Europa : Projekt : Kommentare

von 10 Autorinnen und Autoren aus 10 EU-Ländern

Für die einen ist Europa ein Bürokratieap­pa­rat, ein zutief­st ges­pal­tener Kon­ti­nent, für die anderen ein Sehn­sucht­sort, eine Utopie. In welchem Europa leben wir heute? Was bedeutet es heute, Europäer, Europäerin zu sein? Welche Hoff­nun­gen, Träume  und Erwartun­gen sind damit ver­bun­den?

Das Lit­er­aturhaus am Inn hat im Hin­blick auf die EU‐Wahl vom 23. bis 25. Mai 10 Autorin­nen und Autoren aus 10 EU‐Ländern ein­ge­laden, kom­men­tierend, lit­er­arisch, poet­isch, kri­tisch über Europa nachzu­denken.

Ab heute find­en Sie online die Texte von Lil­iana Corob­ca (RO), Cécile Wajs­brot (FR), Noé­mi Kiss (HU), Ingo Schulze (DE), Ste­fano Zan­gran­do (IT).

Ab 13. Mai kön­nen Sie die Gedanken zu Europa von Han Smith (GB), Friederike Göswein­er (AT), Chris­tos Chrys­sopou­los (GR), Natalia Malek (POL), Aleš Šte­ger (SI) lesen.

In Zusam­me­nar­beit mit der Tirol­er Tageszeitung

Da / Spiegelsplitter, womöglich zugehörig zu. Here / Fragments of mirror, possibly belonging to.

Han Smith

 

Da war ein Kind in der Schule, an der ich arbeit­ete, am Mor­gen, an dem das Ergeb­nis des Ref­er­en­dums bekan­nt gegeben wurde: „Nun kann sich Frau Gar­cia endlich ver­pis­sen, oder?“ Da war das Lehrerz­im­mer in den Wochen vor der Wahl: „Ich bin sich­er nicht ras­sis­tisch, aber habt ihr neulich die Innen­stadt von Wool­wich gese­hen?“
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Here’s a child at the school I used to work at, on the morn­ing the ref­er­en­dum result was announced: “So Ms. Gar­cia can final­ly piss off home, then?” Here’s the staffroom in the weeks before the vote: “I’m obvi­ous­ly not racist but have you seen Wool­wich town cen­tre recent­ly?” “I’m not racist but why should we take eighty mil­lion Turks?” “I’m not racist but come on – it’s about being Great.”
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Europa könnte sein.

Friederike Gösweiner

 

Denkbar wäre etwa: eine demokratis­che Repub­lik, zunächst wenig­stens auf einem Teil jenes Ter­ri­to­ri­ums, das die Men­schen heute mit dem Wort Europa assozi­ieren, mit vie­len Zen­tren, Eth­nien und Sprachen und mit Schulen, in denen statt der nationalen und regionalen Ober­häupter­ab­bilder die All­ge­meine Erk­lärung der Men­schen­rechte der Vere­in­ten Natio­nen die Wände füllte und eine Weltkarte, in deren Zen­trum nicht Europa liegt, und in denen Philoso­phie wie alle Kün­ste kein Neben­fach wäre und Reli­gio­nen nur noch gemein­sam unter­richtet wür­den in einem Fach mit Namen Mytholo­gie.
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Axiom der Erwartung

Christos Chryssopoulos

 

Wir leben in ein­er Union (wie iro­nisch doch mit­tler­weile dieses „Union“ anmutet), die sich von der­jeni­gen, die wir einst gewohnt waren, mit dem „Europäis­chen Par­a­dig­ma“ zu verbinden, ent­fremdet hat. Bürg­erdemokratie und soziale Gerechtigkeit, Schutz vor Armut und Ungle­ich­heit, Chan­cen­gle­ich­heit im Hin­blick auf soziale Mobil­ität und den Zugang zu Kul­tur und Bil­dung, Arbeits- und soziale Rechte, Tol­er­anz der Dif­ferenz, Nieder­las­sungs­frei­heit sowie Sozial­staat sind Begriffe, die schon längst nicht mehr auf der Agen­da ste­hen, aus dem öffentlichen Diskurs weitest­ge­hend ver­drängt wur­den und in die per­ma­nente Defen­sive ger­at­en sind.
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Ζούμε σε μια Ένωση (μόνον ειρωνικά ακούγεται πλέον αυτό το: «Ένωση») ξένη προς εκείνη που είχαμε κάποτε συνηθίσει να σχετίζουμε με το «Ευρωπαϊκό παράδειγμα». Η δημοκρατία των πολιτών, η κοινωνική δικαιοσύνη, η προστασία από την φτώχεια και την ανισότητα, οι ίσες ευκαιρίες κοινωνικής κινητικότητας, πρόσβασης στην εκπαίδευση και την κουλτούρα, τα εργασιακά και κοινωνικά δικαιώματα, η ανεκτικότητα της διαφοράς, η ελευθερία της εγκατάστασης καθώς και το κράτος πρόνοιας, είναι έννοιες που βρίσκονται εκτός ατζέντας και υπό διαρκή διωγμό.
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2385 km / 2385 kilometrów

Natalia Malek

 

…wenn Leop­ar­di vom Mond sprach, wußte er sehr genau, wovon er sprach.

