich gle­ichzeit­ig an weite Reisen in die Wüste und an mein son­niges Zim­mer in einem kleinen ungarischen Dorf erin­nerte. Das nen­nt man Liebe auf den ersten Schluck. Ich schwenk­te das Glas hin und her, ließ den Wein für mich schaukeln und trank ihn, so langsam ich nur kon­nte. Aber, wenn man ver­liebt ist, trinkt man auch dann zu schnell, wenn man glaubt, langsam zu sein. Die Flasche war leer und ich ver­suchte nicht an den Wein zu denken, son­dern mit O. Schalplat­ten zu hören, zu tanzen und den Dschun­gel unser­er Lebens­freude Weit­erwach­sen zu lassen. 

Er wurde ein klein­er Dschun­gel, dafür umso dichter. Manch­mal auch im wortwörtlichen Sinn, denn ich kam noch einige Male, um Wein zu trinken, Essen zu kochen und zu Schallplat­ten zu tanzen. Anfangs waren Bilder an den Wän­den und Büch­er in den Regalen und zum Schluss war nichts mehr da. Außer ein paar Gläs­er, ein Tisch und zwei Stüh­le. Ich kenne nie­man­den, der so langsam aus­ge­zo­gen wäre, ein umgekehrtes Einziehen war das, was ich bei O. miter­lebt habe. Dann war O. tat­säch­lich weg, zulet­zt bracht­en wir noch die Wein­flaschen zum Müll. Das Klir­ren der zer­schel­len­den Flaschen der Abschied­sklang unser­er kurzen Fre­und­schaft. Wir hiel­ten uns nochmal an der Hand und schaut­en uns nochmal in die Augen und ich trank sehr lange keinen Wein mehr und kochte auch nicht so gutes Essen. Wieder triefte aus jed­er Straßen­ritze der Still­stand und jeden Tag fühlte ich ein neues Nichts. 

Ich wollte wis­sen, welchen Wein wir getrunk­en haben, ich hat­te vor lauter Erre­gung nicht auf das Etikett geschaut, aber als ich O. nach sein­er Abreise per Chat fragte, wusste er es selb­st nicht. Er schick­te mir Bilder von Wein­flaschen, die mir alle bekan­nt vorka­men, aber ich hätte nicht sagen kön­nen, welche es war. Vielle­icht war es gar nicht der Wein. Vielle­icht war es dieses gehobene Gefühl mit O. in dieser schö­nen Küche, mit dem schö­nen Essen und dem schö­nen Salat, in mir die Offen­heit für all die Schön­heit, ein Star­gate-Moment, der nie wieder zurück­zu­holen ist. Diesen Moment in irgen­dein­er Form nachzuah­men, mit Wein, mit O., mit Fisch, mit Salz – das wäre sicheres Scheit­ern. Die Lehre aus dem Dschun­gel: Manch­mal muss man loslassen kön­nen, um es weit­er zu genießen. 

hier geht’s zu allen Jour­nalen aus diesen Tagen