Blog von Clemens Berger Folge 2: Der Mann im Schlafsack

Als ich unlängst nach Wien zurück­kam, standen meine Nach­barn, ein Ehep­aar im Ruh­e­s­tand, mit ein­er anderen Nach­barin vor dem Hau­sein­gang. Der Ein­gang führt zur ersten Stiege und in einen Innen­hof, an dessen Ende die zweite Stiege liegt. Ich grüßte sie. Als ich weit­er wollte, fragten sie mich, ob ich den Mann gese­hen hätte, der seit einiger Zeit hier, gle­ich hin­ter dem Ein­gang an der Wand, in einen Schlaf­sack gehüllt liege. Das Haus­tor ist üblicher­weise ab neun Uhr abends versper­rt, Gegen­sprechan­lage gibt es keine. Ich war zwei Wochen in Jena gewe­sen. Nein, sagte ich, aber man kön­nte ja das Käl­tetele­fon der Car­i­tas anrufen. Die bei­den, die üblicher­weise sehr fre­undlich und hil­fs­bere­it sind, und die Dame, die ich nur vom Sehen kenne, blick­ten mich ent­geis­tert an. Den müsse man fotografieren — und das Foto der Polizei schick­en! Das sei ja ein Wahnsinn! Der schlafe ein­fach hier! Ich drehte mich um und ging. Willkom­men zuhause, dachte ich.

Das ist das Wider­liche an Öster­re­ich: Angst gepaart mit Gemein­heit und Ver­ach­tung für jene, denen es ohne­hin erbärm­lich geht. Es geht nicht um den Mann, den ich nie gese­hen habe. Es geht um eine Stim­mung, die latent da ist und von Türk­is­blau mit erschaf­fen und vehe­ment befeuert wurde. Es ist die klein­bürg­er­liche Angst, eine ver­meintlich heile Welt zu ver­lieren. Es ist der Wun­sch nach Sauberkeit, der einen cor­don san­i­taire gegenüber jenen ziehen will, die an den Ver­hält­nis­sen scheit­ern oder gescheit­ert sind. Es ist die Vertei­di­gung des christlichen Abend­lan­des, die nicht das Ger­ing­ste mit christlich zu tun hat. Es ist der Ruf nach der Polizei, die Bet­tler, Obdachlose und Frauen in Burkas zur Rai­son rufen und aus der Öffentlichkeit ver­ban­nen soll. (Das ist kein Lob der Bur­ka, bloß die Erin­nerung daran, dass kurz nach Ein­führung des Ver­mum­mungsver­bots die ersten besorgten Bürg­erin­nen und Bürg­er ver­schleierte Frauen in U-Bahn-Sta­tio­nen anhiel­ten, um die Polizei zu rufen.) Es ist die Forderung, Demon­stra­tio­nen zu ver­bi­eten, weil sie das Geschäft und den Verkehr störten. Es ist die Empörung über alles, was nicht so ist, wie es der Klein­bürg­er für richtig, gesund, sauber und nor­mal hält. Anstatt zu ver­suchen, Men­schen von irra­tionalen Äng­sten zu befreien, wer­den diese von der neuen Volkspartei und den Frei­heitlichen Tag für Tag entsch­ieden ver­stärkt. Sie wer­den ernst genom­men.

Höchst­wahrschein­lich war es nicht Absicht des Mannes im Schlaf­sack, spät Heimkehrende zu über­fall­en, auszu­rauben oder zu ermor­den. An dem Abend, an dem ich von ihm hörte, ver­sam­melten sich auf dem Helden­platz Tausende Men­schen zur Erin­nerung an Ute Bock.