Ita­lo Calvi­no, Sechs Vorschläge für das näch­ste Jahrtausend. Har­­vard-Vor­le­sun­­gen, über­set­zt von Burkhart Kroe­ber

Die ebene, isometrische Ober­fläche der Weltkarte wurde durch eine anomale Topogra­phie erset­zt, bei der Shan­non in größere Nähe zu Kat­towitz oder Fuerteven­tu­ra rück­te als zu Brüs­sel oder Madrid. Die bei­den Flughäfen, die Ryanair in Frankre­ich anflog, waren Beau­vais und Car­cas­sonne. Han­delte es sich dabei um Bes­tim­mung­sorte von beson­derem touris­tis­chen Inter­esse? Oder wur­den sie nur aus dem Grund touris­tisch inter­es­sant, weil Ryanair die bei­den Städte als Zielflughäfen gewählt hat­te?

Michel Houelle­becq, Karte und Gebi­et, über­set­zt von Uli Wittmann

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… mówiąc o księży­cu, Leop­ar­di dobrze wiedzi­ał, o czym mówi.

Ita­lo Calvi­no, Lekkość, przeł. A. Wasilews­ka

Płas­ką, izom­e­trycz­ną mapę świata zastąpiła nienor­mal­na topografia, w której Shan­non leży bliżej Katow­ic niż Bruk­seli, Fuerteven­tu­ry czy Madry­tu. We Francji Ryanair latał do Beau­vais i Car­cas­sonne. Czy były to dwa szczególnie turysty­czne kierun­ki? Czy też stawały się turysty­czne tylko dlat­ego, że zostały wybrane przez Ryanair?

Michel Houelle­becq, Mapa i tery­to­ri­um, przeł. B. Gep­pert

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EU-Flag: photo by Sara Kurfeß on Unsplash

Europa

Aleš Šteger

Was und wo gab es das schon? War es? Ist es gewe­sen? War Europa nicht die Gegend west­lich des Ural, einen Sprung weit ent­fer­nt vom Baikalsee? Unweit von Oz? Oder lag es irgend­wo hin­ter den Step­pen von Samarkand? Eine Gegend, von der es hieß, daß die Bewohn­er es liebten, alleine, jed­er für sich zu sein und auch so zu han­deln, woraus sie sog­ar eine Tugend macht­en, genan­nt Indi­vid­u­al­is­mus?
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Alles Europa / Toate Europele

Liliana Corobca

 

Ich glaube, es gibt nicht nur ein Europa.
Es gibt mehrere, ständig, zur gle­ichen Zeit.
Für manche ist Europa das Land der Illu­sio­nen und Träume, für andere, jenes der­ber Ent­täuschun­gen.
Das Land der Wider­sprüche und Para­doxe.
Der Iden­titäten, Min­der­heit­en, Demokra­tien, Bürokra­tien, aller möglichen The­o­rien.

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Cred că nu există doar o sin­gură Europă.
Există mai multe, mereu, în ace­lași timp.
Pen­tru unii, Europa e țara tutur­or iluzi­ilor și visurilor, pen­tru alții, a crun­telor deza­mă­giri.
A con­tradicți­ilor și a para­dox­urilor.
A iden­tităților, minorităților, democrați­ilor, biro­crați­ilor, a tutur­or teori­ilor.

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Stimmverlust / Aphonie

Cécile Wajsbrot

 

Und die gebroch­ene Stimme der There­sa May vor dem Unter­haus, als sie die zweite Ablehnung ihres Übereinkom­mens zum Brex­it zur Ken­nt­nis nahm, erschien wie die Meta­pher Europas. Eine heis­ere Stimme, die Mühe hat­te, sich Gehör zu ver­schaf­fen, diesel­ben Dinge wieder­holte, sich auf das Erre­ichte ver­steifte, sich weigerte, etwas zu verän­dern, sich zu entwick­eln, die wieder­holte, es gäbe keine andere Möglichkeit.
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Et la voix cassée de There­sa May devant la cham­bre des Com­munes, prenant acte du deux­ième refus de son accord sur le Brex­it est apparue comme la métaphore de l’Europe. Une voix érail­lée, ayant peine à se faire enten­dre, répé­tant les mêmes choses, s’arc-boutant sur l’acquis, refu­sant de chang­er, d’évoluer, répé­tant, il n’y a pas d’autre pos­si­bil­ité.
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Was ist Europa?

Noémi Kiss

 

Gren­zen, Gräber, Gast­land – eine Geografie des Glaubens, dass Men­schen hier miteinan­der sprechen kön­nen. Und eine neue Geografie der Wan­derung inner­halb Europas. Europa hat Löch­er und Brüche. Ver­lassene Orte gehören zu ihrer Karte, wie auch Wohl­stand der Priv­i­legierten. Sowie Trauer, Erin­nerung und eine Zukun­ft. Wan­derung von Ost nach West, die so heftig ist, wie nie in der Geschichte des Kon­ti­nents.

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Provinz in Europa

Ingo Schulze

 

Kamen unsere West-Ver­wandten zu Besuch in die DDR, gebraucht­en sie mitunter merk­würdi­ge Redewen­dun­gen. Zum Beispiel sagten sie: „Mor­gen fahren wir zurück nach Deutsch­land.“ Wer in Charkiw, Kazan oder Sara­je­wo lebt, wird heute genau­so unan­genehm berührt sein wie ich damals, wenn wir heute von Europa sprechen und dabei die EU meinen.

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Bild vom Autor Stefano Zangrando

Span­nungs­raum Euro­pa

Stefano Zangrando

 

Vor eini­gen Jahren schenk­te mir ein deutsch­er Kol­lege, von dem ich soeben einen Roman über­set­zt hat­te, ein „Alpen­panora­ma“, wie es auch ein Liebe­spaar in seinem Buch besaß: eine Land­karte, auf der nicht nur der ganze Alpen­bo­gen, son­dern auch das, was südlich der Alpen ist, aus der Vogelper­spek­tive zu sehen war.
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